Der Generationenwechsel gehört zu den großen Herausforderungen im inhabergeführten Mittelstand. In der Folge von „Handwerk spricht“ berichtet Uli Kainzinger, der einen Familienbetrieb in dritter Generation führt, über seine eigenen Erfahrungen mit Übergabe, Verantwortung und den Erwartungen einer neuen Generation. Sein Betrieb feiert in diesem Jahr das hundertjährige Bestehen – und die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern.
Vom Familienbetrieb in die Verantwortung
Kainzinger übernahm den Betrieb von seinem Vater, der ihn wiederum von seinem Großonkel übernommen hatte. „Ich bin quasi reingewölft worden“, erzählt er. Am Tag seiner Geburt sei im Grunde klar gewesen, dass er den Betrieb einmal führen würde. Seit über 30 Jahren tut er das – nach eigenen Worten mit großer Freude. Dass es heute vielfach an familiären Nachfolgern mangelt, sieht er auch als gesellschaftliches Problem: Jüngere Menschen erkennen oft nicht die Befriedigung, die es bringt, ein Unternehmen zu führen und weiterzuentwickeln.
Veränderungen der letzten Jahre: Pandemie, Politik und Bürokratie
In den vergangenen zehn Jahren habe sich vieles verändert. Die Pandemie zwang zu Schichtarbeit – produktionstechnisch funktionierte das, doch für das Miteinander der Mitarbeiter erwies es sich als nachteilig. „Man entfremdet sich relativ schnell“, so Kainzinger. Als besonders belastend empfindet er die politische Unsicherheit und die wachsende Bürokratie.
Das Schlimmste ist für mich, dass du heute nicht weißt, was morgen passiert.
Gerade kleine Betriebe kämen mit dem Dokumentationsaufwand kaum hinterher. Sein Appell: Politik und Verbandswesen sollten den kleinen Betrieben stärker unter die Arme greifen, statt ihnen immer neue Steine in den Weg zu legen.
Nachfolge braucht Zeit – und einen klaren Ausstieg
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage, wie eine Übergabe gelingen kann. Kainzingers deutliche Botschaft: Eine Nachfolge lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren. Wer zu spät beginne, laufe Gefahr, keinen Spielraum mehr zu haben, falls ein erster Anlauf scheitert. Wer mit 60 anfange und nach zwei, drei Jahren merke, dass es nicht passt, sei schnell 70 – ohne geregelte Übergabe.
Er kritisiert zudem, dass zu wenig auf die eigenen Mitarbeiter geschaut werde. Geeignete Beschäftigte könne man gezielt fördern, etwa durch die Unterstützung beim Meisterabschluss. Solche Mitarbeiter kennen den Betrieb und genießen Akzeptanz in der Belegschaft. Wichtig sei auch eine realistische Einschätzung des Betriebswerts:
- Der eigentliche Wert steckt oft in Maschinen, Werkzeug und Fahrzeugen – nicht in der Firmenhülle selbst.
- Am Ende bleibt häufig weniger übrig, als viele erwarten.
- Immobilien lassen sich verpachten und sichern zusätzliche Einnahmen.
Verantwortung übergeben, ohne Angst zu machen
Ein wiederkehrendes Problem sieht Kainzinger in der Scheu vor Verantwortung. Fähige Mitarbeiter ließen sich zwar einbinden, doch sobald echte Verantwortung ins Spiel komme, ziehe sich mancher zurück – aus Angst, „festgenagelt“ zu werden. Die Aufgabe des abgebenden Unternehmers bestehe darin, den Nachfolgern die Angst vor Verantwortung zu nehmen und ihnen zugleich zu vermitteln, dass es ohne Aktivität und Handeln nicht geht.
Aus eigener Erfahrung berichtet er vom Wechsel der Rollen nach dem Tod seines Vaters 2001: Aus dem „guten Polizisten“ wurde plötzlich der „böse Polizist“. Diese Umstellung fiel ihm zunächst schwer, gehöre aber zum Unternehmersein dazu.
Der eigene Weg: berufsbegleitendes Studium und Auslandserfahrung
Bei Kainzinger selbst ist die Nachfolge bereits konkret geplant. Sein Sohn absolvierte ein berufsbegleitendes Studium – drei Tage Betrieb, zwei Tage Universität. So verbanden sich Theorie und Praxis. Kainzinger betont zugleich die Gefahr, einen Betrieb dieser Größenordnung nach neuesten ökonomischen Erkenntnissen umkrempeln zu wollen: „Arbeitsvorgänge, die einwandfrei funktionieren – warum muss ich mit aller Gewalt da drangehen?“ Inzwischen ist der Sohn für den Verkauf im Ausland zuständig, weil dort andere Marktstrukturen viel Lernpotenzial böten.
Sein Idealbild: die Kombination aus jung und ungestüm mit alt und erfahren. Den richtigen Zeitpunkt für den eigenen Rückzug will er in Ruhe abwarten – etwa, indem er sich Montag und Freitag schenkt und beobachtet, welche Probleme entstehen.
Der wichtigste Tipp: Emotionen passen nicht in Excel
Als zentralen Rat gibt Kainzinger weiter, was er auch seinem Sohn mitgegeben hat:
Ich wäre dann zufrieden, wenn er begriffen hätte, dass Emotionen nicht in Excel-Tabellen passen.
Eine Firma werde zu einem guten Teil aus dem Bauch heraus geführt, Intuition sei ein zentrales Thema. Rechnen allein biete nur vermeintliche Sicherheit. Genau dieses Zwischenmenschliche sei auch der Grund, warum das Handwerk überleben werde – denn Kommunikation zwischen Menschen könnten Maschinen nicht ersetzen.
Image, Tradition und die Bindung junger Menschen
Zum Schluss äußert sich Kainzinger zum gesellschaftlichen Ansehen des Handwerks, das aus seiner Sicht zu schlecht akzeptiert wird. Handwerk sei krisensicher und zukunftsträchtig – von Photovoltaik bis Dachbegrünung. Er vermisst allerdings die sichtbare Tradition, etwa das Tragen der Kluft, die Zugehörigkeit und Teamgeist nach außen darstellt.
Gerade jungen Menschen, die oft Angst vor der Zukunft hätten, könne eine starke Gemeinschaft Halt geben. Wer Tradition und Moderne klug verbindet, präsentiere einen attraktiven Beruf. Ebenso wichtig sei die Bindung bestehender Mitarbeiter angesichts des Fachkräftemangels: Wenn sich Jobs nicht grundlegend verändern lassen, müsse man wenigstens das Arbeitsumfeld attraktiver gestalten. Auch flexible Arbeitszeitmodelle sollte jeder Betrieb zumindest vordenken – „den Plan in der Schublade haben“, um handlungsfähig zu bleiben, wenn Mitarbeiter mit neuen Erwartungen kommen.