Kann ein Film die Welt verändern? Für den Filmemacher Alex De Video ist das keine rhetorische Frage, sondern Berufung. In einer Folge des Podcasts "Kevin allein im Marketing" spricht der gebürtige Osttiroler mit italienischen Wurzeln und Wohnsitz in Hamburg über seinen ungewöhnlichen Weg zum Film, über Dreharbeiten in Kriegs- und Krisenregionen und darüber, welche Rolle künstliche Intelligenz in der Branche künftig spielen wird. Es ist ein Gespräch über Technik, Emotion und Verantwortung.
Vom Vorführraum ins Kino: der Beginn einer Leidenschaft
Die Faszination für Film begann bei Alex De Video im Alter von drei Jahren. Seine Verwandtschaft betrieb in Lienz eines der größten Kinos der Region, und sein Vater führte hobbymäßig Filme vor. Auf einem Stuhl stehend durfte der kleine Alex im Vorführraum ein handgemaltes Werbe-Dia in den Projektor schieben, während vom Tonband eine lokale Werbebotschaft lief.
Ich, kleiner Bimpf am Stuhl da hinten im Vorführraum, kann auf dieser Megaleinwand etwas bewirken.
Dieses Gefühl ließ ihn nicht mehr los. Über Diskokugeln, Nebelmaschinen und eine wachsende Lichtanlage kam er zur Veranstaltungstechnik, machte große Konzerte und verdiente damit Geld. Doch bei einem Konzert, als auf den Leinwänden ein Film über das Leben eines Musikers lief, spürte er erneut: Er wollte Geschichten erzählen. Er verkaufte alles, absolvierte ein Studium und wurde hauptberuflich Filmemacher.
Filmemacher statt Kameramann
De Video versteht sich bewusst als Filmemacher, nicht als Kameramann. Der Unterschied: Er begleitet ein Projekt von A bis Z und liefert am Ende einen fertigen Film. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Dokumentarfilm; sechs abendfüllende Kino- oder Dokumentarfilme hat er bereits umgesetzt. Für ihn geht es dabei um gesellschaftlich relevante Themen und um die Verantwortung, die mit dem Medium einhergeht.
Über zwanzig Jahre spezialisierte er sich auf Kriegs- und Krisenfilme. Dabei ging es ihm nie darum, an Frontlinien zu stehen, sondern darum, Massaker und Verbrechen aufzudecken, die sonst verborgen blieben. Gerade in unübersichtlichen Konflikten wie im Südsudan, wo verschiedene Gruppen gegeneinander kämpfen, sei die Arbeit besonders gefährlich, weil man nie wisse, wo als Nächstes etwas geschehe.
- Bei Einsätzen blieb oft nur rund eine Stunde Vorlaufzeit nach einem Anruf.
- Das gesamte Equipment war stets einsatzbereit.
- Teams waren bewusst klein, um nicht aufzufallen und Risiken zu minimieren.
- Häufig waren Notärzte oder Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen beteiligt.
Was solche Erlebnisse mit einem Menschen machen, ist Teil des Gesprächs. De Video betont, dass in Extremsituationen die Kamera das Letzte sei, was er anschalte, und dass die erste Hilfe immer Vorrang habe. Er beschreibt eine Fähigkeit, in Katastrophen klar denken zu können, während andere in Panik erstarren. Beim Erdbeben in Haiti habe ihm ein Katastrophenmanager gesagt, er sei einer der wenigen, die in solchen Situationen funktionierten. Seinen inneren Antrieb und seinen Schutz führt De Video auf seinen Glauben zurück, den er mit 26 Jahren fand.
Warum Emotion wichtiger ist als der perfekte Satz
Dokumentarfilm bedeutet enormen Aufwand. Wer richtig gut sei, arbeite mit einem Verhältnis von etwa 80 zu 1 – also 80 Stunden Material für eine Stunde fertigen Film. Am Anfang seien es sogar 100 zu 1. Weil nichts inszeniert wird, ist man wetter- und situationsabhängig und braucht viele Interviews, um am Ende eine chronologische, dramaturgische Erzählung zu formen.
