Nach einem ersten Special, das 30 Jahre zurück ins Jahr 1996 führte, wagt der Podcast "Kevin allein im Marketing" im zweiten Teil den Sprung nach vorn – hinein ins Jahr 2056. Gemeinsam mit den wiederkehrenden Gästen Holger Weser und Thomas Böhme spekuliert der Host darüber, wie Vertrieb, Vermarktung und Markenführung in drei Jahrzehnten aussehen könnten. Beide Gäste hatten sich unabhängig voneinander KI-Systeme wie ChatGPT und Claude befragt und dabei überraschend ähnliche Thesen erhalten. Herausgekommen ist ein Gespräch zwischen technologischer Faszination und leiser Beunruhigung.

Werbung verschwindet – Unterstützung tritt an ihre Stelle

Eine zentrale Hypothese lautet: Klassische Werbung, wie wir sie kennen, wird weitgehend obsolet. Schon heute stehe symbolisch auf vielen Briefkästen "Keine Werbung", und dieses Prinzip könnte sich digital vollständig durchsetzen. An die Stelle des klassischen Verkaufens trete Unterstützung – zum richtigen Zeitpunkt, im richtigen Kontext, am richtigen Ort. Produkte und Dienstleistungen würden künftig über Assistenten angeboten, die proaktiv helfen, statt zu bewerben.

Als anschauliches Beispiel dient der Reifenwechsel: Statt einer Winterreifen-Werbung erkennt das Auto über seine Sensoren selbst den Bedarf, verhandelt mit mehreren Reifenanbietern und Werkstätten und bucht eigenständig einen Termin. Die Kaufentscheidung findet damit an anderer Stelle statt – der Mensch entscheidet kaum noch aktiv mit. Marketing habe in diesem Szenario scheinbar nicht mehr stattgefunden, obwohl im Hintergrund sehr wohl eine Kaufentscheidung getroffen wurde.

Vertrauen schlägt Reichweite

Einig sind sich die Gesprächspartner beim Thema Vertrauen. Nicht Reichweite, sondern Trust werde das entscheidende Kriterium sein. Der Host betont, dass er dieses Thema seit Jahren propagiere – spätestens seit Corona habe sich das Verhältnis zwischen Kunde und Dienstleister zu einem partnerschaftlichen gewandelt.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die kommende Entscheidergeneration. Böhme verweist auf seinen 2010 geborenen Sohn, der 2056 im typischen Führungsalter wäre. Diese Generation sei anders sozialisiert, orientiere sich stärker an der eigenen Peergroup und begegne klassischen Verkaufsgesprächen misstrauischer. Empfehlungen aus vertrauten Kreisen entfalteten eine ganz andere Wirkung als Kaltakquise – ein Schutzwall, der Vertrauen zum eigentlichen Türöffner macht.

Der Mensch wird das Premiumprodukt. Das persönliche Gespräch als Luxuserlebnis, fast wie ein Handwerk.

Die 4 P verschieben sich – und der Mensch wird zum Luxusgut

Weser bringt die Diskussion auf den Marketing-Mix zurück. Marketing höre nicht auf zu existieren, es werde vielmehr zu allem. Während Werbung (Promotion) an Bedeutung verliere, gewännen andere Faktoren an Gewicht: Der Preis werde durch KI-gestützte Vergleiche noch entscheidender, ebenso Lieferverfügbarkeit und Geschwindigkeit. Der persönliche, menschliche Kontakt hingegen werde zum Premium – zum seltenen und wertvollen Gut.

Böhme ergänzt eine sinnliche Dimension: Marketing könnte künftig physischer und taktiler werden, mit Ansätzen aus dem Neuromarketing. Statt nur über Augen und Ohren könnten Botschaften tiefer und kontextbezogener vermittelt werden – teils, ohne dass Konsumenten die Werbung überhaupt als solche wahrnehmen.

