Er hat Schlosser gelernt, Maschinenbau studiert und gleich nach dem Abschluss seine eigene Gerüstbaufirma gegründet: Tom Köhler ist Unternehmer, Berater und Coach mit einem klaren Fokus auf die Höhenzugangstechnik. In der Folge von Handwerk spricht erzählt er, warum er das Deutsche Institut für Höhenzugangstechnik ins Leben gerufen hat, wie Netzwerke Handwerksbetriebe stärken und weshalb das Thema Nachfolge über das Überleben ganzer Betriebe entscheidet.
Vom Handwerker zum Berater und Netzwerkgründer
Köhler verkaufte seine Gerüstbaufirma 2003 und wechselte in die Beratung. Dabei stellte er schnell fest, dass sich seine Themen wiederholten: "Eigentlich erzähle ich zu 80 Prozent immer das Gleiche", so seine Erkenntnis. Prozess- und Organisationsfragen tauchten unabhängig von der Unternehmensgröße immer wieder auf. Die Konsequenz: Vor rund zehn Jahren gründete er das Deutsche Institut für Höhenzugangstechnik – einen Unternehmerzusammenschluss, der sich quartalsweise trifft und in sogenannten Mastermind-Gruppen arbeitet.
Das Besondere an diesem Ansatz: Während klassische Mastermind-Konzepte auf gemischte Branchen setzen, hat Köhler das Prinzip auf eine einzige Branche übertragen – reine Gerüstunternehmer sowie Aufzugs- und Hubbühnenvermieter. 2022 entstand daraus das erste Start-up der Runde, dessen Betaphase betreut wurde und das einen Beitrag zur Digitalisierung der Branche leistete. Statt von "Mitgliedern" spricht Köhler bewusst von "Mitmachern".
Netzwerken im Handwerk: großes Potenzial, zähe Umsetzung
Netzwerke sind für Köhler das Fundament unternehmerischen Erfolgs. Bereits seit dem Mittelalter hätten sich Handwerker in Zünften und Gilden zusammengeschlossen, um Qualität, Ausbildung und Wettbewerb zu regeln. Heute funktionieren Netzwerke oft digital und überregional, doch der Kerngedanke bleibt gleich: "Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen."
Gemeinsamer Einkauf, technologische Entwicklung oder ein gemeinsamer Monteurpool gegen den Fachkräftemangel – die Vorteile liegen für ihn auf der Hand. Dennoch ist die Beteiligung überschaubar: Von rund 3.000 Gerüstbaubetrieben in Deutschland seien nur etwas über 800 im Bundesverband organisiert. Handwerker von den Vorteilen der Kooperation zu überzeugen, sei offenbar nicht leicht.
Persönlichkeitsentwicklung als Schlüssel
Zentral ist für Köhler die Erkenntnis: "Der Betrieb ist so, wie der Unternehmer ist." Ein technikaffiner Chef präge Lager und Logistik, ein betriebswirtschaftlich orientierter die Organisation. Deshalb beginnen die Mastermind-Treffen bewusst mit Persönlichkeitsentwicklung. Ebenso wichtig sei der offene Austausch über die täglichen Herausforderungen – Themen, die man weder mit der Familie noch vollständig mit Mitarbeitern teilen könne.
Damit dieser Austausch gelingt, achtet Köhler darauf, dass keine direkten regionalen Wettbewerber aufeinandertreffen. Ursprünglich startete die Gruppe mit je einem Betrieb pro Bundesland. So entsteht Vertrauen – für Köhler die Grundvoraussetzung: "Wenn Du dich fürchten musst, dass dein Gesprächspartner dir Personal abwirbt, dann wird es nichts mit dem Thema Netzwerk." Ein wesentlicher Hebel sei zudem das gemeinsame Lernen aus Fehlern:
Wenn ich weiß, wie es nicht funktioniert, muss ich diesen Weg ja nicht noch mal einschlagen – und das Lehrgeld, das Du bezahlt hast, das kann ich mir sparen.
