Seit über vier Jahrzehnten steht Monika Nowotny für ihr Handwerk ein: als selbstständige Friseurmeisterin, als engagierte Ausbilderin und als Frau, die in zahlreichen Ehrenämtern für das Ansehen des Handwerks kämpft. Im Podcast Handwerk spricht erzählt sie von ihrem Weg in die Selbstständigkeit, von internationalen Ausbildungsprojekten, von der Integration von Mitarbeitern aus aller Welt – und davon, warum das Handwerk in der Gesellschaft wieder mehr Wertschätzung verdient.

Von der Genossenschaft in die Selbstständigkeit

Ihre Meisterprüfung legte Monika Nowotny bereits 1978 ab. In der ehemaligen DDR arbeitete sie zunächst in leitenden Positionen einer Genossenschaft. Mit dem Fall der Mauer sah sie ihre Chance, sich selbstständig zu machen. Doch der Weg dorthin war steinig: ungeklärte Vermögensverhältnisse und fehlende Räume verzögerten den Schritt. Am 14. Dezember 1992 war es schließlich so weit – zunächst mit fünf Mitarbeitern auf dem Hof. 1996 ergab sich die besondere Gelegenheit, den Salon ihrer einstigen Lehrmeisterin zu übernehmen und damit an jenen Ort zurückzukehren, an dem sie selbst mit dem Lernen begonnen hatte.

Heute führt sie ein internationales Team, das sie liebevoll ihre "Multikulti-Mannschaft" nennt: zwei Ukrainerinnen und einen Syrer. Seit zwei Jahren gilt im Salon die Vier-Tage-Woche. "Es klappt alles hervorragend", betont sie. Bei besonderen Terminen und am Wochenende packe das ganze Team an – und die Chefin greift bei Bedarf selbst zur Schere.

Ehrenamt und internationale Ausbildung

Ihr Engagement reicht weit über den eigenen Salon hinaus. Schon als Gesellin saß sie im Gesellenprüfungsausschuss, später als Meisterin. Seit zehn Jahren ist sie Prüfungsvorsitzende, engagiert sich im Berufsbildungsausschuss, ist Vorstandsmitglied und war 20 Jahre lang Obermeisterin, ehe sie den Jüngeren Platz machte und als stellvertretende Obermeisterin weiterwirkt.

Besonders am Herzen liegt ihr das Projekt "Berufsbildung ohne Grenzen", für das sie ausgezeichnet wurde. Über die Handwerkskammer schickte sie eigene Lehrlinge nach Vicenza und Malaga und nahm ausländische Auszubildende auf – darunter eine Finnin, die bei ihr wohnte. Mehrfach reiste sie nach Riga, um dort das duale Ausbildungssystem vorzustellen. "Das war eine tolle Kiste", erinnert sie sich – auch wenn die Verständigung mangels gemeinsamer Sprache oft über Englisch laufen musste.

Preisgestaltung und Produktehrlichkeit

Ein Thema, das Nowotny sichtlich bewegt, ist die Preisgestaltung in der Branche. Sie berichtet von einer Kundin aus Dortmund, die über den Preis erstaunt war – bei ihrem heimischen Friseur zahle sie deutlich weniger. Für Nowotny eine Frage der Rechnung: "Ich kann doch nicht Preise aufrufen und dann sone Mitarbeiter bezahlen." Faire Löhne setzten angemessene Preise voraus.

Ebenso wichtig ist ihr die Produktehrlichkeit: Die verwendeten Produkte stehen sichtbar im Salon und können vorne gekauft werden. Seit ihr Vater, selbst Vorsitzender, mit einem bekannten Hersteller zusammenarbeitete, ist sie dieser Marke treu geblieben. Investitionen in neue Stühle, energieeffiziente Beleuchtung und Durchlauferhitzer gehören für sie selbstverständlich dazu – ein Handwerker müsse eben alles im Blick haben.

Früher hat man gesagt: meine Hand für mein Produkt. Da müssen schon viele ohne Hände rumlaufen, weil sie einfach nicht dahinterstehen.

Integration als Herzensangelegenheit

Eine besonders berührende Geschichte erzählt Nowotny über ihren syrischen Mitarbeiter. Er kam zunächst als Praktikant über einen Willkommenslotsen – trotz Sprachbarriere und mit Dolmetscher. Bereits am nächsten Tag stand er pünktlich auf der Matte. Später stellte sich heraus, dass er in Syrien als Herrenfriseur gearbeitet hatte. Schritt für Schritt entwickelte er sich weiter, absolvierte über die Einstiegsqualifizierung seine Ausbildung, machte den Gesellenbrief und steht heute in der Meisterausbildung.

"Ich möchte das hier in Deutschland alles richtig machen", habe er gesagt – nicht irgendein Barbershop, sondern der ordentliche Weg. Inzwischen lebt er mit Frau und zwei Kindern in Deutschland, hat einen Garten und hat sich integriert, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Kritisch sieht Nowotny hingegen die Bürokratie: Alle Vierteljahre musste sie umfangreiche Formulare ausfüllen, um zu melden, dass ihr Mitarbeiter noch bei ihr arbeitet. "Man soll die Leute doch einfach ankommen und arbeiten lassen."

Ausbildung: Werte, Rückschläge und Motivation

Als Ausbilderin legt Nowotny Wert auf Grundtugenden. Wer ins Friseurhandwerk will, brauche vor allem eine Grundfreundlichkeit, dürfe keine Angst vor Menschen haben und müsse offen sein.

  • Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit als Fundament
  • Führung auf Augenhöhe, Vier-Augen-Gespräche bei Problemen
  • Ein echtes Teamgefühl, in dem auch Ideen der Auszubildenden zählen
  • Lob wird gerne weitergegeben, Kritik unter vier Augen besprochen

Sie berichtet von kleinen Aha-Momenten – etwa einer Auszubildenden, die noch nie eine Waschmaschine bedient hatte, oder von weggeworfenem Essen. "Kinder, die nichts dürfen, sind Erwachsene, die nichts können", zitiert sie. Ausbildung sei stets eine Win-win-Situation: fördern und fordern zugleich.

Auch von Rückschlägen erzählt sie offen: Ein Ausbildungsabbruch während der Coronazeit, obwohl sie mit der jungen Frau intensiv für die Zwischenprüfung geübt hatte. Ein anderer Fall endete wegen Diebstahls. "Das sind die Erlebnisse, die man nun mal hat", sagt sie – wichtig sei die Erfahrung.

Ein Plädoyer für das Handwerk

Zum Abschluss richtet Nowotny einen klaren Appell an die Gesellschaft: Das Handwerk verdiene mehr Achtung. Sie verweist auf seine lange Geschichte und darauf, dass jeder Handwerker seine eigene Handschrift trage. "Viele Menschen werden als Unikate geboren und sterben als schlechte Kopie", sagt sie. Ihr Anspruch: Kundinnen und Kunden so zu verschönern, dass sie ihre Persönlichkeit entfalten – und sich wohlfühlen. Man verkaufe schließlich ein Stück Lebensqualität.

Der Meister sei ein hohes Level und der Schlüssel zu ständiger Weiterbildung. Sie fordert mehr Werkunterricht an Schulen und mehr Wertschätzung von Lehrern, denn Arbeit mit den Händen fördere auch den Kopf. Ihre Überzeugung: Handwerk kann in jedem Gewerk unglaublich spannend sein – und jeder Selbstständige müsse selbst dazu beitragen, dieses Bild zu stärken.