Das Handwerk kämpft mit Nachwuchssorgen, mit einem angeschlagenen Image und mit den gesundheitlichen Belastungen körperlicher Arbeit. Im Podcast „Handwerk spricht“ spricht Gastgeber Oliver Oettgen mit dem Coach und systemischen Berater Sebastian Kramp über all diese Themen – und über die Frage, wie Handwerksbetriebe ihre wichtigste Ressource schützen können: die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Kramp, der sich selbst als „Gesundheitshandwerker“ bezeichnet, liefert dabei einige unbequeme, aber konstruktive Denkanstöße.

Handwerk ist kein Plan B

Zum Einstieg konfrontiert Oettgen seinen Gast mit drei zugespitzten Thesen. Der Vorstellung, Handwerk sei nur ein Ausweichweg für alle, die das Studium nicht schaffen, widerspricht Kramp deutlich. Bildung sei zwar notwendig, doch auch das Handwerk biete Bildung – und ohne das Handwerk bleibe am Ende nichts bestehen. Theorie sei gut, der Schritt in die Praxis aber ebenso wertvoll.

Auch die Behauptung, der Meisterbrief und alte Traditionen würden das Handwerk ausbremsen, teilt er nicht. Er vergleicht den Meisterbrief mit akademischen Abschlüssen wie Bachelor oder Master: eine Auszeichnung, die etwas wert ist. Gerade wenn es um Wertigkeit und Wertschätzung gehe, mache es Sinn, an solchen Traditionen festzuhalten.

Bei der dritten These – das Handwerk mache sich selbst unattraktiv – differenziert Kramp: Das sei kein rein handwerkliches, sondern ein gesellschaftspolitisches Thema. Bilder von schmutzigen Baustellen oder körperlichem Verschleiß würden auch durch Medien und das familiäre Umfeld geprägt. Sein Appell: über die Karrierewege im Handwerk sprechen und diese positiv darstellen.

Warum Handwerker oft zufriedener sind

Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist die vergleichsweise hohe Zufriedenheit im Handwerk. Kramp führt sie darauf zurück, dass Handwerker etwas Sichtbares erschaffen. Der fertige Tisch, die gemauerte Wand – das Ergebnis der eigenen Arbeit ist greifbar.

Maurer, wenn die Mauer fertig ist, dann hab ich die gebaut mit meiner Hände Arbeit und das merke ich dann schon.

Diesen sichtbaren Output stellt er der Büroarbeit gegenüber, wo der Ertrag der eigenen Kraft oft schwer zu fassen sei. Der Effekt zahle massiv auf die psychische Gesundheit ein – zumal in einer Zeit, in der Nachrichtenlage und öffentliche Debatten die Psyche zusätzlich belasteten. Körper und Psyche, betont Kramp, lassen sich dabei nicht voneinander trennen.

Suchtmittel und Ernährung als unterschätzte Baustellen

Kritisch blickt Kramp auf den Umgang mit Alkohol. Die WHO habe Alkohol klar als Gift eingestuft – ein „gesunder“ Konsum in Maßen sei ein Mythos. Er verweist darauf, dass in Deutschland bereits 14-Jährige „betreut“ trinken dürften und dass Bilder wie die Kiste Bier in der Baubude tief im Handwerkerklischee verankert seien. Wichtig seien hier zwei Ansätze: die Verhältnisprävention (Wie leicht komme ich an Alkohol?) und die Verhaltensprävention (Wie gehe ich damit um?). Als Alternativen nennt er Genussmittel wie Obst, Gemüse oder Wasser, die ebenfalls Glücksgefühle auslösen können.

Auch die Ernährung auf Baustellen sieht er kritisch – deftig und zuckerreich statt ausgewogen. Sein Leitsatz lautet: „morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettler“.

  • Morgens kohlenhydratreich: etwa zwei Vollkornschnitten, eine Handvoll Obst oder Gemüse und ein Glas Wasser
  • Mittags kohlenhydratärmer
  • Abends eiweißbetont, weil die Muskeln Eiweiß benötigen

Schon die Rückkehr zur guten alten „Kniffte“ – der selbst geschmierten Brotdose – sei ein entscheidender Schritt weg von Döner, Cola und Energydrinks.

Was Betriebe konkret tun können

Kramp macht deutlich, dass Prävention im Handwerk oft stiefmütterlich behandelt wird, obwohl viele Angebote existieren. Seit Juli des Vorjahres gebe es eine nationale Präventionskonferenz von gesetzlichen Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und privaten Versicherern. Sein Rat an Arbeitgeber: die Angebote nutzen und sichtbar machen.

Er verweist auf Präventionskurse der Berufsgenossenschaften, auf Programme der IKK, bei der viele Handwerker versichert sind, sowie auf eine bundesweite Suche mit rund 44.000 Präventionskursanbietern. Häufig finde sich im eigenen Umfeld jemand, der etwa Yoga anbiete und in den Betrieb geholt werden könne. Sein Motto: „Tu Gutes und sprich darüber.“

Training auf kleinem Raum

Dass Gesundheitsförderung wenig Aufwand braucht, demonstriert Kramp direkt im Studio mit einer Gymnastikmatte von rund zwei Quadratmetern. Er zeigt, wie man den Körper zunächst durch Abklopfen (Tapping) aktiviert, dann Wadenheber, Kniebeugen, Ausfallschritte und Dehnübungen bis in den Armbereich anschließt.

Entscheidend sei das Prinzip von Spieler und Gegenspieler: Wer im Beruf ohnehin den Bizeps oder die Brustmuskulatur belastet, sollte im Training den Gegenspieler stärken – etwa Trizeps und Rückenmuskulatur –, um eine gesunde Gelenkbewegung und eine aufrechte Haltung zu gewährleisten. Wichtig sei zudem, „mäßig und regelmäßig“ zu trainieren: Von einmaligem Krafttraining passiere nichts.

Ergänzend rückt er das Thema Stressmanagement in den Fokus. Achtsamkeit – ganz im Moment zu sein – helfe gegen den permanenten Termindruck und die Informationsflut der Digitalisierung. Schon ein bewusst geschnittener und langsam gegessener Apfel könne ein erster Schritt sein. Wie Muskeltraining lasse sich auch das Gehirn „mäßig und regelmäßig“ trainieren.

Ein Wunsch für die Zukunft

Auf die abschließende Frage, was er mit einer einzigen Entscheidung im Handwerk verändern würde, hat Kramp eine klare Antwort: verpflichtend in jedem Schuljahr drei Tage Praktikum oder Begleitung in einem Gewerk nach Wahl – ob Bäckerei, Dachdeckerei, Tischlerei oder Friseurhandwerk. Junge Menschen sollten so erleben, wie wertvoll und vielfältig das Handwerk ist, und besser vorbereitet über ihren Karriereweg entscheiden können.

Das Fazit der Folge: Gesundheit ist im Handwerk kein Randthema, sondern die Grundlage von allem. Betriebe wie Mitarbeitende sollten die vorhandene Unterstützung von Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und Coaches aktiv nutzen – und den ersten Schritt oft mit ganz kleinen Veränderungen machen.