Das Handwerk steht vor grundlegenden Fragen: Ist der Meisterbrief noch zeitgemäß? Wie viel Qualifikation braucht die Energiewende? Und wie gewinnt man in Zeiten von Smartphones und Fachkräftemangel überhaupt noch Nachwuchs? Im Gespräch mit dem Podcast Handwerk spricht gibt Mike Heider, Geschäftsführer von Heider Elektro, offene Einblicke in ein Handwerk im Wandel – und räumt mit veralteten Glaubenssätzen auf.

Handwerk ist mehr als schmutzige Finger

Gleich zu Beginn räumt Heider mit der weit verbreiteten Vorstellung auf, das Handwerk sei nur noch ein Plan B für all jene, die für ein Studium nicht geeignet sind. Diese Sichtweise sei schlicht falsch, halte sich in der Gesellschaft aber hartnäckig. Handwerk sei heute weit mehr, als sich schmutzige Finger zu machen – hier müsse ein Umdenken einsetzen.

Heider spricht dabei aus eigener Erfahrung. Er stammt aus einer Handwerkerfamilie – die Mutter Zahntechnikerin, der Vater Handwerksmeister in der Elektrotechnik – und war der Erste in der Familie mit Abitur. Der Wunsch der Eltern nach „etwas Besserem“ für ihr Kind sei nachvollziehbar, aber überholt.

Es ist nicht unbedingt etwas Besseres, ein Abi zu haben und zu studieren. Das Handwerk bietet so viel auch, was den Intellekt anbelangt.

Diese veralteten Glaubenssätze passten nicht mehr zur aktuellen Zeit. Nach zehn vergleichsweise einfachen Jahren erlebe die Branche nun eine Phase der Unsicherheit, in der neue Wege gefragt sind.

Vom Großbetrieb zum spezialisierten Kleinunternehmen

Heider übernahm den Betrieb 1995 zunächst gemeinsam mit seinem Bruder, führt ihn heute allein. Aus ehemals 35 Mitarbeitern sind acht geworden – bewusst. Denn die Betriebsgröße sei in vielen Gewerken kein Erfolgsmaßstab mehr. Heider setzt auf ein Netzwerk kleiner Firmen, die sich gegenseitig unterstützen und austauschen.

Der Schwerpunkt seines Unternehmens liegt heute auf der Gebäudeautomatisierung, zu der auch Energiemanagement gehört. Diese Fokussierung sieht er als Vorteil: Kleinteiligkeit macht unabhängiger von umsatzstarken Großprojekten.

Meisterpflicht: Notwendig – aber nicht überall

Beim Thema Meisterbrief plädiert Heider für eine differenzierte Betrachtung. Die Elektrotechnik sieht er weiterhin klar als Meisterberuf, da hier Sicherheitsaspekte im Vordergrund stehen und Gefahren ausgeschlossen werden müssen. Allein im Handwerk gebe es fünf Berufsbilder in der Elektrotechnik, insgesamt sogar 15, wenn man die Ausbildung über die IHK mitzählt.

  • Bei klar definierten Arbeitsabläufen könne eine Schulung mit kleiner Prüfung ausreichen – etwa im Bereich regenerativer Energien.
  • Für sicherheitsrelevante Gewerke wie die Elektrotechnik oder das Dachdeckerhandwerk müsse die Meisterpflicht erhalten bleiben.
  • Das Berufsbild des Solarteurs beschränkt sich laut Heider im Kern darauf, Module aufs Dach zu bringen, zu befestigen und die Leitung nach unten zu führen.

Gerade bei Arbeiten auf dem Dach sieht Heider Grenzen: Themen wie Wind- und Schneelasten, Feuchteeintrag oder Schwammbildung würden dabei oft zu kurz kommen. Solche Aufgaben gehörten in die Hände qualifizierter Dachdecker.

Photovoltaik: Chancen und die Sorge vor Spätschäden

Die Photovoltaik-Branche sei ein Geschäftsfeld, in das man vergleichsweise leicht einsteigen könne – was zu Engpässen und Mängeln führe. Ursprünglich habe bei vielen Anbietern nur der Umsatz gezählt, bis man merkte, dass Gewährleistungsansprüche das Geschäft schnell zerstören können.

Heider wagt eine besorgte Prognose: In den nächsten 30 Jahren werde noch einiges auf die Branche zukommen, weil sich manche Schäden – ähnlich wie Feuchteschäden – erst mit Verzögerung zeigen. Zugleich betont er, dass es genügend seriöse Anbieter gebe und nicht jede Anlage betroffen sein müsse.

Seine Lösung: Kooperationen zwischen den Gewerken. Elektrobetriebe, Dachdecker und – im Rahmen des „Ökosystems“ rund um Wärmepumpen – weitere Fachfirmen sollten zusammenarbeiten. Solche Kooperationen kosteten unter Umständen ein paar Euro mehr, verhinderten aber typische Mängel und lieferten die gewünschte Qualität. Handwerkskammern und Innungen spielten eine wichtige Rolle, um diese Kontakte herzustellen.

Lernen auf Lebenszeit statt Meister auf Lebenszeit

Ein weiterer Wandel betrifft die Qualifikation selbst. Den „Meister auf Lebenszeit“ gebe es nicht mehr, so Heider. In seinem Gewerk gelte die Eintragung bei einem Energieversorgungsunternehmen nur noch für fünf Jahre – danach müssten neue Schulungen nachgewiesen werden. Angesichts des rasanten technischen Fortschritts sei dieses lebenslange Lernen unverzichtbar.

Nachwuchs: Zwischen TikTok und Smartphone-Sucht

Beim Recruiting junger Menschen sieht Heider die größten Herausforderungen. Betriebe müssten attraktiv und über soziale Kanäle sichtbar sein – doch genau darin liege ein Dilemma. Wer nur durch unterhaltsame TikTok-Videos auffalle, gewinne womöglich nicht die passenden Mitarbeiter.

Deutlicher noch benennt er ein gesellschaftliches Problem: Die Abhängigkeit vieler Jugendlicher von Smart Devices. Diese „Sucht“ – vergleichbar mit dem früheren Rauchen – führe dazu, dass er sich teilweise von Mitarbeitern trennen müsse. Das könne kein Handwerksbetrieb allein lösen.

Als vielversprechenden Ansatz nennt Heider die Schulpaten der Handwerkskammer: Handwerksmeister gehen bewusst nicht erst zu Jugendlichen, sondern schon in die Grundschulen, um Kinder früh für das Handwerk zu begeistern.

Ein radikaler Wunsch: Pflichtpraktikum im Handwerk

Auf die Frage, was er mit einer radikalen Entscheidung verändern würde, antwortet Heider klar: ein verpflichtendes Praktikum im Handwerk für Jugendliche. So könnten sich junge Menschen ein echtes Bild machen. Zugleich müsse man die Betriebe dabei unterstützen, denn die Begleitung von Praktikanten sei aufwendig.

Am Ende steht ein Appell zur Gemeinschaft: Der Fachkräftemangel sei auch Folge davon, dass man vor 25 Jahren darauf gesetzt habe, dass sich „irgendeiner schon kümmern“ werde. Würden sich Betriebe, Hersteller, Banken und Versicherungen gemeinsam engagieren, ließe sich das Ruder auch heute noch herumreißen.