Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie der Einsatz künstlicher Intelligenz im Vertrieb – und doch bleiben viele Fragen offen. Während auf der Marketingseite bereits recht strukturierte Prozesse existieren, klafft im Vertrieb weiterhin eine spürbare Wissenslücke: Wie lässt sich KI konkret nutzen? Auf einem Marketing-Summit mit internationalen Agenturen wurde genau diese Frage immer wieder gestellt. Grund genug, einmal zusammenzufassen, was heute schon gut funktioniert – und wo Vorsicht geboten ist.

Als Ausgangspunkt diente ein Blick in die KI selbst: Auf die Frage nach den Einsatzmöglichkeiten im B2B-Vertrieb nannte Copilot fünf klassische Felder – Automatisierung von Routineaufgaben, personalisierte Kundenansprache, Lead Scoring und Lead Management, Chatbots und virtuelle Assistenten sowie Datenanalyse und Visualisierung. Diese fünf Punkte lohnen einen genaueren Blick.

Routineaufgaben automatisieren

Der wohl valideste Anwendungsfall liegt in der Pflege des CRM. Der bekannte Leitsatz lautet: Was nicht im CRM steht, existiert nicht. Genau hier setzt KI an. Aufgezeichnete Meetings – etwa über einen sogenannten Note Taker bei Zoom oder MS Teams – lassen sich transkribieren, zusammenfassen und in konkrete Aufgaben überführen, die anschließend direkt ins CRM übertragen werden. Aus einem Kundengespräch entstehen so automatisch Zusammenfassung, definierte Aufgaben und Next Steps.

Für den Außendienst, der nicht per Videocall arbeitet, bietet sich ein anderes Werkzeug an: die App Voiceline, die als eine Art WhatsApp mit KI beschrieben wird. Eine gesprochene Nachricht wird transkribiert, analysiert und kann direkt mit dem CRM verbunden werden. So lässt sich nach einem Face-to-Face-Termin – oder spontan im Auto, Zug oder Flugzeug – eine Notiz an den Innendienst schicken, der die Informationen unmittelbar weiterverarbeitet. Das steigert die Effizienz erheblich gegenüber langen E-Mails oder Rückrufversuchen.

Personalisierte Kundenansprache

Hier gilt eine klare Einschränkung. KI eignet sich hervorragend, um Informationen über Zielgruppe, Branche oder Unternehmen zu recherchieren – dafür wird etwa Perplexity gegenüber ChatGPT bevorzugt, weil es bei konkreten Suchanfragen bessere Ergebnisse liefert. Für die eigentliche Nachricht sollte man jedoch vorsichtig sein.

Die Flut an rein KI-generierten Nachrichten ohne menschlichen Anteil nimmt stetig zu. Genau deshalb wird die persönliche Note umso wichtiger. Wer aus diesem "KI-Dunst" heraussticht, erhöht seine Chancen deutlich.

Die KI ist gut, dich mit Informationen zu füttern. Den Deal, das Vertrauen musst du selber aufbauen.

Wer die Ansprache aufs nächste Level heben will, kann Tools nutzen, die beim Wording helfen und auf Persönlichkeitsmodelle wie das DISG-Modell (blau, gelb, grün, rot) zurückgreifen. So lässt sich der Sprachgebrauch an das Profil des Ansprechpartners anpassen – die persönliche Gestaltung sollte aber immer erhalten bleiben.

Lead Scoring und Lead Management

Da es sich um datenbasierte Prozesse handelt, ist dieser Bereich prädestiniert für KI. Ein sauberes Analysemodell erkennt, welche Scoring-Modelle sinnvoll sind und wie sich Kontakte einordnen lassen. In HubSpot etwa liefert ein KI-Modell einen Score, der aus Merkmalen wie Deal-Größe, Unternehmensstruktur und Anzahl der Ansprechpartner ebenso gespeist wird wie aus Aktivitäten: Wie oft wird angerufen, wie oft klickt der Kunde auf E-Mails, wie viel Zeit verbringt er mit einem Angebot?

Daraus errechnet sich ein "Likelihood to close"-Score. Der ist nicht hundertprozentig akkurat, dient aber als guter Indikator zur Priorisierung des Tagesablaufs. Zudem können solche Systeme Vorschläge für nächste Schritte machen – etwa das Verfassen eines Briefes, wenn dies bei vergleichbaren Deals bereits funktioniert hat.

Chatbots und virtuelle Assistenten

Chatbots im B2B-Vertrieb sind eher im After-Sale relevant. Spannender sind virtuelle Assistenten. Sie können etwa eine komplette Call-Liste in ein ideales Format bringen oder als KI-gestützter Dialer erkennen, wann ein Kontakt typischerweise online ist oder E-Mails öffnet – und so den optimalen Anrufzeitpunkt empfehlen.

Es existieren auch KI-Assistenten, die selbstständig telefonieren. Für eingehende Anrufe (Inbound) ist das eine interessante Idee, weil bereits Vertrauen besteht und ein kurzes Gespräch mit der KI zielführender sein kann als Warteschleife oder Voicemail. Für Outbound-Kaltakquise gilt das jedoch als kritisch: Datenschutz und die notwendige Zustimmung des Gegenübers stellen erhebliche Hürden dar. Ein Opener wie die Frage nach der Einwilligung zur Datenweitergabe wäre denkbar ungeeignet.

  • KI übernimmt CRM-Pflege durch transkribierte und analysierte Meetings
  • Voiceline unterstützt den Außendienst mit sprachbasierten CRM-Einträgen
  • Lead Scoring in HubSpot priorisiert Deals datenbasiert
  • Virtuelle Assistenten optimieren Anrufzeitpunkte und Call-Listen
  • Datenanalyse deckt Muster erfolgreicher und verlorener Deals auf

Datenanalyse und Visualisierung

Der letzte Punkt zeigt die vielleicht größte Stärke der KI. Ein Vierer-Team, das monatlich rund 2.000 Calls führt, produziert eine Datenmenge, die manuell kaum auszuwerten wäre. Werden Call-Recordings transkribiert und mit CRM-Daten verknüpft, lassen sich gewonnene und verlorene Deals gezielt vergleichen.

Eine KI kann etwa alle in den letzten 60 Tagen gewonnenen Deals heraussuchen, die zugehörigen Gespräche analysieren und nach mehreren Kriterien auswerten – in wenigen Minuten. So zeigt sich, wie viele Fragen erfolgreiche Verkäufer stellen, wie lang erfolgreiche Gespräche dauern oder ob die Deal-Größe eine Rolle spielt. Neben Tools wie Gong.io gibt es auch europäische Anbieter, was für Unternehmen relevant ist, die ihre Daten nicht an US-basierte Systeme geben möchten.

Fazit: Werkzeug ja, Ersatz nein

Es gibt heute bereits zahlreiche Wege, KI im B2B-Vertrieb sinnvoll einzusetzen. Der Vertrieb selbst wird jedoch persönlich bleiben. Die KI liefert Informationen und steigert die Effizienz – das Vertrauen aber muss der Mensch aufbauen. Gerade weil KI so leistungsfähig ist, gewinnt die persönliche Note an Bedeutung. Wer Persönlichkeit und Vertrauen aufbaut, landet am Ende den Deal.