Das Gebäudereinigerhandwerk ist das größte Handwerk Deutschlands – und zugleich eines der unsichtbarsten. Wer morgens ins Büro kommt, findet ein sauberes Ergebnis vor, sieht aber selten die Menschen, die diese Arbeit geleistet haben. Genau an diesem Punkt setzt Julia Seliger an. Als Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens Clara Grün hat die Quereinsteigerin einen Betrieb aufgebaut, der ökologisch reinigt, seine Mitarbeitenden fest anstellt und übertariflich bezahlt. Im Gespräch bei „Handwerk spricht“ erklärt sie, warum das Image der Branche das eigentliche Problem ist – und welche eine radikale Entscheidung sie treffen würde, wenn sie könnte.
Vom Werbekonzept zum Mikrofasertuch
Clara Grün entstand nicht aus einem lange gehegten Unternehmertraum, sondern aus einer alltäglichen Schieflage des Reinigungsmarktes. Seliger, die aus der Digital- und Werbeberatung kommt, und ihre damalige Mitgründerin Luise suchten schlicht eine Reinigungskraft für den Privathaushalt – ökologisch und fest angestellt. Sie fanden niemanden, der zu diesen Bedingungen arbeiten wollte. Aus der Frage „Warum klappt das nicht?“ wurde ein Businessplan, ein Wettbewerbsbeitrag und schließlich ein Unternehmen.
Der entscheidende Moment kam, als ein Berater den beiden Gründerinnen sagte, sie sollten endlich die Mikrofasertücher in die Hand nehmen und rausgehen. In den ersten sechs bis acht Monaten reinigten sie abends selbst bei ihren Kunden, ohne Fremdfinanzierung, um das Unternehmen aus eigener Tasche aufzubauen. Diese Erfahrung prägt Seligers Haltung bis heute.
Ich glaube, wenn viele Leute über Reinigungskräfte reden, ist es sehr wichtig, auch einmal vor einer Toilettenschüssel zu sitzen, die zu reinigen. Und wenn einen jemand dabei sieht, nach oben zu gucken – das war für mich so ein kleiner Erwachungsmoment.
Heute beschäftigt Clara Grün rund 60 Mitarbeitende. Das Unternehmen arbeitet ohne Subunternehmen, stellt alle fest an und versteht sich ausdrücklich als Sozialunternehmen. Die größte Herausforderung sei dabei stets die Finanzierung gewesen, betont Seliger: faire Bezahlung, soziale Benefits sowie Training und Ausbildung kosten Geld, während man sich im Niedriglohnsektor und einem harten Konkurrenzumfeld bewegt, in dem keine Fantasiepreise möglich sind.
Handwerk als Plan B – und warum das etwas Gutes ist
Auf die These, Handwerk sei nur noch der Plan B für alle, die nicht studiert haben, antwortet Seliger differenziert. In der Gebäudereinigung sei die Arbeit für viele tatsächlich ein Plan B – etwa für zugewanderte Menschen, die in ihren Herkunftsländern andere Berufe hatten und für die die Reinigung ein wichtiger Weg in den deutschen Arbeitsmarkt sei. Für Studierende, die sich neben dem Studium etwas dazuverdienen, sei sie hingegen ein bewusst gewählter Plan A. Ihr Fazit: Eine Branche, die eine Brücke schlägt, sei etwas Wertvolles.
Auch zum Meisterbrief äußert sie sich vorsichtig – sie selbst hat weder Meister noch eine Ausbildung in der Gebäudereinigung. Sie empfindet großen Respekt vor der handwerklichen Ausbildung, sieht aber wie in vielen Berufen die Gefahr, dass Ausbildungsinhalte veralten und nicht mehr die Realität des Jahres 2025 abbilden. Ihre Schlussfolgerung: Es brauche eine solide Wissensbasis und Expertenwissen ebenso wie die Offenheit für Neues. Beide Seiten – Tradition und frischer Blick von außen – müssten aufeinander zugehen.
