Ist das Handwerk noch ein echter Karriereweg oder nur der Plan B für alle, die es nicht an die Uni geschafft haben? Bremsen Meisterbrief und Tradition die Branche aus? Und hat das Handwerk wirklich ein Nachwuchsproblem – oder macht es sich schlicht selbst zu unattraktiv? Über diese Fragen sprach der Handwerk-Podcast mit Marc Schnitzler, der bei der Handwerkskammer Aachen an einem bundesgeförderten Zukunftskonzept arbeitet. Seine Antworten sind klar, teils unbequem – und münden in einer provokanten These: Manche Betriebe sollten einfach schließen.

Handwerk als Zukunftsjob statt Notlösung

Der These, Handwerk sei nur noch ein Plan B, widerspricht Schnitzler entschieden. Während in vielen Bürojobs psychische Belastungen zunähmen, verbinde eine handwerkliche Tätigkeit Selbstwirksamkeit mit einem sichtbaren Ertrag – ein echter Gesundheitsvorteil. Auch volkswirtschaftlich sei das Handwerk ein Schwergewicht: Es erwirtschafte einen großen Anteil des Bruttosozialprodukts und habe sich in allen jüngsten Krisen als stabil erwiesen.

In all den Krisen, die gerade da waren, ist ein einziger Wirtschaftszweig nicht aus Deutschland abgerückt, und das ist das Handwerk.

Tradition: Ballast und Wert zugleich

Ob der Meisterbrief das Handwerk ausbremse, beantwortet Schnitzler zweigeteilt. Ja, die Vermittlung traditioneller Inhalte koste Zeit und wirke teils wie Ballast. Zugleich lebe das Handwerk genau von diesen Komponenten. Er verdeutlicht das am Beispiel des Schusters: Wer sieht, wie ein Mensch an einem Paar Schuhe arbeitet, hat Verständnis für einen Preis von 1.000 Euro und eine emotionale Bindung zum Produkt. Käme dasselbe aus einer digitalen Prozessmaschine, wäre diese Verbindung verschwunden.

Seine Schlussfolgerung: Tradition und Fortschritt müssen parallel laufen. Man müsse ständig neue digitale Werkzeuge lernen und Prozesse beschleunigen, ohne den Menschen aus dem Handwerk zu verdrängen. Automatisierung sei aus Sicht der Industrie sinnvoll – doch wenn der Mensch dabei verschwinde, könne das nicht das Ziel des Handwerks sein.

Hausgemachtes Nachwuchsproblem

Auch beim Thema Nachwuchs unterscheidet Schnitzler. Es gebe Betriebe, die keinen Fachkräftemangel, sondern ein hausgemachtes Problem hätten: Sie suchten Menschen, die bereit seien, sich körperlich ausnutzen zu lassen, ohne fair entlohnt zu werden. Solche Fachkräfte gebe es schlicht nicht mehr.

Gleichzeitig gebe es hochattraktive Arbeitgeber im Handwerk, die mit neuesten Technologien arbeiten – bei ihnen stünden die Bewerber Schlange. Hier fehle es weniger an Marketing als an Aufmerksamkeit und am richtigen Match. Schnitzler ist überzeugt, dass an Hochschulen viele Menschen sitzen, die sich im Studiengang verirrt haben und Praxis vermissen – und die im Handwerk ihr Know-how deutlich besser einsetzen könnten.

Vom Tischler zum Zukunftsdenker

Schnitzlers eigener Weg erklärt seine Haltung. Aufgewachsen im Umfeld eines Maschinenbauers, früh vertraut mit CAD und 3D-Fräsen, entschied er sich zunächst bewusst gegen die Technik und für eine Tischlerausbildung in der Eifel. Ein Architekturstudium brach er ab, weil ihm die Praxisnähe fehlte, und studierte anschließend als Handwerksdesigner – eine Kombination aus Handwerk und Unternehmensführung.

Bereits 2006 gründete er ein Unternehmen, das nach außen Räume und Produkte gestaltete, im Kern aber digitale Dienstleistungen anbot: Visualisierungen für Tischlereien, direkte Maschinensteuerung über Daten, später Consulting. Über die Lehre an der Aachener Akademie – getragen von der Handwerkskammer – entstand die Idee, dieses Wissen nicht nur einer kleinen Elite von 25 Studierenden zugänglich zu machen, sondern breit ins Handwerk zu tragen.

Wissen an die Knotenpunkte bringen

Heute arbeitet Schnitzler in der Aachener Stabsstelle Zukunft Handwerk, einer Art Thinktank. Statt einzelne Betriebe zu beraten, setzt er auf Skalierung: Betriebe eines Gewerks hätten im Kern dieselben Probleme. Tausende Berater durch Deutschland zu schicken, die immer wieder dieselben Baustellen bearbeiten, sei nicht praktikabel.

  • Standardprozesse identifizieren, statt jeden Betrieb als Einzelfall zu behandeln
  • Strukturelle Knotenpunkte wie Innungen wieder funktional machen – als Wissensverteiler statt nur als Veranstalter der Weihnachtsfeier
  • Best-Practice-Betriebe als Vorbilder und Multiplikatoren nutzen
  • Forschungsanträge vom Handwerk aus denken, statt an ihm vorbeizuforschen

Der Thinktank soll offen für Fragen von Inhabern, Azubis und Mitarbeitenden sein und im Gegenzug Veranstaltungen, Hackathons – bei ihnen "machbar" genannt – und konkrete Beratungen liefern. Ziel ist eine Blaupause, die später auch anderen Kammern empfohlen werden kann.

Die unbequeme These: Manche müssen schließen

An diesem Punkt wird Schnitzler deutlich. Nicht jeden werde man mitnehmen können. Wer sein Geschäftsmodell über 20 oder 30 Jahre nie hinterfragt und nur vom Geld der Kunden profitiert habe, komme seiner unternehmerischen Pflicht nicht nach. Die Angebote der Kammer seien da – kostenlos, bundesweit, auf Anruf. Das Argument, die Kammer tue nichts, sei damit vorbei.

Wer dann noch immer nicht kommt, dem tut es mir persönlich leid, aber dann müssten die halt einfach die Tür zusperren.

Für Schnitzler ist das keine Härte, sondern Konsequenz: Wenn man versucht, jeden mitzunehmen, nimmt man die Besten nicht mit. Es brauche auch ein Exzellenzdenken. Er plädiert dafür, den Begriff Unternehmung ernst zu nehmen – mit Anfang und Ende. Betriebsinhaber sollten ab Tag eins mitdenken, wo ihr Unternehmen einmal endet oder ob eine zweite Reise folgt.

Mehr Mut zum Stolpern

Hätte er die Macht, das Handwerk mit einer einzigen Entscheidung zu verändern, würde Schnitzler alle Beteiligten dazu bringen, wieder mehr auszuprobieren – Regularien herauszufordern und zur Kernkompetenz des Einfachmachens zurückzukehren. Es werde zu viel gezaudert und zu lange abgewogen, ob etwas richtig oder falsch sei.

Sein Vorbild ist die Softwarebranche: Produkte kämen als Betaversion auf den Markt und würden aus Fehlern heraus verbessert. Diese Fehlerkultur könne sich das perfektionsverliebte deutsche Handwerk aneignen – transparent gegenüber Kunden kommuniziert, etwa als kostenloses Experiment, aus dem beide Seiten lernen. Genau diese Rolle will die Stabsstelle langfristig einnehmen: ein dauerhafter Betaraum, eine verlängerte Werkbank zum gemeinsamen Stolpern und Weiterentwickeln, die nie das Ziel hat, fertig zu sein.