Nachhaltigkeit ist im Handwerk längst zum Schlagwort geworden – doch was steckt wirklich dahinter? In der Folge von Handwerk spricht erzählt Tigran Tatintsian, wie er aus einer Schnapsidee ein Geschäft aufgebaut hat, das alte Gegenstände aus Gebäuden rettet, restauriert und wieder in Nutzung bringt. Sein Zugang ist so unkonventionell wie klar: viel Handarbeit, radikale Ehrlichkeit und eine tiefe Skepsis gegenüber vermeintlich grünen Etiketten.
Von der Arbeitslosigkeit zur Selbstständigkeit
Vor zwölf Jahren begann für Tatintsian alles mit dem, was er selbst als "Punkrock" beschreibt: Aus der Arbeitslosigkeit heraus fuhr er gemeinsam mit seinem Kindheitsfreund Alexander in Brandenburg auf alte Höfe und baute dort verbaute Objekte ab. Auf einem alten Obsthof holten sie ihre ersten rund hundert Lampen – schwarz-weiße Emaille-Fabriklampen der Firma Lampow Leipzig, die er zuvor auf eBay für 30 bis 60 Euro pro Stück gesehen hatte.
Das Geschäft lief so gut, dass ein bekannter Steuerberater bereits nach zwei Monaten mahnte, das Gewerbe endlich anzumelden. Später entstand gemeinsam mit einem Partner das Unternehmen Urban Industry. Ein Schlüsselprojekt war eine Porzellanmanufaktur in Arzberg bei Selb: Statt eines einzelnen LKW voller Espressotassen wurden daraus sechs oder sieben Lastwagen mit Möbeln aus zwei Jahrhunderten, die kurz vor der Verschrottung standen.
Was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet
Für Tatintsian ist ein Großteil der öffentlichen Nachhaltigkeitsdebatte unehrlich. Nachhaltigkeit sei weder die Kaffeepackung mit Fairtrade-Aufdruck noch ein aus neuem Holz zusammengeschustertes Vintage-Möbel. Echte Ressourcenschonung bedeutet für ihn, tatsächlich Bestehendes zu bewahren.
Nachhaltigkeit ist für mich tatsächlich, wenn man auf alte Baustellen eingeladen wird, weil es diese nicht konservativen großen Bauherren gibt, die sagen: Hier ist eine Baustelle, hier gibt es Beleuchtung, Sitzmöbel, Trennelemente – es ist alles da, baut es ab.
Genau solche Objekte – von 70 Jahre alten Wandelementen über Marmor an Treppen bis zu Beleuchtung und Geländern – erhalten nach der Restaurierung die Chance auf ein weiteres langes Leben, bevor die Planierraupe kommt. Er räumt offen ein, dass der wirtschaftliche Aspekt an erster Stelle steht: Ohne Verdienst könne er weder seine Mitarbeiter noch die eigene Entwicklung finanzieren. Die Ressourcenschonung sei aber der Beweggrund schlechthin – ohne ihn würde er die Arbeit nicht machen.
Kritik an der öffentlichen Hand
Besonders bei öffentlichen Liegenschaften sieht Tatintsian ungenutztes Potenzial. Er möchte niemanden diskreditieren, betont aber, dass sich Behörden deutlich stärker engagieren könnten. Es gehe nicht darum, laufende Baustellen mit hohen Tageskosten zu stoppen, sondern präventiv das Gespräch zu suchen: Bevor ein Behördengebäude aus den Sechzigern abgerissen werde, könnten Firmen wie seine wertvolle Bestandteile sichern. Alte, eingefahrene Entscheidungsstrukturen und mangelndes Interesse an Nachhaltigkeit stünden dem jedoch häufig im Weg.
Upcycling, Handarbeit und der Reiz des Industrieschrotts
Begriffe wie Upcycling oder Shabby Chic verwendet Tatintsian ungern. Upcycling bedeute für ihn etwa, aus einer Untertasse einen Kerzenständer zu machen – eine Zweckentfremdung, die bei ihm aber selten vorkommt. Sein Anspruch ist minimalinvasive Restaurierung. Je nach Objekt wird geölt, gebeizt, geschweißt, geschraubt oder vernietet. Beim Hersteller Robert Wagner Chemnitz (Rowac) etwa lasse sich weder eine Schraube reinjagen noch schweißen; solche Hocker erzielen inzwischen zwischen 500 und 10.000 Euro.
- Nachhaltigkeit heißt, Bestehendes zu erhalten statt Neues nachzuahmen
- Öffentliche Bauträger könnten deutlich mehr Objekte vor der Verschrottung bewahren
- Restauriert wird individuell und möglichst minimalinvasiv
- Alter, gut gestalteter Industrieschrott gewinnt als Designobjekt stark an Wert
- Nachhaltiges Bauen ist teurer und braucht daher oft staatliche Unterstützung
Sein Betrieb geht heute weit über den Verkauf einzelner Lampen und Tische hinaus. Auf einem 10.000 Quadratmeter großen Grundstück in Brandenburg entstehen Tiny Houses, in Berlin baut er einen neuen Showroom auf. Zunehmend übernimmt er komplette Interior-Design-Projekte nach eigenem Gusto. Von Architekten, die am 3D-Programm immer dieselben Konzepte entwerfen, grenzt er sich bewusst ab – Berlin habe designmäßig kein Gesicht, vergleichbar mit London, Paris oder New York.
Learning by Doing statt Zertifikate
Fortbildung bedeutet für Tatintsian vor allem praktische Erfahrung. Wer nach zwölf Jahren im Handwerk nicht schweißen, mit Holz arbeiten und delegieren könne, sei letztlich nur ein Pfuscher. Fast alles habe er sich durch Ausprobieren angeeignet – mit ehrlichen Fehlschlägen, wie beim ersten, gründlich misslungenen Silikonieren. In Berlin habe sein Unternehmen in den vergangenen Jahren mehrere hundert Projekte umgesetzt.
Sichtbarkeit und die Grenzen von Social Media
Kunden erreicht er vor allem über Instagram, wo er rund 13.000 Follower hat – organisch gewachsen und echt interessiert. Über mehrere Monate ohne Aktivität verliere er nur wenige Follower. Neue Reichweite aufzubauen sei heute allerdings deutlich schwerer als vor Jahren, weil ohne bezahlte Werbung kaum noch Wachstum möglich sei. Der geplante Showroom soll diese Sichtbarkeit wieder erhöhen und Kunden zurück in den direkten Kontakt bringen.
Zukunft: innovative Materialien in schwierigen Zeiten
Für die Zukunft sieht Tatintsian ein wachsendes Angebot an wiederverwendbaren und innovativen Materialien. Ein Freund entwickelte etwa eine Rüttelmaschine, mit der aus Hanfschäben und Kalk Dämmsteine hergestellt werden. Ob solche Optionen genutzt werden, hänge jedoch stark von der wirtschaftlichen Lage ab – und die sei angespannt. Nachhaltiges Bauen sei teurer; ein Privatmann könne nicht das Doppelte für Baumaterialien zahlen. Damit sich das ändere, müssten grüne Bauprojekte staatlich gefördert werden.
Als praktischen Tipp empfiehlt er ein Fußboden- und Hartöl der Firma Kaldezeit, das sich für Metall- und Holzoberflächen eigne und Rost verzögere. Mit Blick auf das Ansehen des Handwerks warnt er vor Arroganz: Durch die vielen Aufträge, besonders während Corona, seien manche Betriebe unzuverlässig geworden und ließen Kunden hängen. Handwerk, so sein Schlusswort, solle helfen und verschönern – nicht enttäuschen.