Robert Wüst führt in fünfter Generation den Metallbaubetrieb seiner Familie im brandenburgischen Pritzwalk in der Prignitz – und ist zugleich einer der jüngsten Handwerkskammerpräsidenten Deutschlands. Im Gespräch bei „Handwerk spricht“ erzählt er, wie es dazu kam, an welchen Themen er als Präsident der Handwerkskammer Potsdam arbeitet und warum er davon überzeugt ist, dass das Handwerk längst aus seinem alten „Schmuddelimage“ herausgewachsen ist.

Vom Familienbetrieb ins Ehrenamt

Wüst stammt aus einer Region, die er selbst als ländlich und statistisch dünn besiedelt beschreibt – rund um die Kleinstadt mit etwa 12.000 Einwohnern, in der sein Betrieb im kommenden Jahr sein 115-jähriges Bestehen feiert. Sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt das Unternehmen, darunter seine Frau, die ihn im Büro unterstützt.

Das ehrenamtliche Engagement liegt in der Familie: Bereits Vater und Großvater waren in den Innungen aktiv, sein Vater als Lehrlingswart für den Landkreis. Als Wüst 2002 seine Ausbildung begann, verstand er den Sinn dieser Arbeit zunächst nicht. Erst mit den Jahren erkannte er die Bedeutung einer Interessenvertretung. 2011 wurde er in die Vollversammlung der Handwerkskammer Potsdam gewählt und in den Vorstand berufen, 2014 wurde er Vizepräsident. Nach dem Tod des damaligen Präsidenten Jürgen Rose übernahm er das Amt zunächst kommissarisch und wurde schließlich mit 29 Jahren zum Präsidenten gewählt.

Ich weiß, dass es nicht ganz so einfach ist, so einen jungen Handwerksmeister als Präsident einer Handwerkskammer zu wählen – und ich habe mich für das Vertrauen bedankt.

Die Themen eines Kammerpräsidenten

Einen klassischen Arbeitsalltag gibt es im Ehrenamt nicht. Wüst ist morgens im Betrieb, danach folgen Termine bei Handwerksunternehmen, Kreishandwerkerschaften, in der Kammer oder in der Staatskanzlei und im Landtag. Dort geht es um die Frage, wie sich das Handwerk stärken lässt.

Ein aktuelles Thema ist die Praktikumsprämie, die es die Kammer noch vor der Landtagswahl in Brandenburg in das Programm der neuen Regierung schaffen konnte. Ziel ist es, junge Menschen auch außerhalb der schulischen Praktika für das Handwerk zu gewinnen und entsprechende Praktika stärker vom Land fördern zu lassen. Ein weiteres Anliegen ist die Berufsorientierung an Schulen: Über den Bildungsplan des Landes ist inzwischen verankert, dass Schülerinnen und Schüler zwei Wochen Berufsorientierung in Ausbildungsbetrieben oder in den Bildungsstätten der Kammer absolvieren, wo bis zu vier Handwerksberufe vorgestellt werden.

Beim Besuch von Betrieben erlebt Wüst sehr unterschiedliche Herausforderungen: Ein Elektrobetrieb sucht sowohl Ingenieure als auch Monteure und wünscht sich mehr Fokus auf das duale Studium, während eine Schneidermeisterin über saisonale Schwankungen berichtet – im Sommer voll ausgelastet, im Winter fast ohne Aufträge.

Gymnasien und der Kampf gegen Vorurteile

Ein besonderes Anliegen ist Wüst, auch Gymnasiastinnen und Gymnasiasten für das Handwerk zu gewinnen. Als er als Präsident begann, habe ihm ein Schuldirektor gesagt, seine Schüler würden studieren. Gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten und dem Wirtschaftsminister besuchte die Kammer daraufhin Schulen, um Schulleitungen zu zeigen, wie innovativ und erfüllend Handwerk heute sein kann.

Wüst betont, dass rund 40 Prozent der Betriebsinhaber in Brandenburg älter als 55 Jahre sind – in den kommenden zehn Jahren steht also eine Vielzahl von Nachfolgen an. Gerade angesichts von computergesteuerter Technik, Robotik, Warenwirtschaftssystemen und dem beginnenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz brauche das Handwerk kluge junge Menschen, die den Mut haben, solche Betriebe zu übernehmen.

