Trotz Selfpublishing-Boom, digitaler Ausleihe und immer leistungsfähigerer künstlicher Intelligenz gibt es sie noch: die guten alten Fach- und Sachbücher. Doch lohnt es sich heute überhaupt noch, ein Buch zu schreiben – und was bringt es fürs eigene Business? Über diese Fragen sprach Kevin im Podcast mit Melanie Eschle, selbstständige Marketingberaterin, Autorin, Ghostwriterin und zertifizierte Schreibberaterin. Herausgekommen ist ein sehr ehrliches Gespräch über Egos, Auflagen, realistische Verkaufszahlen und die Rolle der KI beim Schreiben.
Schreiben ist mehr als Tippen
Melanie Eschle kommt aus der Germanistik und den Kulturwissenschaften, arbeitet seit zehn Jahren als Marketingberaterin und hat berufsbegleitend an der Hochschule Augsburg eine Zertifizierung zur Schreibberaterin absolviert. Ihr Fokus liegt heute darauf, selbstständige Menschen – Trainer, Coaches, Keynote Speaker und insbesondere Frauen – auf dem Weg zum ersten eigenen Buch zu begleiten.
Ein zentraler Gedanke: Schreiben hat viel mit Lernen und Verstehen zu tun. Die Schreibforschung als wissenschaftliches Feld wächst, weil zunehmend klar wird, welche komplexen Prozesse beim Schreiben im Gehirn ablaufen – Prozesse, die verloren gehen, wenn man nur noch tippt oder sich Hörbücher und Erklärvideos anhört.
Selfpublishing oder Verlag – eine Frage des Ziels
Ein Buch zu veröffentlichen war laut Eschle noch nie so einfach wie heute. Selfpublishing hat den Markt demokratisiert – mit zwei Seiten der Medaille: Jeder kann veröffentlichen, ob gut oder schlecht, entscheidet der Markt.
Kevin schildert seine eigene Erfahrung mit Amazon KDP: Dort ist man Amazon-exklusiv und kommt nicht in die Onlineshops von Thalia oder Hugendubel, verdient aber pro verkauftem Buch mehr. Ein renommierter Verlag bietet dagegen Name und Standing. Eschle relativiert allerdings die oft erwartete Marketingmaschinerie:
Denn wenn Du als Erstautor irgendwo unterkommst, dann ist fraglich, wie viel Werbung da tatsächlich für dich betrieben wird.
Ihr Rat: sich genau überlegen, welches Ziel man verfolgt. Fürs eigene Ego oder fürs Marketing eigne sich Selfpublishing, für den reinen Status – etwa als Keynote Speaker mit höheren Honoraren – lohne der Gang zum Verlag. Doch dort unterzukommen sei viel Arbeit, mit geringen Chancen.
Vom Sachbuch wird niemand reich
Beide sind sich einig: Vom Fachbuch leben kann kaum jemand. Kevin nennt Namen wie Sebastian Fitzek oder Arno Strobel – aber das ist Belletristik, kein Sachbuch. Er selbst gibt offen zu, sein Podcast-Büchlein auch fürs Ego geschrieben zu haben, was Eschle als völlig validen Grund akzeptiert.
Ein Buch, so Eschle, sei kein magischer Zauberstab, sondern ein Werkzeug – ein Sichtbarkeits- und Marketingtool, das man aktiv einsetzen müsse. Live im Podcast prüft Kevin seine Verkaufszahlen: 69 Exemplare, ohne jegliche aktive Bewerbung, lediglich als Hinweis im LinkedIn-Banner. Ein paar Podcastgäste und sogar ein Kunde seien dadurch entstanden – ein kleiner, aber realer Effekt.
- Ein Buch bringt nur etwas, wenn man es aktiv als Marketingtool nutzt.
- Lieber 100 verkaufte Bücher an die richtige Zielgruppe als 20.000 Downloads an die falsche.
- Das Ziel muss vor dem Schreiben klar definiert sein.
Vorsicht bei Prahlzahlen und Bestseller-Aufklebern
Skeptisch äußern sich beide über beeindruckende Zahlen wie „20.000 Downloads in 48 Stunden“. Eschle vermutet dahinter große E-Mail-Listen oder kostenlose Abgaben. Auch der Spiegel-Bestseller-Aufkleber lasse sich erkaufen: Agenturen richteten das gesamte Marketing wochenlang auf ein enges Zeitfenster mit Vorbestellungen aus, damit das Buch kurzzeitig die nötige Marke überschreitet – für rund 20.000 Euro.
