Handwerkerinnen und Handwerker werden knapper, die Auftragsbücher bleiben voll – und die Kommunikationskanäle vervielfachen sich. Wer früher noch persönlich vorbeikam, meldet sich heute per E-Mail, WhatsApp, Telefon oder Social Media. In dieser Gemengelage wird gutes Zeitmanagement zur Schlüsselkompetenz. Im Podcast Handwerk spricht erklärt Coach Sophia Hermann, warum Priorisierung ohne klares Ziel nicht funktioniert, wie Puffer und Pausen die Qualität sichern und weshalb Multitasking ein hartnäckiger Mythos ist.

Ohne Ziel keine Priorisierung

Die häufigste Frage, die Hermann gestellt bekommt, lautet: Wie schaffe ich es zu priorisieren? Ihre Antwort verlangt zunächst einen Schritt zurück. Denn wer priorisieren will, braucht zuerst ein konkretes Ziel – und genau diesen Schritt überspringen viele.

Ob Ein-Personen-Betrieb, Unternehmer mit fünf bis zehn Angestellten oder ein größer gewachsener Betrieb mit 15 Mitarbeitern und mehr: Entscheidend ist, was aktuell das oberste Ziel ist. Geht es um eine Fusion, um Mitarbeitergewinnung, Kundenakquise, die bessere Betreuung von Bestandskunden oder um Umsatzsteigerung? Das sind laut Hermann fünf völlig verschiedene Dinge, die unterschiedliche Prioritäten erfordern.

Mehrere Ziele gleichzeitig zu verfolgen, funktioniere in der Regel nicht: „Wenn ich drei Ziele verfolge, schaff ich am Ende wahrscheinlich von dreien ein bisschen.“ Besser sei ein einziges Ziel für einen definierten Zeitraum – etwa ein Quartal oder ein halbes Jahr. Fehlt dieses Ziel, erscheint alles gleich wichtig, und man gerät ins Schleudern.

Zur Veranschaulichung greift Hermann auf ihre Vergangenheit im Gesundheitssystem zurück. In der Notaufnahme gilt das Prinzip der Triage: Patienten werden nicht nach der Stärke ihrer Schmerzen behandelt, sondern nach dem Ziel, Leben zu retten. Ein Schlaganfall ohne Schmerzen ist dringlicher als ein schmerzhafter Beinbruch. Genau dieses klare Ziel ordnet die Prioritäten.

Qualität, Stress und die unterschätzte psychische Belastung

Zeitmanagement und Qualität hängen im Handwerk unmittelbar zusammen. Handwerk lebe von Qualität – bei Pfusch am Bau steht schnell Wasser im Haus. Wer aber kein gutes Zeitmanagement hat, gerät in permanente Hektik, muss viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten und nimmt sich nicht mehr die nötige Zeit für einzelne Prozesse. Die Qualität leidet.

Besonders wichtig ist Hermann das Thema psychische Belastung. Sie begleitet Soloselbstständige ebenso wie Geschäftsführer, die unter der Kombination aus Zeitdruck, Stress und dem eigenen Qualitätsanspruch leiden. Schwelt diese Belastung zu lange auf zu hohem Niveau, drohen Burnout oder Depression.

Aber Psyche ist immer noch so was, das ist Schwäche. Aber wenn wir doch mal ehrlich sind, wer clever ist, der holt sich Hilfe von einem Experten.

Für die Website hole man sich einen Profi – genauso legitim sei es, für die wichtigste Ressource, nämlich sich selbst, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese Stigmatisierung im Handwerk gelte es aufzuheben.

Puffer einplanen – auch gegen Verzögerungen von außen

Ein zentrales Problem sind Verzögerungen, die man nicht selbst verschuldet: langsamere Vorgewerke auf der Baustelle oder Lieferengpässe, wie sie zeitweise etwa bei Holz auftraten. Erfahrene Handwerker können solche Verzögerungen meist abschätzen. Kritisch wird es nur, wenn eng „auf Knopf“ geplant wurde und externe Störungen den Zeitplan zerschießen.

Hermanns Empfehlung: konsequent Puffer einplanen – bei großen Montagen durchaus eine ganze Woche, aber auch innerhalb eines Arbeitstages. Wer um acht Uhr startet und um neun Uhr den ersten Notfall bekommt, hat bei minutiöser Durchplanung den Tag bereits verloren. Ein eingeplanter Tagespuffer für Notfälle verhindert das.