Frau an der Spitze eines traditionellen Handwerks
Als Geschäftsführerin in einer von männlichen Führungskräften geprägten Branche kennt Seliger die Frage, ob sie als Mann leichter an Investorengeld gekommen wäre oder von Anfang an größer gedacht hätte. Bei sehr traditionellen Kunden vermutet sie sogar ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil der klassische Geschäftsführer einer Reinigungsfirma anders auftrete und spreche als sie.
Zugleich sieht sie darin eine Chance: Mit ihrem sozialen und ökologischen Profil habe Clara Grün sich eine Nische mit dankbaren Kunden geschaffen. Studien belegten, dass von Frauen geführte Unternehmen im Durchschnitt erfolgreicher seien – wobei sie zu bedenken gibt, dass zunächst zu klären sei, was „erfolgreich“ überhaupt bedeutet. Direkte Weisungsprobleme aufgrund ihres Geschlechts kann sie nicht benennen; Missverständnisse führt sie eher auf Kommunikation zurück. Sie setze bewusst auf Verantwortungsabgabe und verweise bei fachlichen Fragen offen auf diejenigen, die etwas am besten können.
Sichtbarkeit statt Nachtschicht
Das zentrale Thema für Seliger ist die Sichtbarkeit von Reinigungskräften. Weil nachts im Verborgenen gearbeitet werde, sehe niemand die Menschen hinter dem Ergebnis – und damit fehle jede Grundlage, Qualität überhaupt wahrzunehmen. Wer nicht weiß, ob jemand für 500 Quadratmeter nur eine Stunde Zeit hatte, kann die Leistung nicht einschätzen.
Sichtbarkeit nütze allen: Kunden fassen Vertrauen, wenn sie sehen, dass eigenverantwortlich und ernsthaft gearbeitet wird. Und die Beschäftigten sind nicht länger die Unsichtbaren. Seliger beobachtet, dass Menschen in Büros anfangen, ihre Tassen und Papiertücher selbst wegzuräumen, wenn sie wissen, dass morgens eine konkrete Person vorbeikommt – etwa „Christiane“. So entsteht Wertschätzung, bis hin zu kleinen Aufmerksamkeiten zu Weihnachten.
Ähnlich wie Marie Kondo das Aufräumen populär gemacht habe, will Seliger auch für die Reinigung begeistern – durch Wissensvermittlung über Techniken, Zeitmanagement und den richtigen Einsatz von Reinigungsmitteln. Reinigung sei eben nicht „wisch und weg“, sondern verlange echtes Know-how. Wenn Mitarbeitende dieses Wissen erlernen, verändere sich auch ihre Selbstwahrnehmung.
Die eine radikale Entscheidung
Gefragt, was sie ändern würde, wenn sie die Macht dazu hätte, ist Seligers Antwort eindeutig: Sie würde überall dort, wo es möglich ist, auf Tagesreinigung umstellen. Reinigungskräfte sollten Teil der Belegschaft eines Gebäudes sein, nicht nur ihres eigenen Unternehmens.
Bei ihrer Recherche stellte sie fest, dass bis in die 1970er- oder 1980er-Jahre überwiegend tagsüber gereinigt wurde – und dass dies gut funktionierte. Erst der Druck, alles müsse wirtschaftlicher und schneller werden, habe unangenehme Tätigkeiten ins Verborgene der Nacht verdrängt und daraus eine Konvention gemacht. Genau diese Konvention will Seliger zurücknehmen, denn sie mache die Arbeit unmenschlicher und schlechter, als sie sein müsste. Ihr Anliegen: einen Beruf, der Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung Chancen bietet und den jedes Büro braucht, so verträglich und gut wie möglich zu gestalten.
Die Kernaussagen im Überblick
- Das Gebäudereinigerhandwerk ist das größte Handwerk Deutschlands und wirkt als Brücke in den Arbeitsmarkt.
- Clara Grün reinigt ökologisch, stellt fest an, zahlt übertariflich und arbeitet ohne Subunternehmen.
- Das eigentliche Problem der Branche ist ein Image-, kein Nachwuchsproblem.
- Sichtbarkeit schafft Vertrauen bei Kunden und Wertschätzung für die Beschäftigten.
- Seligers radikaler Vorschlag: Rückkehr zur Tagesreinigung, um Reinigungskräfte sichtbar zu machen.