Der Notfallkoffer: eine Zusicherung für die Familie
Ein besonders eindrücklicher Teil der Zusammenarbeit ist der "Notfallkoffer": eine Checkliste, die vom Testament und der Patientenverfügung bis hin zu betrieblichen Details wie Passwörtern oder dem Verbleib des Lkw-Schlüssels reicht. Als vergangenes Jahr ein Kollege mit nur 49 Jahren plötzlich verstarb, zeigte sich der Wert dieser Vorbereitung. In der Gruppe wurde vereinbart, dass bei einem solchen Fall die anderen mit Know-how und Ressourcen die Familie unterstützen.
Köhler beschreibt das weniger als Versicherung, sondern als "Zusicherung". Gerade weil in vielen Handwerksbetrieben die zweite Führungsebene schwach ausgebildet sei, fehle bei einem Ausfall des Unternehmers oft die entscheidende Kompetenz – sei es im Auftragsmanagement oder im Einkauf. Ein Interimsmanager sei kurzfristig kaum verfügbar und bleibe stets ein Außenstehender. Vertraute Netzwerkpartner hingegen könnten sofort und verlässlich einspringen.
Künstliche Intelligenz als Arbeitserleichterung
Digitalisierung und KI zählen zu den drei zentralen Themen der Runde. Köhler beobachtet, dass die Technologie längst im Alltag angekommen ist – seine Kinder gehen selbstverständlich damit um. In Betrieben gebe es dagegen häufig eine innere Sperre. Sein Argument: Monteure, die zu Hause den ganzen Tag am Bildschirm hängen, könnten auch beruflich mit einem Tablet arbeiten.
Gemeinsam mit dem Podcast-Gastgeber und Michael Heidkötter hat er die Initiative "KI trifft Handwerk" gegründet, die auf "Learning by Doing" setzt. Ein konkretes Beispiel ist die Gefährdungsbeurteilung: KI-Assistenten können aus den Daten der Bauakte eine auf die jeweilige Baustelle zugeschnittene Beurteilung erstellen – statt nur eine Standardvorlage anzukreuzen. So lassen sich die drei wichtigsten Gefahrenpunkte herausfiltern und Mitarbeiter gezielt sensibilisieren. Zugleich sieht Köhler darin eine Antwort auf den Fachkräftemangel: Wer Bauleitern mit 60-Stunden-Wochen zeitgemäße Werkzeuge an die Hand gibt, verbessert die Work-Life-Balance und macht Stellen attraktiver.
Nachfolge: die Aufgabe vom ersten Tag an
Seit über 20 Jahren begleitet Köhler Unternehmer bei der Nachfolge. Er unterscheidet zwei Typen: jene, die zu Ostern anrufen und zu Weihnachten aufhören wollen, und jene, die frühzeitig planen. Alle organisatorischen Themen lassen sich für ihn unter dem Begriff Nachfolge zusammenfassen – denn wer seine Kinder liebt, will ihnen keine überlastete Firma übergeben, und wer verkaufen will, erzielt nur bei funktionierender Organisation und starker zweiter Führungsebene einen guten Preis.
Ein guter Test sei die Frage, ob der Betrieb auch dreimonatige Abwesenheit des Chefs übersteht, ohne dass ständig Anrufe kommen. Rund drei bis vier Jahre brauche es, um die Mannschaft entsprechend aufzustellen. Als "Letzter der Boomer-Generation" warnt Köhler jedoch vor einer bitteren Wahrheit: Ein Teil der heute existierenden Handwerksbetriebe werde die nächsten fünf Jahre nicht überleben, weil Nachfolger fehlen und die wenigen geeigneten Kandidaten freie Auswahl haben.
Zwei Ratschläge zum Abschluss
- Sich früh vernetzen: Schon in der Meisterschule passende Kollegen finden, sich zusammenschließen und austauschen – oder Stammtische und Branchenangebote von Herstellern nutzen.
- Mit der Zeit gehen: "Sonst gehst Du mit der Zeit."
Zum gesellschaftlichen Stellenwert des Handwerks findet Köhler klare Worte. Angesichts der vielen freien Ausbildungsplätze werde das Handwerk seiner Bedeutung nicht gerecht – dabei sei es das Rückgrat der Gesellschaft, prägend fürs regionale Leben und unverzichtbar für den Alltag. In der aktuellen Abwanderung der Industrie sieht er sogar eine mögliche Renaissance: "Ich könnte mir vorstellen, dass das eine Renaissance für das Handwerk sein kann."