Auf den Einwand, Puffer sei unbezahlte Zeit, entgegnet sie: Diese Zeit lasse sich problemlos füllen. Gerade bei Handwerkern bleibe oft der Papierkram liegen – Rechnungen, die manchmal erst ein Jahr oder anderthalb Jahre später gestellt werden. Solche Aufgaben, die ohnehin erledigt werden müssen, könne man jederzeit in freie Puffer schieben.

Den Wert der eigenen Zeit definieren

Viele Menschen agierten in ihrer Zeitplanung reaktiv statt aktiv – andere bestimmen dann über die eigene Lebenszeit. Das führe zu dem Gefühl, viel gemacht, aber wenig geschafft zu haben. Hermanns Ansatz beginnt deshalb mit der Frage: Was ist meine Zeit überhaupt wert?

Konkret filtert sie ihren Kalender danach, was auf ihr Ziel einzahlt. Gespräche mit Menschen, bei denen „das Glas immer halb leer ist“, hat sie reduziert. Auch privat spart sie Zeit – etwa durch eine Strickjacke in acht Farben oder denselben weißen Sneaker mehrfach im Schrank, um Shopping zu vermeiden. Ihren Kalender markiert sie mit Farben: Grün steht für unantastbare Termine, andere Farben signalisieren, dass ein Termin bei Bedarf sofort verschoben werden kann.

  • Ein klares Ziel bestimmt, wonach priorisiert wird.
  • Puffer im Tages- und Projektplan fangen externe Störungen ab.
  • Pausen einplanen, bevor Hunger oder Durst einsetzen.
  • Multitasking gibt es nicht – bewusst fokussiert arbeiten.
  • „Kannste mal eben“ streichen: Jede Aufgabe bekommt einen Termin.

Pausen und der Mythos Multitasking

Pausen hält Hermann für unterschätzt. Wer erst bei Hunger oder Durst pausiert, hat sie zu spät gemacht: Beides sei bereits ein Zeichen, dass der Körper im Mangel ist und auf Sparflamme läuft. Konzentration und Qualität lassen nach, die Fehleranfälligkeit und das Unfallrisiko steigen. Selbst bei monotonen Aufgaben lässt die Leistung ohne Pause nach. Ein festes Mittagsfenster – im Rahmen einer Stunde – sorgt dafür, dass Körper und Kopf die nötige Energie zurückbekommen.

Dem Multitasking erteilt sie eine klare Absage: Das Gehirn könne sich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren, sondern nur schnell zwischen ihnen hin- und herspringen. Smartwatches, auf denen ständig Nachrichten aufploppen, seien dabei permanente Unterbrechungen, die die Konzentration zerstören – egal ob man Fliesen legt oder Schindeln aufs Dach klopft. Ihr Bild: Das Gehirn ist kein Marathonläufer, sondern ein Sprinter. Wer eine Stunde konzentriert und unerreichbar arbeitet, ist effizienter. In größeren Betrieben lasse sich die Erreichbarkeit delegieren.

Zeit als kostbarste Währung

Aus ihrer Zeit als Therapeutin in Altenheimen zieht Hermann eine grundsätzliche Erkenntnis. Auf die Frage, was am Ende des Lebens wirklich zählt, sei die Antwort immer dieselbe gewesen: nicht mehr Geld, mehr Autos oder mehr Häuser, sondern mehr Zeit. Zeit sei die kostbarste Währung – jeder verstrichene Moment komme nie wieder. Ihr Bild der Sanduhr: Niemand weiß, wie viel Sand oben ist, aber jedes Korn, das durch die Mitte geflossen ist, kehrt nie zurück.

Die Stellung des Handwerks – und die Frauenfrage

Zur Wertschätzung des Handwerks differenziert Hermann nach Altersgruppen. Ältere Menschen hätten ein selbstverständlich positives Bild. Die Gruppe zwischen etwa 25 und 70 spüre den Mangel konkret und schätze Handwerker besonders hoch. Bei jungen Leuten fehle dagegen das Bewusstsein, wie wichtig und spannend der Beruf ist.

Zugleich tue das Handwerk selbst zu wenig, um attraktiv zu sein – etwa für Frauen. Sie berichtet von einem jungen Geschäftsführer, der sagte, er würde eine Frau nicht einstellen, weil das zu viel Unruhe ins Team bringe. Diese Aussage hält sie für nicht zeitgemäß. Entscheidend sei die Frage, was die Gesellschaft braucht. Einige Handwerkerinnen zeigten längst auf Instagram und TikTok mit hohen Klickzahlen, was möglich ist. Genau diesen Facettenreichtum sollten Betriebe für die Nachwuchsgewinnung nutzen.