Für De Video liegt der Wert echter Menschen und echter Geschichten genau in ihren Unvollkommenheiten. Ein grammatikalisch falscher, nicht zu Ende gesprochener Satz, bei dem Tränen fließen, kommuniziere tausendmal mehr als ein perfekt ausformulierter Satz. Menschen lernten und lebten über Emotionen.
KI: Werkzeug und Waffe zugleich
Beim Thema künstliche Intelligenz differenziert De Video stark. Viele verstünden unter KI nur das plastifizierte Endresultat aus Pixeln. Tatsächlich seien jedoch viele Prozesse KI-gestützt – und einige davon ein großer Segen. Programme wie DaVinci Resolve transkribieren Interviews in Sekunden, wofür er früher wochenlang jedes Seufzen und jede Regung von Hand notiert habe. Auch das Freistellen von Motiven oder das Animieren historischer Fotos gehe heute mühelos.
Solange die Echtheit gewahrt bleibe und an der eigentlichen Geschichte nichts verändert werde, sei das für ihn vertretbar. Manipulation habe es zudem schon immer gegeben, etwa durch Retusche. Problematisch werde es, wenn KI als Waffe eingesetzt werde, um Aussagen zu fälschen. Für schnellen Content, etwa Beiträge auf LinkedIn, nutzt er selbst KI-Stimmen. Für echte Kinofilme aber müsse ein echter Sprecher her – sonst gehe das Menschliche verloren.
Ein besonders nachdenklicher Moment betrifft die digitale Wiederbelebung Verstorbener und KI-Influencer, die niemals altern oder sterben. De Video, der in einem Dorf aufwuchs, in dem der Tod noch zum Alltag gehörte, sieht darin die Gefahr, das Thema Tod immer weiter aus der Gesellschaft zu verdrängen. Zugleich schätzt er den Wert von Film als Zeitdokument: Ein Interview über das eigene Leben könne für Angehörige unbezahlbar werden, wenn man die Stimme eines Menschen sonst irgendwann vergesse.
Formate, Frames und die Magie des Films
Im technischen Teil erklärt De Video die Vielfalt der Bildformate von 4:3 über 16:9 bis zum breiten Kinoformat und prognostiziert eine Rückkehr anamorpher Linsen, die den charakteristischen Kino-Look erzeugen. Analoges Filmmaterial hält er für erstaunlich langlebig – Banken hätten Überweisungen einst auf 8-Millimeter-Film archiviert, und auch Magnetbänder überdauerten DVDs oft deutlich.
Beim Schnitt beschreibt er die frühere Handarbeit mit Schere und Klebstoff, bei der eine einzelne Überblendung chemisch behandelt werden musste. Auch die Bildraten thematisiert er: 24 Bilder pro Sekunde beim Film, 25 im europäischen PAL-System und rund 30 im amerikanischen Standard. Höhere Auflösungen jenseits dessen, was das Auge wahrnimmt, seien teils Marketing.
Begegnungen mit Berühmtheiten und ein Plädoyer für Haltung
De Video, der in Neuseeland Einblicke in große Produktionen wie "Herr der Ringe" und "King Kong" bekam, will keine Namen nennen – erwähnt dann aber Jim Carrey, mit dem er in Australien in einer Bar gelandet sei. Viele Stars erlebte er als bodenständig und nahbar; sie hätten sich ihren Erfolg hart erarbeitet. Andere hingegen hätten jedes Maß verloren, etwa als ein Privatjet wegen eines Lieblingsshampoos aus der Wüste starten musste.
Sein Schlusswort gilt der Haltung: Man könne von heute auf morgen berühmt werden, doch ein wertvoller Unterschied liege bei jenen, die ihre Arbeit stetig, ernsthaft und mit Überzeugung tun. Es ist eine Botschaft, die zu einem Filmemacher passt, der das Medium als Werkzeug versteht, um Menschen zu berühren und die Welt ein Stück wahrhaftiger zu machen.