Die technologische Entwicklung schreitet in einem Tempo voran, das viele Unternehmen und ganze Volkswirtschaften abhängt. Im Gespräch zwischen Kevin und Berater, Trainer und Keynote-Speaker Markus Milz wird deutlich: Wer heute nicht auf Digitalisierung und Künstliche Intelligenz setzt, gerät ins Hintertreffen. Der provokante Satz, der die Folge prägt, stammt von Milz selbst: Die Welt gehört den Digitalen, und wer da nicht mithält, ist am Arsch. Ein Streifzug durch Chancen, Versäumnisse und das lähmende Beharrungsvermögen im deutschen Mittelstand.

Eine Welt, die sich in Rekordzeit verändert

Milz beschreibt, wie sich seine eigene Beraterwelt innerhalb eines Jahres komplett gewandelt hat. Um die Dimension der aktuellen Umbrüche zu verdeutlichen, blickt er auf die Geschwindigkeit von Technologien zurück: Die Elektrizität brauchte rund 40 Jahre, um sich flächendeckend durchzusetzen, das Internet etwa sieben Jahre. Apps wie LinkedIn, Facebook oder Snapchat benötigten vier bis sechs Jahre. Künstliche Intelligenz hingegen habe sich in zwei Monaten durchgesetzt.

Früher war Zukunft irgendwie Science Fiction, heute ist Zukunft etwas, das als Download über Nacht stattfinden kann.

ChatGPT habe nach drei Jahren die Marke von einer Milliarde Nutzern geknackt. Wer diesen Download nicht mitbekomme, so Milz, habe ein echtes Problem. Als anschauliches Beispiel dient das viral gegangene Video tanzender Roboter beim chinesischen Neujahr, das an den 22 Jahre alten Film I, Robot erinnert. Was damals reine Computeranimation war, ist heute Realität.

Roboter als Milliardenmarkt

Milz verweist auf die enormen wirtschaftlichen Chancen im Bereich humanoider Roboter. Während der Automobilmarkt weltweit rund drei Billionen Dollar pro Jahr umfasse, schätze das Marktforschungsunternehmen Gartner den Markt für humanoide Roboter in wenigen Jahren auf fünf Billionen Dollar, also fast doppelt so groß. Hersteller wie Boston Dynamics, das zu großen Teilen Hyundai gehört, oder Tesla mit seinem Optimus seien hier führend.

Besonders eindrücklich sind für beide Gesprächspartner die Anwendungsfälle in der Pflege. Ein Roboter könne bettlägerige, korpulente Menschen umlagern, wo eine Pflegekraft körperlich an Grenzen stoße. Milz erzählt von seinem 91-jährig verstorbenen Vater, der im Heim häufig lange auf Hilfe warten musste. Lieber ein Roboter, der hilft, als niemand, der kommt, lautet sein Fazit gegen den Einwand der Entmenschlichung.

Warum Deutschland so langsam ist

Auf die Frage, warum gerade Deutschland beim Thema Digitalisierung so zögerlich agiere, nennt Milz mehrere Gründe. Nach 80 Jahren aufgebautem Wohlstand gebe es viel zu verlieren, das mache risikoscheu. Hinzu kämen etablierte Strukturen, DSGVO-Bedenken, Betriebsräte und immer größere Entscheidergremien. Laut Milz ist die Zahl der an Entscheidungen Beteiligten im Vertrieb in 40 Jahren von vier bis fünf auf 14 bis 15 Personen gestiegen. Eine Fehlerkultur, die Fehler bestrafe statt zulasse, tue ihr Übriges.

  • Zwei Drittel der Unternehmen nutzen KI im geschäftlichen Kontext bislang kaum oder gar nicht.
  • Privat haben fast alle KI-Tools auf dem Smartphone, im Unternehmen bleibt das Potenzial ungenutzt.
  • Von 68 als zentral geltenden Basistechnologien ist die USA laut einer australischen Studie noch in acht führend, in allen anderen China. Europa spielt kaum eine Rolle.

Um Unternehmen die Angst zu nehmen, baut Milz gemeinsam mit Professor Clemens Gebitzki und weiteren Partnern in Ahaus ein Techlabor auf. Dort sollen Projekte ausgelagert und in einem geschützten Rahmen mit einer anderen Fehlerkultur pilotiert werden, bevor sie ins Unternehmen zurückkommen.

