Die Debatte um das Bürgergeld ist seit Monaten in den Medien präsent – und immer wieder fällt die Frage: Lohnt sich Arbeiten überhaupt noch? Im Podcast Handwerk spricht gibt Rolf Randecker, der aus dem Marketing kommt und sich seit Jahren mit Schulung, Fort- und Weiterbildung sowie der Personalgewinnung beschäftigt, klare Antworten. Sein Fazit ist überraschend eindeutig: Nicht das Bürgergeld ist das eigentliche Problem des Handwerks, sondern die Frage, ob es die Branche schafft, junge Menschen für sich zu begeistern.

Bürgergeld als Hemmnis? Randeckers klares Nein

Auf die Frage, ob die neuen Regularien beim Bürgergeld die Suche und Einstellung von Personal erschweren, antwortet Randecker unmissverständlich mit einem Nein. Zwei Gründe nennt er dafür. Erstens brauche es eine gewisse Grundmotivation und Einstellung, um im Handwerk arbeiten zu können. Wer diese nicht mitbringe, für den funktioniere es ohnehin nicht. Zweitens – und das sei der eigentliche Knackpunkt – habe das Handwerk über die Jahre versäumt, junge Menschen für sich zu interessieren.

Gerade im Bäckerhandwerk, in dem Randecker derzeit tätig ist, sei der Einstieg vergleichsweise einfach. Der größte Bereich ist der Verkauf: Funktionierende Teams gelten hier als Visitenkarte des Unternehmens nach außen. Verkaufen könne im Grunde jeder lernen – ob Quereinsteiger aus der Gastronomie oder aus dem Einzelhandel. In der handwerklichen Herstellung der Backware sei zwar mehr Können gefragt, doch auch hier lasse sich vieles über Learning by Doing aneignen, sofern Interesse und Eigendynamik vorhanden seien.

Arbeitszeiten, Kitas und die Rolle der Frauen im Arbeitsmarkt

Ein wichtiges Thema sind die Beschäftigungsmodelle. Bei dem Unternehmen, das rund 1.200 Mitarbeiter zählt, ist sowohl Voll- als auch Teilzeit möglich. Um mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, hat die Branche die Arbeitszeiten bewusst an die Kita-Zeiten angepasst. Doch das System stößt an Grenzen: Weil auch bei den Kitas ein Fachkräftemangel bei Pädagoginnen und Pädagogen herrscht, greift die Betreuung nicht immer Hand in Hand. Die Folge sei, dass viele Frauen in geringfügige, nicht sozialversicherungspflichtige Beschäftigung rutschten – laut Randecker ein Problem, besonders mit Blick auf die spätere Absicherung.

Ein weiteres branchentypisches Thema sind die frühen Arbeitszeiten. In größeren Betrieben arbeiten die meisten Beschäftigten tagsüber, etwa von 7 bis 16 Uhr. Nur die Spezialisten – Ofenführer und Teigmacher – werden nachts gebraucht, wenn der Backprozess beginnt. Randecker schätzt den Anteil der Nachtarbeitenden auf rund ein Fünftel bis ein Viertel der Fachkräfte. Gerade die Generation Y, deren Älteste heute etwa 40 Jahre alt sind, lege großen Wert auf Work-Life-Balance und Familienplanung – und lehne Nachtarbeit häufig ab.

Karrierewege statt Sackgasse: Vom Lebensmitteleinzelhandel lernen

Randecker sieht ein zentrales Versäumnis darin, dass kleine und mittlere Handwerksbetriebe keine attraktiven Karrieremodelle geboten haben. Der Lebensmitteleinzelhandel habe es vorgemacht: Dort könne man nach einer Ausbildung etwa zur Fleischereifachverkäuferin einen IHK-Fachwirt anschließen und über interne Aufstiegsmöglichkeiten die Karriereleiter erklimmen.

Wir müssen die Jugend ans Handwerk führen, und das gilt wirklich branchenübergreifend. Nur dadurch, dass wir da sind, dass die Branche da ist, dass gebaut wird – das reicht nicht mehr. Wir müssen sie aktiv ansprechen.

Sein eigenes Unternehmen habe in einer Phase mit schwachem Nachwuchs Mitte der 2010er-Jahre gegengesteuert und ein Benefit-System eingeführt. Das Prinzip: gute Leistung, gutes Geld. Belohnt wurden Erfolge wie gute Zeugnisnoten, Anwesenheit oder das abgegebene Berichtsheft. Der Effekt sei bemerkenswert gewesen – die Nachricht habe sich in der Berufsschule herumgesprochen und mehr Bewerberinnen und Bewerber angezogen.

Mehr Netto vom Brutto: Bindung durch clevere Lohnbausteine

Auch wenn Geld für viele nicht der Hauptmotivator sei, komme es am Ende doch auf das an, was netto übrig bleibe. Randecker setzt auf gezielte Lohnbausteine, die der Gesetzgeber zur Verfügung stellt – etwa ein Jobfahrrad, ein Deutschlandticket als Jobticket oder Unterstützung bei chronischen Erkrankungen. Diese Leistungen seien nicht steuer- und sozialversicherungspflichtig und würden gleichzeitig eine Bindung an das Unternehmen schaffen. Auch das Thema Altersvorsorge sei bei jungen Menschen präsenter, als oft angenommen.

  • Das Bürgergeld ist laut Randecker kein Hindernis bei der Personalgewinnung – entscheidend sind Motivation und aktive Ansprache.
  • Der Verkauf ist auch für Quereinsteiger offen, die handwerkliche Herstellung über Learning by Doing erlernbar.
  • Arbeitszeiten wurden an Kita-Zeiten angepasst, um mehr Frauen zu integrieren – doch der Fachkräftemangel in Kitas erschwert das.
  • Karrieremodelle und Benefits binden Mitarbeiter und ziehen Nachwuchs an.

Höhere Fluktuation und der Kampf um Mitarbeiter

Die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer habe sich spürbar gewandelt: Sie wird familiärer, das „Du“ setzt sich stärker durch, und die Hierarchien im Bäckerhandwerk sind ohnehin flach. Gleichzeitig müssen sich Unternehmen heute deutlich mehr um ihre Mitarbeiter bemühen. Mitarbeitergespräche finden inzwischen quartalsweise statt, gesteuert über Bezirksverkaufsleiter, die je nach Bezirk 80 bis 150 Beschäftigte betreuen.

Die Fluktuation im Lebensmitteleinzelhandel liegt bereits bei 22 bis 23 Prozent und steigt aktuell weiter. Wechselwillige Mitarbeiter, die früher zögerten, lassen sich heute leichter von Wettbewerbern mit höheren Stundenlöhnen abwerben.

Ein Appell für das Handwerk

Randeckers zentrale Botschaft ist ein Appell: Junge Menschen für das Handwerk zu begeistern, koste Energie und Ressourcen, sei aber zukunftsträchtig. Die Zahlen der Bäckerinnen, Bäcker, Konditorinnen und Konditoren hätten sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Das Handwerk sei die tragende Säule des Mittelstands – und nur wenn Betriebe, Institutionen und Gesellschaft zusammenrücken, lasse sich der Negativtrend ausbremsen und das Ansehen des Handwerks wieder richtig einordnen.