Präzision, Ausgleich und das richtige Lot – Begriffe, die im Handwerk zum Alltag gehören, lassen sich überraschend gut auf den menschlichen Körper übertragen. Genau diesen Ansatz verfolgt Melanie Hagemann. Die Gesundheitscoachin aus Weinheim an der Bergstraße war zu Gast im Podcast Handwerk spricht und erklärte, warum Rückenschmerzen, Stress und emotionale Belastungen enger zusammenhängen, als viele denken – und welche einfachen Selbsthilfe-Techniken jeder anwenden kann.
Vom Gesundheitscoach zur Körpermentorin
Melanie Hagemann bezeichnet sich selbst am liebsten als Körpermentorin. Ihr Ziel ist es, dem Körper eine Lösung anzubieten, damit er in die Stress- und Schmerzreduktion kommt – und zwar sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene. Im Zentrum ihrer Arbeit steht immer die Frage nach der Ursache: Wo liegt die Wurzel eines Problems begraben?
Viele ihrer Klientinnen und Klienten kommen über Empfehlungen. Manche informieren sich lange, bevor sie sich auf die Arbeit einlassen, andere befinden sich in einem akuten Schmerzzustand, haben bereits vieles ausprobiert und kaum noch Hoffnung. Gerade diesen Menschen möchte sie zeigen, dass es weitere Möglichkeiten gibt. Bereits nach dem ersten Termin, so ihre Erfahrung, stellten sich häufig deutliche Verbesserungen ein.
Das Handwerk und die emotionale Ebene
Zu Hagemann kommen vor allem Geschäftsinhaberinnen und -inhaber aus dem Handwerk. Sie erkennen den Wert der Arbeit, etwa mit Blick auf die mögliche Reduzierung von Krankheitstagen. Zugleich stoßen sie an eine Grenze: Mitarbeitende lassen sich nicht verordnen, ein solcher Weg muss freiwillig sein.
Besonders die emotionale Ebene sei für viele eine Hürde. Das Leben trainiere Menschen dazu, hart zu sein oder nach außen hart zu wirken. Doch der Körper spreche in unterschiedlichen Sprachen und Dialekten zu uns – erkennbar an Redewendungen wie "die Last ist zu schwer für meinen Rücken", "es sitzt mir im Nacken" oder "das ist mir auf den Magen geschlagen". Entscheidend sei, ob man die Zeit und die Muse habe, dem Körper zuzuhören, und wie groß der eigene Leidensdruck sei.
Unser Unterbewusstsein weiß ganz genau, wo der Hase langläuft, also wo die Wurzel begraben ist.
Sie betont, keine Psychotherapie anzubieten. Durch gezielte Tests lasse sich jedoch herausfinden, ob eine körperliche Überlastung oder eine emotionale Belastung vorliege – etwa eine familiäre Situation wie die plötzliche Pflege eines Elternteils, die sich auf den Körper übertrage.
Der Blick auf die Schuhsohlen als Gradmesser
Ein einfacher Test, den jeder zu Hause durchführen kann: der Blick auf die Absätze getragener Schuhe. Sind sie gleichmäßig abgelaufen oder zeigen sich Schiefstellungen? Für Hagemann ist die Ausrichtung des Menschen der erste Schritt. Denn gerät das Leben in eine Schieflage, zeige sich das auch in der Körperhaltung. Wer komplett verstellt sei, dem helfe kein einzelner aktivierter Punkt – zunächst brauche es die Ausrichtung, sonst bleibe es reine Symptombehandlung.
Praktische Selbsthilfe: Punkte an Hand, Daumen und Fuß
Ein zentraler Tipp ist Hagemanns sogenannter Meisterpunkt. Mit einem spitzen Gegenstand – einem Golftee, einer Gabelzacke, einem Zahnstocher oder einem nicht mehr funktionierenden Kugelschreiber – lässt sich ein Punkt am Handgelenk aktivieren. Er liegt zwischen Ringfinger und kleinem Finger, folgt der Linie zur Handgelenksfalte, wo sich eine kleine Kuhle befindet. Dieser Punkt liegt auf dem Herz-Meridian.
