Handwerk und Bauindustrie werden oft als Gegensätze wahrgenommen – groß gegen klein, Konzern gegen Familienbetrieb. Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, räumt im Podcast Handwerk spricht mit diesem Bild auf. Im Gespräch zeigt der 38-Jährige, wo beide Bereiche identische Herausforderungen haben, warum der Bau politisch unterschätzt wird und weshalb Kooperation statt Konfrontation die einzig sinnvolle Strategie für die Zukunft ist.
Eine Branche mit gemeinsamen Rahmenbedingungen
Müller betont, dass Handwerk und Bauindustrie zunächst einmal eine Branche bilden: das Bauhauptgewerbe mit rund 927.000 Beschäftigten in etwa 75.000 Einzelbetrieben, von denen die Mehrzahl weniger als 20 Mitarbeiter hat. Beide teilen dieselben wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen – von der Wohnungsbauförderung über die Landesbauordnungen bis hin zum Vergaberecht (VOB) im öffentlichen Bau.
Der Verband selbst vertritt rund 2.000 mittelständische und größere Unternehmen, die etwa die Hälfte des Branchenumsatzes erwirtschaften. Zu Müllers Aufgabenfeldern zählen die Bereiche Wirtschaft und Recht, Technik und Normung sowie Tarif- und Sozialpolitik. Eine Besonderheit: Der Verband betreibt gemeinsam mit anderen über 55 überregionale Ausbildungszentren für die 17 gewerblichen Bauberufe. Ausbildung sei in der Branche ein Solidaritätsprinzip, da nicht jeder Betrieb selbst ausbildet.
Der doppelte Druck: Fachkräftemangel trifft Konjunkturschwäche
Als drängendste gemeinsame Themen nennt Müller Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Fachkräfte. Gerade beim Personal beschreibt er eine paradoxe Lage: Einerseits fehlen derzeit Aufträge – etwa im Neubau, wo weggefallene Förderungen und gestiegene Zinsen die Nachfrage drücken. Andererseits droht ein massiver demografischer Einbruch.
Konkret stehen jährlich rund 17.000 Rentenabgängen nur etwa 11.000 neue Auszubildende gegenüber. Bis 2030 könnten der Branche über 100.000 Menschen allein durch Renteneintritte fehlen. Müller lobt ausdrücklich, dass viele Betriebe ihre Beschäftigten trotz Auftragsflaute halten wollen – denn wer einmal aus dem Bau ausscheide, komme über Jahre nicht zurück. Neben dem reinen Personalmangel warnt er zudem vor einem Verlust an Qualität und Erfahrung, wenn der Wissenstransfer von den ausscheidenden zu den jungen Fachkräften nicht gelingt.
Wirtschaftspolitik, die im toten Winkel steht
Ein zentrales Anliegen Müllers ist die gesellschaftliche und politische Sichtbarkeit der Branche. Obwohl in der Tagesschau bei Wirtschaftsthemen regelmäßig Baukräne gezeigt würden, spiele die Bauwirtschaft in der Debatte kaum eine Rolle. Der Grund: Die Politik richte ihren Blick meist auf das Exportgeschäft, während der Bau zu 98 Prozent im Inland arbeite.
Baupolitik ist ganz knallharte Wirtschaftspolitik. Denn jeder Euro, der im Bau investiert wird, erzeugt mit einem Faktor 2,5 eine öffentliche oder private Investition, die dadurch ausgelöst wird.
Müller unterstreicht, dass der Bau mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht und zugleich die Grundlage für Energiewende, Mobilitätswende, bezahlbaren Wohnraum und Breitbandanschlüsse schafft. Baupolitik sei damit nicht nur Wirtschafts-, sondern auch Sozialpolitik: Straßen und Schienen verbänden Menschen, günstiger Wohnraum ermögliche gesellschaftliche Teilhabe.
Streitkultur statt Baukultur – ein hausgemachtes Problem
Besonders kritisch blickt Müller auf die Konfliktkultur am Bau. Vor allem im öffentlichen Bau, wo gewerkeweise in Fach- und Teillosen ausgeschrieben werde, würden Auseinandersetzungen viel zu oft vor Gericht ausgetragen – etwa bei der Frage, ob das Bausoll richtig verstanden oder definiert wurde. Statt Entscheidungen direkt auf der Baustelle zu treffen, werde reflexartig zum Nachtrag oder zur Behinderungsanzeige gegriffen.
Ursache sei ein System reiner Preisvergabe. Wenn Aufträge fast ausschließlich über den Preis vergeben würden – teils bis unter die Kostendeckungsgrenze – bleibe Unternehmen kaum ein anderer Weg in die schwarzen Zahlen als über Nachträge. Das koste Ressourcen, binde Bauleiter in Dokumentation statt in echte Wertschöpfung und schade dem Image der Branche.
Müller richtet einen Appell an die öffentlichen Auftraggeber: Das Gesetz spreche zwar vom wirtschaftlichsten Angebot, gemeint sei aber meist das billigste. Ob sich die öffentliche Hand damit einen Gefallen tue, sei fraglich. Am Beispiel einer Autobahnbrücke rechnet er vor, dass Streit und Bauverzögerungen nicht nur Baukosten, sondern auch volkswirtschaftliche Kosten durch Staus, Logistikverluste und höhere CO2-Emissionen verursachen.
Politische Baustellen und der Blick nach vorn
Zu den Themen, die den Verband derzeit besonders beschäftigen, zählt Müller mehrere Punkte:
- Wachstumschancengesetz: Positiv sei die degressive AfA, kritisch die lange Dauer bis zur Einigung in wirtschaftlich schwieriger Zeit.
- Lieferkettengesetz: Auf europäischer Ebene drohte die Einstufung des Baus als Hochrisikosektor, wodurch bereits mittelständische Betriebe ab 250 Personen betroffen gewesen wären.
- Fachkräfteeinwanderung: Nötig sei nicht nur Zuwanderung, sondern auch die unbürokratische Anerkennung ausländischer Qualifikationen.
- AGB-Recht: Es schütze die oft nachgeordnete Bauwirtschaft vor unfairen Vertragsklauseln marktstarker Auftraggeber.
Den vermeintlichen Gegensatz zwischen Handwerk und Industrie löst Müller schließlich auf: Es gehe nicht um groß gegen klein, sondern um Produktionsmethoden – händische Einzelfertigung versus Leistung aus einer Hand mit Vorfertigung und Prozesskette. Entscheidend sei nicht die Betriebsgröße, sondern die Frage: innovativ und wendig oder verharrend im „Das haben wir schon immer so gemacht“.
Sein Rat zum Abschluss: Betriebe sollten sich intensiv mit Digitalisierung, Datenschutz und neuen Geschäftsmodellen befassen, die auch aus anderen Branchen auf den Bau zukommen. Wer künftig nur noch reine Bauleistung verkaufe, mache sich überflüssig. Wer sich dagegen entlang der Wertschöpfungskette klug vernetze, habe eine ausgezeichnete Zukunft – denn zu bauen gebe es mehr als genug für alle.