Die Gesprächspartner spielen konkrete Vernetzungsszenarien durch: ein Kühlschrank mit Kameras, der leere Bestände erkennt, Rezepte vorschlägt und automatisch einen Warenkorb bei einem Lebensmittelhändler befüllt. Kritisch angemerkt wird, dass ein realer Hersteller solche Kamerafunktionen mangels Nutzung wieder abschalten wollte – der Klumpatsch sei nicht zu Ende gedacht. Die intelligente Verknüpfung aller Systeme sei jedoch der eigentliche Weg in die Zukunft.

Social Scores, Fakes und die Frage nach der Kontrolle

Ein besonders zwiespältiges Szenario ist der Social Score. Mit Verweis auf die Serie "Black Mirror" wird durchgespielt, wie Preise und Kaufmöglichkeiten von einem persönlichen Bewertungswert abhängen könnten. Übertragen auf B2B wäre denkbar, dass Unternehmen nur noch mit Partnern oberhalb eines bestimmten Nachhaltigkeits- oder Sozialscores Geschäfte machen – womöglich unter Auswertung der sozialen Profile von Mitarbeitern.

Weser bleibt hier skeptisch und stellt die entscheidende Frage: Wer legt solche Scores fest? Profile ließen sich fälschen, Greenwashing sei bereits Realität. Gleichzeitig verweist die Runde auf schon heute existierende Abwehrmechanismen – etwa Smartphone-Funktionen, die unbekannte Anrufer als möglichen Betrugsversuch kennzeichnen. Das Spam-Problem aus dem E-Mail-Postfach könnte sich künftig auf den gesamten Kommunikationsraum ausweiten.

Was aus dem Vertrieb wird – Kontext und Verantwortung

Als beunruhigend empfinden beide Gäste die Prognose, dass viele klassische Vertriebsjobs wegfallen. Eine zitierte Auswertung nennt Vertrieb, Business Administration und Management als besonders gefährdet. Komplexität, die früher menschliche Beratung erforderte – etwa der Abschluss einer Lebensversicherung – lasse sich zunehmend automatisieren.

Entscheidend bleibe jedoch der Kontext und die Frage der Auswirkung. Beim Kauf einer komplexen Maschine gehe es weniger um die technische Erklärung als um Haftung und Absicherung: Wer zahlt, wenn etwas kaputtgeht? Vertrauen verschiebe sich damit in Richtung Verantwortung. Kernaussagen der Runde:

  • Verkaufen wird stärker zur Echtzeit-Sensorik: Systeme erfassen laufend Variablen und übersetzen sie in Empfehlungen.
  • Der Kontext wird zum entscheidenden Faktor – Relevanz entsteht durch Situation und Daten.
  • Einfache Verkaufsjobs verschwinden, gefragt sind Experten mit kontextuellem Wissen und menschlicher Kompetenz.
  • Die Verbindung von echtem Fachwissen (Solution Engineer) und zwischenmenschlicher Fähigkeit wird zum Erfolgsmodell.

Wozu noch Marken?

Zum Abschluss stellt Weser die Frage nach der Zukunft der Marke. Böhme glaubt, dass Branding tiefer und substanzieller werden muss – weg von Oberflächlichkeit, hin zu Kriterien wie Nachhaltigkeit. Zugleich richte sich die Marke künftig nicht nur an Menschen, sondern zunehmend an die Algorithmen und Agenten, die Kaufentscheidungen treffen.

Der Host sieht die Marke wichtiger denn je, betont aber, dass Unternehmen ihre nach außen kommunizierten Werte auch intern leben müssten – getragen von Mitarbeitern und Kunden. Weser argumentiert ambivalenter: Wenn objektive Faktoren hinterlegt sind und die KI entscheidet, könne die Marke als Abstraktionsebene an Bedeutung verlieren. Zugleich könnte sie im Consumer- wie im B2B-Bereich zum sozialen Symbol werden – als Signal der Zugehörigkeit, vergleichbar mit der Wahl einer bestimmten Hafermilch oder eines Aufklebers am Auto.

Die Runde endet mit dem Hinweis, dass der dritte Teil der Serie folgen wird. Der Host lädt seine Hörerinnen und Hörer ein, ihre eigene Einschätzung zu teilen: Werden Marken wichtiger oder verlieren sie an Bedeutung – und wie sehen Sales und Marketing in 30 Jahren tatsächlich aus?