KI im Arbeitsalltag: Vom Sprachassistenten bis zur Wettbewerbsanalyse

Milz nutzt eigenen Angaben zufolge zwölf kostenpflichtige KI-Tools. Der entscheidende Gamechanger sei für ihn die Sprachfunktion. Ein bis zwei Stunden täglich spreche er mit ChatGPT, das ihm als Assistent, Sparringspartner und Berater diene. Als Beispiel für seine Arbeitsweise schildert er, wie er eine Wettbewerbsanalyse zunächst von ChatGPT erstellen, dann von Gemini verbessern und schließlich von einem dritten Tool wie Claude oder Perplexity auf Halluzinationen prüfen lässt. Das Ergebnis entspreche früher etwa fünf Manntagen Beraterarbeit.

Kevin ergänzt eigene Erfahrungen: Er nutze Neuroflash, Perplexity und Gemini und habe sich mit Claude in einer halben Stunde einen Podcast-Episoden-Zufallsgenerator per Code erstellen lassen, obwohl er selbst keine Zeile programmieren könne.

Das DSGVO-Argument und die deutsche Selbstblockade

Beide kritisieren das häufig vorgebrachte DSGVO-Argument als vorwiegend emotional statt rational. Riverside, Android, iPhone, MacBook, ChatGPT, Gemini seien allesamt US-amerikanische Produkte. Selbst bei Speicherung auf europäischen Servern bleibe es ein US-Unternehmen. Milz bringt es auf eine Formel: Amerika innoviert, China produziert, Europa reguliert und Deutschland moralisiert.

Die Absurdität deutscher Prozesse illustrieren mehrere Beispiele: Kevin schildert das mehrfache Ausdrucken, Unterschreiben und Einscannen seiner Masterthesis sowie einen Parkautomaten, der nur Bargeld oder eine kaum noch ausgegebene EC-Karte akzeptierte. Milz erzählt ausführlich vom Kauf eines neuen BMW: 44 Seiten, neun Unterschriften, verpflichtende Marketingerklärung und nachträgliche Preisänderungen. Sein LinkedIn-Beitrag dazu erreichte Zehntausende. Bezeichnend: Zwölf ausländische Hersteller wie Tesla, Nio, Genesis, Hyundai und Honda meldeten sich mit Kaufangeboten, BMW nicht, obwohl rund 2000 Mitarbeiter aus dem Konzern den Beitrag gelesen hatten.

Vertrieb neu gedacht: Goldgräberzeiten statt Kaltakquise

Milz betont, dass es nicht darum gehe, alte Prozesse einfach zu digitalisieren, sonst entstehe nur ein digitaler Scheißprozess. Stattdessen gelte es, Unternehmen von Grund auf neu zu denken. Sein bewährtes Vorgehen in sieben Schritten sei über 30 Jahre gleich geblieben, die Inhalte jedoch komplett neu.

Konkret nennt er 125 Wege zu neuen Kunden statt der klassischen fünf Kanäle wie Messen, Ausschreibungen oder Kaltakquise. Beispiel Catering: Statt 100 Unternehmen anzurufen und 97 Prozent Streuverlust hinzunehmen, lasse sich per KI ermitteln, wo sich Mitarbeiter gehäuft über die Kantinenqualität beschwert haben und welche Catering-Verträge demnächst auslaufen. Auch aus LinkedIn-Interaktionen lasse sich per KI eine qualifizierte Leadliste generieren.

Das Problem sei häufig organisatorischer Natur: Marketing und Vertrieb arbeiteten getrennt, Leads würden zu spät weitergegeben. Zudem verändere sich die Suche fundamental, weg von klassischer Suchmaschinenoptimierung hin zu Generative Engine Optimization für Tools wie Perplexity, Gemini und ChatGPT.

Fazit: Lernen erst durch Schmerz

Auf die Frage, wo Deutschland Ende 2027 stehen werde, gibt sich Milz nüchtern. Menschen, Institutionen und Volkswirtschaften lernten meist erst durch Schmerz. Solange kein echter Leidensdruck bestehe, werde es einen schleichenden Abstieg geben. Er verweist darauf, dass Deutschland seit 2019 nicht mehr wachse und sich seit vier Jahren in Rezession oder Stagnation befinde. Seine Prognose: Nur wenige würden den Schuss hören, rund 80 Prozent nicht, und ein erheblicher Teil davon werde bald nicht mehr am Markt sein. Doch genau darin liege die Chance für jeden Einzelnen und jedes Unternehmen, das rechtzeitig handelt.