Die Orthopädietechnik gehört zu den anspruchsvollsten und zugleich menschlichsten Handwerksberufen – und dennoch ist sie in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. Im Gespräch mit dem Podcast Handwerk spricht gibt Michael Grießer, der seit über 40 Jahren in diesem Bereich tätig ist, tiefe Einblicke in einen Beruf, der technisches Können, medizinisches Wissen und soziale Kompetenz miteinander verbindet. Er erzählt von den Herausforderungen des Fachkräftemangels, von der engen Zusammenarbeit mit den Patienten und von den Innovationen, die die Branche prägen.
Ein Beruf zwischen Technik und Menschlichkeit
Grießer hat den Beruf klassisch gelernt und dabei eine enorme technische Entwicklung miterlebt – von der Versorgung Kriegsversehrter bis hin zu elektronischen Gelenken. Für ihn ist die Orthopädietechnik einer der schönsten technischen Handwerksberufe überhaupt: Man habe mit Menschen zu tun, helfe ihnen und arbeite mit unterschiedlichsten Materialien, sogar mit Carbonfasertechnik. Das eigentlich Faszinierende sei jedoch das „Rauskitzeln von noch mehr Mobilität, als es in erster Linie erst mal so sichtbar ist“.
Grießer erläutert die grundlegende Unterscheidung seines Fachs: Orthesen sind unterstützende Maßnahmen, wenn eine Gliedmaße zwar vorhanden, aber nicht ausreichend leistungsfähig – also insuffizient – ist. Prothesen hingegen ersetzen, was fehlt. „Das ist das wie bei dem Zahnersatz, was fehlt, muss ersetzt werden“, vergleicht er.
Helfen als Charakterfrage
Wer diesen Beruf ausüben will, muss nach Grießers Überzeugung mehr mitbringen als handwerkliches Geschick. Es sei die vielleicht größte Frage überhaupt, ob man charakterlich geeignet sei. Wer den Beruf nur ausübe, um Geld zu verdienen, könne ihn nicht erfüllen. Die Menschen, die zu ihm kommen, hätten meist eine Krankheitsgeschichte hinter sich und seien oft entmutigt.
Man muss den Leuten ehrlich sagen, wo die Schwierigkeiten liegen, wo man ihn sieht, wo er hinkommen kann, aber auch ehrlich sein, welchen Weg man zusammengehen muss.
Kommunikation sei daher ein zentraler Bestandteil der täglichen Arbeit. Und weil die Anpassung nah am Körper des Betroffenen erfolgen muss, entsteht eine besondere Vertrauensarbeit. Grießer betont, dass die Arbeit über Distanz nicht funktioniere: Er müsse mit den eigenen Händen kontrollieren, ob sich die Situation tatsächlich so darstelle, wie der Patient sie beschreibt.
Fachkräftemangel als drängendstes Problem
Der größte Engpass der Branche liegt seit über zehn Jahren beim Nachwuchs. Es herrsche ein absoluter Mangel an Facharbeitern. Grießer sieht die Ursache vor allem darin, dass der Beruf in der Gesellschaft nicht ausreichend etabliert sei. Viele Menschen hätten ihn schlicht nicht auf dem Schirm – Kontakt entstehe meist erst, wenn jemand im Familien- oder Freundeskreis direkt betroffen sei.
Dabei sei die Ausbildung anspruchsvoll: Sie umfasse Anatomie, Pathologie, Werkstoff- und Werkzeugkunde. Und mit dem Abschluss beginne das eigentliche Lernen erst. Grießer bringt es mit einem Bild auf den Punkt: Innerhalb der Ausbildung lerne man die Basis, danach müsse man im Beruf „eigenständig zu gehen lernen“. Quereinsteiger seien mittlerweile für bestimmte Bereiche unverzichtbar geworden, weil die Fachkompetenzlücke anders nicht zu schließen sei.
Beim Material sieht Grießer hingegen keine gravierenden Probleme. Seit der Coronazeit gebe es zwar gelegentlich längere Lieferzeiten, weil Lagerkapazitäten heruntergefahren wurden, doch von echten Engpässen könne keine Rede sein.
Zwischen Bürokratie und Kostendruck
Als eingebettet in ein „Politikum“ – das Gesundheitssystem – beschreibt Grießer die regulatorischen Rahmenbedingungen. Entscheidungen träfen oft Menschen, die weit von der eigentlichen Thematik entfernt seien. Als Beispiel nennt er die reaktiv gesteuerten Kniegelenksysteme: Es habe lange gedauert, bis diese als Stand der Technik in Verordnung, Kostenvoranschlag und Kassengenehmigung anerkannt wurden.
Die Bezahlung sieht Grießer kritisch. Im Vergleich zu anderen Berufen und angesichts des hohen Anspruchs an die Orthopädietechniker liege man zu niedrig. Eine bessere Vergütung könne den Beruf auch in seiner Qualität und seinem gesellschaftlichen Stellenwert heben. Ein zentrales Problem sei das kurzfristige Denken im deutschen Gesundheitssystem.
Das, was ich jetzt erledigen kann und jemand mobilisiere, der ist am Ende gesünder und spart dann Geld.
Weil sein Fach im Gesundheitssystem einer der kleinsten Einzelblöcke sei, werde es in den großen Gremien gar nicht separat verhandelt, sondern mit anderen Bereichen in einen Topf geworfen. Grießer plädiert dafür, den Sektor – gerade mit Blick auf Vorsorge statt Nachsorge – einzeln zu betrachten.
Innovationen und ein Blick in die Zukunft
Die wichtigste Innovation sieht Grießer im 3D-Druck. Körperformen ließen sich scannen und am Rechner modellieren, wodurch maßgefertigte Hilfsmittel entstehen, die leichter und luftiger seien. Gerade im Hochsommer könne man durch Fensterungen Freiräume schaffen, ohne die medizintechnische Funktion zu beeinträchtigen.
Die Zukunft der Orthopädietechnik bezeichnet Grießer als „rosig“, weil der Bedarf nie verschwinden werde – durch Berufs- und Autounfälle ebenso wie durch Fehlentwicklungen bis zur Geburt. Eine vollautomatisierte Lösung, bei der man „ein Kärtchen einwirft und am Ende kommt etwas raus“, werde es in seinem Fach nicht geben.
Sein Rat und der Blick aufs Handwerk
- Der Beruf umfasst drei eng verzahnte Bereiche: Orthopädietechnik, Rehatechnik (Rollstuhl- und Sitzschalenbau) sowie den Bereich der Sanitätsfachangestellten.
- Grießers Tipp: sich über das Internet informieren und überlegen, ob dieser Beruf für die eigenen Kinder oder für einen selbst infrage kommt.
Zum Stellenwert des Handwarks findet Grießer klare Worte: Es sei „nicht da, wo es hingehört“ und in der Gesellschaft ein Stück weit abgewirtschaftet worden. Dabei seien die Möglichkeiten heute größer denn je, weil technische Innovationen die Anforderungen in den einzelnen Bereichen gesteigert hätten. Am Beispiel des Automechanikers, der heute Mechatroniker sei, zeige sich der Wandel deutlich. Sein Appell: die einzelnen Handwerksberufe neu betrachten und nicht an der Oberfläche kratzen – denn die Realität sei weit spannender als das gängige Klischee.