Bei innerem Druck oder Unruhe könne der Punkt piksen, warm werden, pochen oder jucken – ein Zeichen, dass er arbeitet und den Körper zu seiner jeweiligen "Baustelle" leitet und dort für Entspannung sorgt. Hagemann nutzt ihn selbst, etwa auf dem Weg ins Studio, um ruhiger zu werden.
Weitere Ansatzpunkte:
- Wirbelsäule an der Daumenseite: An beiden Daumenseiten lässt sich abtasten, ob der Rückenschmerz eher oben, in der Mitte oder unten sitzt.
- Zwischen Daumen und Zeigefinger: Sanftes Massieren zeigt Gewebestaus – Hagemann vergleicht sie mit Baustellen und Stau im Straßenverkehr.
- Am Fuß: Der kleine Zeh ist mit der Hüfte verbunden und steht für den Selbstwert, der große Zeh symbolisiert den Kopf – hilfreich etwa bei Migräne.
Wichtig sei, Punkte stets an beiden Körperseiten zu bearbeiten, da man den eigenen Rücken nicht sehen könne. Oft übertrage sich die Wirkung von der stärker reagierenden auf die andere Seite.
Ein Werkzeugkoffer aus vielen Methoden
Hagemanns Ansatz entstand aus zahlreichen Kursen und viel eigener Erfahrung. Grundlage ist unter anderem die EPM-Methode (Energiepunktmobilisation), hinzu kommen Akupunkturpunkte und Reflexzonentherapie. All das hat sie unter dem Dach ihrer Firma Tamina zu den "Tamina Healthpoints" zusammengeführt – ein großer Werkzeugkoffer, aus dem sie je nach Bedarf schöpft. Sie versteht das als ihre persönliche Handschrift, vergleichbar mit der individuellen Handschrift jedes Handwerkers in seinem Fach.
Ernährung, Darm und ausreichend Flüssigkeit
Auch die Ernährung spielt eine Rolle. Hagemann hat für sich festgestellt, dass Rückenprobleme häufig mit dem Darm zusammenhängen. In einzelnen Fällen habe sich ein vermeintlicher Bandscheibenvorfall als Darmproblematik entpuppt. Ihr Bild: Wer den Körper gedanklich in Scheiben von oben nach unten zieht und die Verbindungen quer betrachtet, findet Zusammenhänge – ähnlich wie beim Herzinfarkt, bei dem der Schmerz in den Arm ausstrahlt.
Als abschließenden Tipp nannte sie das Trinken. Gerade Geschäftsinhaber schafften es oft nicht, über den Tag genügend zu trinken – vor allem, wenn sich ihre Routine durch wechselnde Arbeitsorte ändert. Ihre Faustregel: Körpergewicht mal 0,03. Bei 90 Kilogramm wären das 2,7 Liter. Und auch das Trinkgefäß mache einen Unterschied, weil aus manchen Flaschen oder Gläsern leichter zu trinken sei.
Handwerk: als Mensch und Fachperson anerkannt werden
Auf die Frage nach der Rolle des Handwerks in der Gesellschaft verwies Hagemann auf Gespräche mit zwei selbstständigen Handwerkerinnen – einer Glaserin und einer Schreinerin. Beide wünschten sich, nicht in erster Linie als Frau, sondern als Mensch und Fachperson anerkannt zu werden. Zugleich brächten Frauen zusätzliche Aspekte ins Team ein. Ihr Aufruf: das Handwerk wieder stärker zu nutzen, weil man sich damit Zeit, Ärger und Arbeit spare. Ein Gedanke, den Hagemann teilt – denn auch in ihrem Bereich gelte: Wer mit einem Profi zusammenarbeitet, hat den besten Nutzen.