Wie nehmen wir uns selbst wahr – und wie kommen wir tatsächlich bei anderen an? Diese Frage steht im Zentrum eines Gesprächs zwischen Podcast-Host Kevin und Personal-Branding-Expertin Béa Beste. Was zunächst wie ein Thema der Selbstreflexion klingt, entpuppt sich schnell als hochrelevant für alle, die im Marketing, im Sales oder in der direkten Kommunikation mit Kundinnen und Kunden arbeiten. Denn zwischen dem eigenen Bild und dem Fremdbild klafft oft eine Lücke – und genau darin steckt Potenzial zum Wachsen.
Authentizität und Mut als Ausgangspunkt
Zum Einstieg wagt Béa Beste eine ehrliche Fremdeinschätzung ihres Gastgebers. Sie beschreibt ihn als authentisch: jemand, der zu sich steht und nichts zurückhält. Aus dem eigenen Namen und der Körpergröße, die früher zu Problemen führten, habe Kevin eine Stärke und sogar eine Marke geformt – „Kevin allein im Marketing“. Dazu komme Mut, einen Job mit einem eigenen Podcast zu verbinden, sowie ein natürlicher Humor und eine liebevolle Art, sich über Dinge und Menschen lustig zu machen.
Interessant wird es dort, wo Wahrnehmung und Wertung auseinanderfallen: Dieselbe Eigenschaft kann von den einen positiv, von den anderen negativ gedeutet werden. Genau an diesem Punkt setzt Béa Bestes Arbeit an, die sie mittlerweile lieber „Identity Architecture“ als „Personal Branding“ nennt – weil es weniger um Selfies und Social Media geht als um tiefe Reflexion und Introspektion.
Inside out und outside in: Zwei Arten, in die Welt zu blicken
Ein zentrales Bild des Gesprächs sind zwei grundlegende Wahrnehmungsrichtungen. Bei der ersten – „inside out“ – schaut man wie durch ein offenes Fenster aus sich heraus in die Welt, sieht die anderen und handelt einfach. Bei der zweiten – „outside in“ – fragt man sich permanent: Wie nehmen mich die anderen wahr? Solche Menschen beobachten nicht sich selbst, sondern das Bild, das sie vermeintlich in den Köpfen der anderen hinterlassen.
Beide Haltungen haben Vor- und Nachteile. Zu viel „inside out“ kann in Rücksichtslosigkeit umschlagen, zu viel „outside in“ in vorauseilenden Gehorsam, bei dem man aus Angst, jemandem auf die Füße zu treten, gar nicht mehr ins Handeln kommt. Béa Beste veranschaulicht das am Beispiel der Tanzfläche: Manche gehen einfach hin und genießen die Musik, andere denken sofort daran, wie sie auf die Umstehenden wirken. Entscheidend sei, dass ein und dieselbe Person je nach Situation unterschiedlich agiere – bei Witzen vielleicht „inside out“, im Umgang mit den Lehrkräften des eigenen Kindes eher „outside in“.
"Ja und" statt "ja aber"
Ein praktischer Hebel im Umgang mit Feedback ist für Béa Beste die Haltung des „Ja und“. Statt auf Rückmeldungen mit Abwehr („ja, aber“) zu reagieren, empfiehlt sie eine offene, neugierige Replik.
Wenn mir jemand Feedback verpasst, kann ich sagen: Nein, das sehe ich ganz anders. Aber eigentlich die schönste Replik darauf ist: ja und. Und dann gemeinsam zu gucken.
Dieses Prinzip macht laut Béa Beste auch gute Beziehungen aus: die Fähigkeit zu fragen, wie man wahrgenommen wird – und ebenso die Fähigkeit, anderen mitzuteilen, wie man sie selbst erlebt. Feedback wird so nicht zum Angriff, sondern zur gemeinsamen Betrachtung.
Das Johari-Fenster: Wo Wachstum entsteht
Als theoretisches Fundament führt Béa Beste das Johari-Fenster ein, ein Modell aus der Psychologie der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre, benannt nach seinen Entwicklern Jonathan und Harrison. Die Matrix unterscheidet, was wir über uns selbst wissen und nicht wissen, sowie das, was andere über uns wissen und nicht wissen.
- Der offene, öffentliche Bereich umfasst das, was ich und andere über mich wissen.
- Wer mehr von sich preisgibt, öffnet den verborgenen Bereich – etwa persönliche Hintergründe, die eigenes Verhalten erklären.
- Im blinden Bereich liegt, was andere sehen, ich selbst aber nicht wahrnehme – hier steckt echtes Wachstumspotenzial.
Béa Beste macht das an ihrem eigenen bunten Auftreten deutlich: Der Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, sie möge nicht in Trauerschwarz gehen, gibt der Buntheit eine emotionale Geschichte. Wer diese kennt, wertet nicht mehr „zu grell“, sondern versteht. So verwandelt Selbstoffenbarung Wertung in Verständnis. Jedes Feedback wiederum, das ein persönliches „zu viel“ benennt, öffnet den blinden Bereich – und schafft die Chance, sich neu zu kalibrieren.
Feedback in der Praxis: aggregiert und anonym
In ihren Masterclasses lässt Béa Beste die Teilnehmenden nicht nur über sich selbst reflektieren, sondern auch aktives Feedback einholen. Sogenannte „Lebensbegleiter“ – vertraute Menschen – beantworten anonym die gleichen Fragen wie die Teilnehmenden selbst. Die Ergebnisse werden aggregiert und depersonalisiert ausgewertet. Dadurch entsteht kein Frontalzusammenprall zwischen Selbst- und Fremdbild, sondern ein Mosaik aus vielen Perspektiven.
Ein 180-Grad-Widerspruch komme daher praktisch nicht vor, so Béa Beste. Häufiger sei der Fall, dass jemand eine kleine Eigenschaft an sich für unproblematisch halte, während mehrere andere zurückmeldeten, dass sie „etwas Ungutes“ mit ihnen mache. Genau das seien die Momente der Einsicht – und, wie sie berichtet, gelegentlich auch der Tränen.
"So bin ich" – und die Grenzen davon
Am Ende bleibt die Frage, was man mit Rückmeldungen macht. Béa Beste verweist auf das Growth Mindset: Man kann Kritik annehmen und daraus lernen, entscheiden, dass man es im Moment bestmöglich gemacht hat, oder erkennen, dass es schlicht das Problem der anderen ist. Kevin schildert, wie er nach einer Moderation selbstkritisch die Karten für den nächsten Auftritt neu schrieb – konstruktive Kritik nimmt er gern an, persönliche Angriffe lässt er los.
Wichtig ist Béa Beste dabei die Nuance beim „So bin ich“. Ein Unternehmer entschied sich bewusst, trotz Wunsch seiner Umgebung nach seriöserer Kleidung bei seinem Markenzeichen zu bleiben – eine legitime, klare Entscheidung. Zugleich warnt sie vor einem „So bin ich, und das verletzt eben andere“. Auf einer Beerdigung etwa würde sie nicht bunt erscheinen, aus Respekt vor der Trauer. Es gibt kein allgemeingültiges „zu viel“ – die Frage lautet stets: zu viel für wen? Wer seine Werte kennt und weiß, wen er erreichen will, gewinnt Klarheit. Und mit dieser Klarheit, so das Fazit, kann man eigentlich nur besser werden.