Das Handwerk in Baden-Württemberg steht vor großen Herausforderungen – von der schwächelnden Bauwirtschaft über den Fachkräftemangel bis hin zu einem Image, das trotz hoher gesellschaftlicher Wertschätzung noch Luft nach oben hat. Im Gespräch mit dem Podcast Handwerk spricht gibt Peter Haas, Hauptgeschäftsführer von Handwerk BW, tiefe Einblicke in den Alltag der Spitzenorganisation, die 140.000 Betriebe und rund 800.000 Beschäftigte im Land vertritt. Sein zentrales Anliegen: Das Handwerk soll mit erhobenem Haupt und geradem Rücken auftreten – und mehr über sich selbst sprechen.
Eine Wirtschaftsmacht von nebenan mit aktuellen Sorgen
Handwerk BW ist die Dachorganisation aller Handwerkskammern, Fachverbände und Kreishandwerkerschaften in Baden-Württemberg. Wie Haas erläutert, unterscheiden sich die Themen im Ländle kaum von denen anderer Bundesländer. Ganz akut belastet die Bauwirtschaft die Branche: Inflation, Preissteigerungen, gestiegene Zinsen und abgesenkte Fördermittel haben die Neubautätigkeit nahezu zum Erliegen gebracht.
Die Sorge sei, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Monaten und Jahren auf die weiteren Bau- und Ausbaugewerke ausweite. Daneben stünden die Langfristthemen wie der demografische Wandel, der Fachkräftebedarf und die Frage, wie Schule auf das Leben vorbereitet.
Baden-Württemberg muss den Strukturwandel erst lernen
Das Image des schlauen Tüftlers aus dem Schwabenland trägt laut Haas zwar noch, doch die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts – gerade im Hightech-Bereich mit seinen Hidden Champions – habe geschwächelt. Weil das Handwerk eng an der Industrie hängt, verfolgt Haas deren Entwicklung aufmerksam.
Wenn der Daimler Schnupfen hat, dann haben andere ganz schnell da auch Husten.
Beschäftigte großer Unternehmen wie Daimler, Bosch, Trumpf oder Eberspächer seien schließlich auch Kunden des Handwerks. Haas betont, Deutschland sei derzeit die einzige Volkswirtschaft der Welt, deren Wert sinke. Baden-Württemberg kenne bislang nur die Kurve nach oben und müsse sich nun erst an den Strukturwandel gewöhnen – wobei das Handwerk als täglicher Troubleshooter und Problemlöser gute Tipps geben könne.
Positive Energie und guter Draht zur Politik
Rückenwind sieht Haas in der Stimmung innerhalb der Branche. Beim Kongress Zukunft Handwerk und der Internationalen Handwerksmesse in München sei ein Spirit spürbar gewesen, der der eher gedrückten Stimmung im Land diametral entgegenstand. Ein Wirtschaftszweig, in dem Menschen abends wissen, was sie getan haben und ihre Arbeit als sinnstiftend erleben, könne diesen Funken auch in andere gesellschaftliche Bereiche tragen.
Zudem genieße das Handwerk in der Politik einen guten Leumund. ZDH-Präsident Jörg Dittrich sei ein gern gesehener Gast in den Ministerien und im Kanzleramt – nicht, weil er bequem sei, sondern weil er mit einer relevanten Agenda und gutem Stil auftrete.
Junge Menschen fürs Handwerk begeistern
Ein Kernthema für Haas ist die Berufsorientierung – auch an Gymnasien. Sein Credo:
Abitur ist keine Hochschulzugangsverpflichtung, sondern eine Hochschulzugangsberechtigung.
Wer nach dem Abitur einen anderen Weg gehen wolle, müsse die berufliche Vielfalt vorher überhaupt kennengelernt haben. Zufriedenheit mit Handwerkskarrieren sei oft höher als bei jenen, die ziellos durch Hochschulen gingen und am Arbeitsmarkt keine Verwendung fänden.
Ein konkretes Werkzeug ist die "Praktikumswoche", ein gemeinsames Projekt mit der Landesregierung, den Industrieverbänden und der Agentur für Arbeit. Der Grundgedanke: fünf Tage, fünf Betriebe. Über eine Internetplattform melden sich Schüler und Betriebe an und werden regional gematcht. Haas berichtet von einer jungen Frau aus einem Akademikerhaushalt, die eigentlich Geschichte studieren wollte und nach Praktika in Zimmerei, Schreinerei und sozialen Berufen nun eine Ausbildung anstrebt.
Goldener Boden und neue Unternehmensstrukturen
Haas ist überzeugt, dass das Handwerk nie einen goldeneren Boden hatte als heute. Auch im Nahrungsmittelbereich kenne er Bäcker und Metzger, die sich als Qualitätsversorger aus der Nachbarschaft positionieren – bewusst im Premiumsegment mit guten Margen. Sein Rat: Das Handwerk müsse nicht in den Preiswettbewerb gehen, sondern könne sich Nischenmärkte für ein gutes Auskommen suchen.
Zugleich verändere sich die Struktur: In konjunkturell schwachen Phasen gäben vor allem Kleinstbetriebe auf, während in manchen Märkten Konzentrationsprozesse und größere Handwerksunternehmensgruppen entstünden. Solange dahinter handwerkliche Unternehmerfamilien und echtes Handwerk stünden, sieht Haas darin kein Problem – es sichere Arbeitsplätze und Nahversorgung.
Strategiearbeit für 140.000 Betriebe
Der Alltag von Handwerk BW ist geprägt von politischer Arbeit in der Landeshauptstadt. Die Organisation ist zwingender Anhörungspartner in Gesetzgebungsverfahren, bringt die Sichtweise des Handwerks in Debatten ein und setzt sich für Förderprogramme ein. Aktuelles Beispiel: die Debatte um die Rückkehr vom G8- zum G9-Gymnasium, die für das Handwerk bedeutet, ein Jahr lang auf Abiturienten in der Ausbildung verzichten zu müssen.
Mit rund 20 thematisch zuständigen Mitarbeitenden übernimmt Handwerk BW die Strategiearbeit, während die acht Handwerkskammern und Verbände die direkte Dienstleistung am Mitglied leisten. Positionen werden dabei in Ausschüssen mit Vertretern der Mitgliedsorganisationen erarbeitet. Auf Kommunikation legt Haas großen Wert – auch auf eigenen Kanälen und bei LinkedIn.
Der Appell: Kommunizieren und selbstbewusst auftreten
Als Tipp für Handwerkerinnen und Handwerker empfiehlt der gelernte Journalist Haas, sich in der Kommunikation zu trauen: als Gesicht der eigenen Firma auftreten, hinter die Kulissen blicken lassen und authentisch bleiben. Noch könne man sich damit abheben.
Beim Image bleibe Arbeit zu tun. Laut einer aktuellen ZDH-Umfrage finden fast 90 Prozent der Deutschen das Handwerk wichtig – einer der Topwerte seit über zehn Jahren. Über die Hälfte hält das Image jedoch für nicht gut genug. Haas' Fazit: Jeder Handwerker sei Werbeträger in eigener Sache. Gegen despektierliche Sprüche müsse man mit geradem Rücken angehen und den eigenen Erfolg selbstbewusst zeigen.