Die zentralen Vorurteile – und wie sie entkräftet werden

  • Schmutzig und anstrengend: Durch moderne Technik – Lastenaufzüge, Kräne, Gabelstapler – hat sich die körperliche Belastung stark verringert. Kaum ein Beruf kommt heute ohne Laptop aus.
  • Schlechte Bezahlung: Ein Handwerksmeister verdient im Durchschnitt mehr als ein Bachelorabsolvent – und Verdienst wird bereits ab dem ersten Ausbildungstag erzielt.
  • Keine Perspektive: Wer clever ist und gute Qualität liefert, hat nach oben keine Grenzen.

Die größten Einflussgeber bei der Berufswahl seien jedoch nicht die Schulen, sondern die Eltern. Deshalb setzt die Kammer auf Aufklärungsarbeit bei Elternabenden.

Eine Frage der Generationen

Bundesweit wird das Image des Handwerks über die Imagekampagne des Deutschen Handwerks bearbeitet, die der Zentralverband vor über zehn Jahren ins Leben rief. Eine damalige Straßenumfrage habe gezeigt, dass viele Menschen nur wenige Handwerksberufe nennen konnten. Wüst wünscht sich, dass die Fachverbände die Kampagne stärker mit detaillierter Darstellung ihrer Gewerke ergänzen – über Social Media, Plakate und Messen.

Das negative Image führt Wüst vor allem auf Erfahrungen einer Generation zurück, die die schwierigen Jahre nach der Wende in Ostdeutschland miterlebt hat. Diese Menschen begleiten heute ihre Kinder bei der Berufswahl. Er ist überzeugt, dass die nachwachsenden Generationen mit ihrem positiven Blick auf das Handwerk den Wandel vorantreiben werden – auch durch Formate wie diesen Podcast. Entscheidend sei die Authentizität: Nur wer seinen Beruf selbst positiv erlebt hat, kann ihn glaubwürdig weitergeben.

Nachwuchs im eigenen Betrieb

In seinem eigenen Metallbaubetrieb setzt Wüst auf Praktikumsplätze, Ferienarbeit und Ausbildung. Auszubildende werden bewusst durch die gesamten dreieinhalb Jahre begleitet, bevor ein neuer Lehrling aufgenommen wird – damit jeder das komplette Programm mit echter Verantwortung durchläuft. Gewonnen werden die jungen Menschen häufig über das lokale Umfeld, Sportvereine, die Freiwillige Feuerwehr oder Ausbildungsmessen.

Am schönsten sei es, mit einem Praktikanten durch die Region zu fahren und auf fertige Projekte zu zeigen: „Das haben wir gebaut.“ Diese Beständigkeit und Qualität, auf die man auch nach zehn Jahren noch stolz sein könne, treffe gerade bei jungen Menschen einen Nerv – Stichwort Nachhaltigkeit.

Ein Appell an Zuversicht und ein Blick nach vorn

Sein Rat an Unternehmerinnen und Unternehmer: nach innen wie nach außen positiv aufzutreten. Wüst wünscht sich eine Gesellschaft, die nicht in Schwarz und Weiß denkt, sondern wieder in der Mitte zusammenfindet und respektvoll diskutieren kann.

Das Standing des Handworks bewertet er als sehr gut. Am Ende jeder Diskussion, so seine Erfahrung, komme man auf denselben Punkt: Ohne Handwerk geht nichts. Zugleich benennt er eine offene Baustelle – während ein Studium stark gefördert werde, koste die Ausbildung die Betriebe Geld. Auf dem Papier seien duale und akademische Bildung über den Deutschen Qualifikationsrahmen bereits gleichgestellt (Meister gleich Bachelor, Betriebswirt im Handwerk gleich Master), finanziell jedoch noch nicht. Wüst ist überzeugt, dass hier mittel- und langfristig ein Umdenken stattfindet – und will genau diese Themen künftig verstärkt vorantreiben.