Menschen, die körperlich hart arbeiten, halten die Infrastruktur am Laufen – und fallen doch zu oft durch das Raster betrieblicher Gesundheitsförderung. Darüber sprach der Podcast Handwerk spricht mit Robin Müller-Schober, der seit fast 25 Jahren als Fitness- und Personal Trainer, Vortragsredner sowie Experte für betriebliches Gesundheitsmanagement tätig ist. Sein Anliegen ist klar: Im Handwerk muss beim Thema Gesundheit deutlich mehr passieren.

Warum das Handwerk zu kurz kommt

Nach fast 25 Jahren Erfahrung beobachtet Müller-Schober, dass er zwar viel in Büroabteilungen und Firmen mit administrativen Tätigkeiten unterwegs ist, aber noch viel zu wenig im Handwerk. Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen die Belegschaft selbst: Wer nach acht oder zehn Stunden harter Arbeit nach Hause kommt, ist platt und hat keine Energie mehr, um sich zusätzlich anzustrengen.

Zum anderen fehlt vielen kleineren Handwerksbetrieben schlicht das Bewusstsein und die Zeit. Sie fahren jeden Tag Vollgas, um ihre Baustellen zu bedienen, und widmen sich dem Thema selten – obwohl gerade ältere Mitarbeiter zunehmend über Rückenprobleme klagen und fragen, was sie tun könnten.

Der Formel-1-Vergleich

Sein zentrales Bild ist die Formel 1. Ein Rennfahrer fährt 60 bis 90 Minuten in High Performance über die Strecke – hätte aber nie eine Chance, das Rennen zu gewinnen, ohne die Boxenstopps mit Reifenwechsel und Betankung. Genau dieses Prinzip überträgt Müller-Schober auf das Handwerk.

Du musst dich als Profi in deinem Job sehen. Wenn du Fußballprofi wärst, wäre es das Normalste der Welt, sich vor dem Spiel aufzuwärmen und die Gelenke vorzubereiten. Das kannst du im Handwerk genauso sehen.

Handwerker hätten sogar einen entscheidenden Vorteil gegenüber Büroangestellten: Sie bringen die wichtige körperliche Bewegung und Auslastung bereits mit, während jemand am Schreibtisch den Bewegungspart erst noch nachholen muss.

Das Problem der gesellschaftlichen Akzeptanz

Warum Handwerker sinnvolle Übungen dennoch nicht machen, führt Müller-Schober auf ein kulturelles Problem zurück. Sein Gedankenexperiment: Kommen zwei Kollegen aus einem Meeting mit einem Berg Arbeit zurück und einer sagt, er gehe erst einmal eine rauchen, ist das gesellschaftlich voll akzeptiert. Sagt jemand dagegen, er mache erst eine 60-sekündige Atemübung, ein paar Mobilisationsübungen und laufe kurz das Treppenhaus rauf und runter, werde er ausgelacht.

Das Absurde daran: Etwas, von dem alle wissen, dass es ungesund ist, wird akzeptiert – etwas, das nachweislich guttut, nicht. Hier brauche es in jedem Betrieb einen Kulturwechsel. Wer eine rauchen darf, dürfe auch einen Stretch oder eine Mobilisationsübung machen.

Kleine Schritte statt großer Konzepte

Der Weg in die Betriebe führt für ihn über das Wecken des Gesundheitsbewusstseins bei Chefs und Abteilungsleitern sowie über nahbare Kommunikation mit den Mitarbeitern – nicht sportmedizinisch oder wissenschaftlich, sondern in deren eigener Sprache. Als Einstieg empfiehlt er motivierende, inspirierende Impulsvorträge, die auch nur fünf Minuten dauern können, etwa in monatlichen Briefings.

  • Kleine Maßnahmen mit niedriger Hemmschwelle wirken nach dem Prinzip: steter Tropfen höhlt den Stein.
  • Zwei Minuten Mobilisation auf der Baustelle sind wertvoller als ein ausgefallenes Training.
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement dient auch dem Marketing, um Fachkräfte zu binden und zu gewinnen.
  • Die Verantwortung liegt sowohl beim Betrieb als auch beim Arbeitnehmer selbst.

Der Zahnarzt für den Körper

Sein einprägsamstes Bild ist das Zähneputzen. Auf das einzelne Mal komme es nicht an – und trotzdem vertrauen wir dem regelmäßigen Prozess, weil er in einem halben Jahr beim Zahnarzt ein besseres Erlebnis beschert. Genauso funktioniere jede Mobilisationsübung und jeder Stretch: Abgerechnet werde am Ende des Jahres. Sein pointierter Schluss: Wir brauchen den Zahnarzt für den Körper.

Statt sich zwei Stunden am Stück fürs Fitnessstudio zu blockieren – die viele im Alltag zwischen Beruf und Familie nicht mehr am Stück haben – plädiert er für kurze Einheiten. Seine eigenen Trainings dauern 20 bis 30 Minuten und finden meist zu Hause mit dem eigenen Körpergewicht statt. Wer sich sagt, die Zeit reiche heute nicht, mache am Ende meist gar nichts.

Wenn Vernachlässigung fatal wird

Wie ernst das Thema ist, macht Müller-Schober an einer wahren Geschichte aus seinem Buch deutlich: Ein Nachbar, den er Herr Neumann nennt, ein Leben lang hart arbeitend, starb zwei Stockwerke unter ihm, weil er nicht mehr aus eigener Kraft vom Boden aufstehen und das Telefon erreichen konnte. Er sei nicht mobil und beweglich genug gewesen – dabei seien es genau die einfachen Übungen, die das hätten verhindern können. Solche Fälle, betont er, seien kein Einzelfall.

Ausblick: körperliche und mentale Gesundheit

Für die Zukunft erwartet er, dass sowohl die klassischen Beschwerden an Rücken, Knie, Hüfte, Halswirbelsäule und Schulter bleiben als auch die Angebote im Bereich der mentalen Gesundheit weiter zunehmen. Entscheidend sei die Eigenverantwortung – der Chef müsse nicht auf das nächste Konzept warten, sondern könne qualifizierte Fachleute beauftragen.

Sein abschließender Tipp ist ein Zitat, das ihm besonders am Herzen liegt: Niemand entscheidet über seine Zukunft – wir entscheiden über unsere Angewohnheiten, und diese entscheiden über unsere Zukunft. Und damit ist er wieder beim Zähneputzen. Dem Handwerk räumt er in seinem Kopf einen Riesenstellenwert ein: Er bewundert die Menschen, die bei Regen und Sonne den ganzen Tag arbeiten – auch wenn die Gesellschaft diesen Respekt noch nicht überall teile.