Kevin zieht die Parallele zur Podcast-Branche: Downloadzahlen seien reine Näherungswerte, weil es keinen einheitlichen Standard gebe, ab wann ein Hörer als Hörer zählt. Ego-Pushing sei ihm schlicht zu doof.
Expertenstatus entsteht durch das Schreiben
Ein spannender Gedanke: Man schreibt ein Buch nicht nur, weil man Experte ist, sondern man wird durch das Schreiben zum Experten. Die intensive Auseinandersetzung sortiert das eigene Wissen und stärkt die Sicherheit im Thema.
Man wird Experte nicht, weil Du's willst, sondern weil andere sagen, Du bist es.
Gerade Frauen, so Eschles Erfahrung, zweifelten oft zu früh – „ich bin ja noch gar kein Experte, dann darf ich das Buch gar nicht schreiben“. Dabei ist die Expertise oft längst da, man sieht sie nur nicht, weil einem das eigene Können leichtfällt.
Umfang, Preis und die Frage der Aktualität
Wann ist ein Buch ein Buch? Eschle winkt bei der Seitenzahl-Fixierung ab: Ein klassischer Ratgeber umfasse 150 bis 200 Seiten – mehr wolle kaum jemand lesen. Ihr Beitrag zur „30 Minuten“-Reihe des Gabal-Verlags hatte rund 80 Normseiten und ist ein vollwertiges Buch: knackig, kondensiert, mit der Essenz eines Themas.
Beim Preis reiche die Spanne von hochpreisigen Fachbüchern (teils über 100 Euro) für sehr spitze Zielgruppen bis hin zur Idee, das Buch als Marketingtool nahezu kostenlos gegen Porto- und Herstellungskosten weiterzugeben, um so die E-Mail-Liste aufzubauen.
Ein heikles Thema ist die Aktualität. Eschles Büchlein zu digitalen Events oder ein Buch zum Metaverse waren jeweils nur kurz relevant – ein Update lohnt nur, wenn das Buch weiter aktiv genutzt wird. Kevin schildert seinen Frust über ein Gastkapitel, das er vor über anderthalb Jahren schrieb, bereits einmal aktualisieren musste und das erst zwei Jahre später erscheinen soll. Lange Produktionszeiten können ein Thema überholen, bevor das Buch überhaupt draußen ist.
KI: Struktur ja, Inhalt nein
Einig sind sich beide bei der künstlichen Intelligenz: Sie eignet sich hervorragend, um Ideen zu sammeln, Cluster zu erstellen, Inhalte zu strukturieren oder Sätze flüssiger zu machen. Der eigentliche Input – das Wissen, die Erfahrungen – muss vom Menschen kommen. KI-Texte erkenne man an typischen Floskeln, Wiederholungen und Halluzinationen. Auch bei der Überarbeitung sei Vorsicht geboten, weil die KI nie aufhört, „Verbesserungen“ vorzuschlagen, und Texte so verschlimmbessert.
In Zeiten zunehmend sensibilisierter Leser werde Qualität entscheidend: Wo kein Mensch spürbar ist, der echte Erfahrungen gemacht hat, funktioniere ein Buch nicht.
Wenn Melanie Nein sagt
Zum Abschluss verrät Eschle, wann sie ein Projekt abgebrochen hat: bei einer Interessentin, deren Buchentwürfe komplett handschriftlich und unstrukturiert auf dem Wohnzimmertisch lagen. Ihr Rat war klar – erst digitalisieren und in Kapitel-Ordner sortieren, dann wieder melden. Denn Eschle geht jedes Buch wie ein Projekt an, mit Anfang, Durchführung und Schluss.
Weil das Gespräch die eigentlich geplanten KI-Themen kaum streifte, kündigten beide eine Fortsetzung an. Bis dahin gilt: Ein Buch ist kein Selbstläufer, aber ein langlebiges Werkzeug für Sichtbarkeit und Expertenstatus – wenn man weiß, warum man es schreibt.