Zwei abgebrochene Studiengänge, eine Künstlerfamilie im Rücken und am Ende doch der Weg ins Handwerk: Emil Sowa, 23 Jahre alt, ist heute Elektrotechniker im Energie- und Gebäudetechnikbereich und besucht derzeit die Meisterschule. In der Podcast-Folge von Handwerk spricht erzählt er, wie er über Umwege zu seinem Beruf fand, warum ihn die Praxis mehr überzeugt als die Theorie und welche Rolle Zufälle und Mentoren dabei spielten.

Ein farbenfroher Weg ins Handwerk

Emil Sowa machte 2018 sein Abitur und begann zunächst, als Sohn einer Künstlerfamilie Auftragsarbeiten zu malen. Doch das war ihm auf Dauer zu unkonkret. Zwei Studienversuche folgten: Ein Kombibachelor aus BWL und Kunstgeschichte, den er nach dem ersten Tag abbrach, und später ein Studium in Life Science Engineering, einem Mix aus Biotechnologie und Pharmazie. So spannend das Fach auch war, es fehlte ihm die klare Perspektive.

Ich hab aber gemerkt, dass es mir im Studium zu unkonkret war. Ich wusste nicht so genau, ich lern wahnsinnig viel Chemie, Biologie, Physik. Ich mach Sachen und die haben auch Spaß gemacht und waren interessant, aber ich wusste nicht, wo ich damit am Ende lande.

Ein prägendes Gespräch mit einem Mentor gab ihm eine neue Perspektive: Es sei ein Irrglaube, den einen Beruf fürs ganze Leben zu finden. Daraufhin entwarf Sowa einen langen Plan, der von einer Tischlerausbildung über Innenarchitektur und Architektur bis zu erneuerbaren Energien reichte.

Der Zufall auf dem Lagerhof

Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz in der Tischlerei zog Sowa während der Corona-Zeit durch sein Viertel. Für Bilderrahmen und Luxusartikel hatte damals niemand Geld, und keine der acht Tischlereien im Gewerbepark hatte einen Platz frei. Auf dem Rückweg fragte er einen Mann, der gerade ein Lagertor abschloss, was dort gemacht werde. Die Antwort: zwei Unternehmen, das eine baute Solaranlagen, das andere Funkmasten.

Aus dem spontanen Nachfragen wurde ein Vorstellungsgespräch. Sein späterer Ausbilder bot ihm keine Tischlerlehre, dafür aber erstmals einen Ausbildungsplatz in der Elektrotechnik an. Obwohl Sowa das Fach in der Schule langweilig gefunden hatte, sagte er zu, angezogen von der Aussicht, etwas gegen die Klimaproblematik zu unternehmen und dabei viel von der Welt zu sehen. 2021 begann er seine Ausbildung.

Warum die Praxis überzeugte

Was Sowa an der Ausbildung besonders schätzte, war der unmittelbare Einstieg: Vom ersten Tag an konnte er das tun, was er tun wollte, den eigenen Fortschritt erleben und gleichzeitig Geld verdienen, um seine Eltern zu entlasten. Diesen roten Faden vermisste er im Studium.

Er betont ausdrücklich seinen Respekt vor Studierenden, die sich Wissen eigenständig erarbeiten und mit Bachelor oder Master abschließen. Für ihn selbst war jedoch das gemeinsame Arbeiten im Team an konkreten Aufgaben entscheidend.

  • Sofortiger Praxiseinstieg und sichtbarer Fortschritt
  • Eigenes Einkommen bereits während der Ausbildung
  • Arbeiten im Team an realen Problemen wie dem Klimawandel
  • Praktische Erfahrung, die theoretisches Wissen kreativer anwendbar macht

Meister gegen Bachelor

Auf internationaler Ebene wird der Meistertitel dem Bachelor gleichgestellt, da viele Länder mit dem deutschen Meisterkonzept wenig anfangen können. Sowa selbst hält den Meister in der heutigen Zeit für wertvoller. Er berichtet von Freunden mit Bachelor- oder sogar Masterabschlüssen aus Bereichen wie BWL oder Bioinformatik, die über Jahre keine passende Stelle finden. Einen Handwerker mit Jobproblemen kenne er dagegen nicht.

Ich kenn kein Handwerker, der 'n Problem hat, 'n Job zu finden, andersrum viel eher werden die überschüttet mit Jobangeboten, weil sie einfach gebraucht werden grade.

Diese Nachfrage verschafft ihm die Freiheit, sich als Meister weiterzubilden und den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Handwerk und Studium gehören zusammen

Sowa plädiert dafür, beide Wege nicht als Gegensatz zu sehen. In seinem Betrieb arbeiten Architekten, Planer und Zeichner Hand in Hand mit den Handwerkern. Studierten, die keine Stelle finden, legt er einen Einblick ins Handwerk ans Herz, gerade weil viele akademische Berufe wie die des Chirurgen im Kern ebenfalls handwerklich seien. Die Kombination aus Theorie und praktischer Erfahrung ermögliche es, Wissen flexibler zu kombinieren und tiefer zu verinnerlichen.

Kopf durch die Wand in die Selbstständigkeit

Seine Pläne sind konkret: Neben der Meisterschule bereitet Sowa den Aufbau einer eigenen Firma vor. Er will Geschäftsführer sein, ein Team aufbauen und sich in der Praxis beweisen. Warten möchte er dafür nicht lange, denn er beschreibt sich als jemanden, der Herausforderungen sucht und daran wächst. In den vier Ausbildungsjahren habe er immer wieder erlebt, dass ihm Verantwortung übertragen wurde, an der er über sich hinausgewachsen sei. Wichtig sei dabei auch das Netzwerk aus erfahrenen Wegweisern, die ihn mitnehmen und beraten.

Eine radikale Idee: mehr Sichtbarkeit

Auf die Frage, was er mit einer einzigen Entscheidung am Handwerk verändern würde, nennt Sowa mehr gesunde Wettbewerbe auf nationaler Ebene, etwa mit Preisen wie Betriebsurlauben oder neuer Ausstattung. Es gehe ihm nicht darum, dass ohnehin hart arbeitende Menschen noch mehr leisten sollen, sondern um öffentliche Präsenz und Sichtbarkeit. Gerade die Elektrotechnik sei ein Bereich, dessen Leistung im besten Fall unsichtbar bleibt, weil sie unter Wänden und Böden verschwindet. Mehr mediale Aufmerksamkeit könne der Öffentlichkeit bewusst machen, wie viel im Handwerk tatsächlich geleistet wird.

Emil Sowas Geschichte zeigt: Ein geradliniger Lebenslauf ist keine Voraussetzung für Erfolg. Manchmal führt gerade der Umweg über Studienabbrüche und ein zufälliges Gespräch am Lagerhof zu genau dem Weg, der packt und greift.