Berlin gilt vielen als Metropole aus Beton, Politik und Kultur – doch nur wenige wissen, dass die Hauptstadt zugleich die wasserreichste Stadt Europas ist. Genau hier hat Bootsbaumeister Marcel Lorenz seine berufliche Heimat gefunden. In der Podcast-Folge von Handwerk spricht gibt er Einblicke in einen Beruf, der zwischen jahrtausendealter Tradition und modernster Technik changiert – und der weit mehr ist als das romantische Bild vom Handwerker am sonnigen Steg.

Vom Hobby zum Beruf

Marcel Lorenz kam über das Segeln seiner Eltern zum Bootsbau. Schon als kleiner Junge setzte er gemeinsam mit der Familie das eigene Boot instand. Vor 27 Jahren begann er in Berlin seine Lehre, seit 23 Jahren ist er selbstständig und beschäftigt heute drei Angestellte sowie einen Auszubildenden. Seit 18 Jahren lebt er selbst auf einem Schiff.

Aktuell arbeitet er an einem besonderen Vorhaben: Er macht einen 120 Jahre alten Eichenkutter seetüchtig, um mit ihm den Bootsbau mobiler zu gestalten und neue Bereiche zu erschließen. Nach fast drei Jahrzehnten im Beruf steht für ihn eine neue Dekade an – er bleibt der Branche treu, will sein Wirken aber grundlegend umbauen.

Berlin als Zentrum des klassischen Bootsbaus

Was viele überrascht: In Berlin gibt es rund 20 echte Werftbetriebe, die Reparaturen, Neubauten und Sonderanfertigungen realisieren. Lorenz betont, dass die Stadt vor 130 bis 140 Jahren eine wichtige Rolle im Privatschiffbau spielte. Bis heute sind hier Schiffe bekannter Konstrukteure unterwegs, die teilweise über 100 Jahre alt sind und liebevoll gepflegt werden.

Sein eigener Schwerpunkt liegt bewusst nicht bei Fahrgastschiffen oder Superyachten, sondern beim klassischen Privatkunden. Spezialisiert hat er sich auf Holz- und Metallboote aus der Zeit zwischen 1900 und den 1950er- und 60er-Jahren – ein Nischenmarkt, von dem die breite Öffentlichkeit kaum etwas mitbekommt.

Zwischen Tradition und Hightech

Faszinierend am Bootsbau ist für Lorenz die Verbindung zweier Welten. Manche Arbeitsschritte funktionieren seit Jahrtausenden nach demselben Prinzip, während moderne Materialien und Techniken zugleich enorme Fortschritte ermöglichen.

Wir arbeiten da mit manchen Sachen wie vor 2000 Jahren – und es passt trotzdem in diese Welt.

So entstehen heute traditionelle Riggs, die aussehen wie vor 500 Jahren, aber dank neuer Kunststofftechniken das Leistungspotenzial der Gegenwart bieten. Selbst eine klassische Schiffsküche, deren Form sich seit Jahrhunderten bewährt hat, wird inzwischen mit Touchdisplays, Lichtsteuerung und aus Sicherheitsgründen sogar mit einem LED-Kamin ergänzt.

Diese Entwicklung habe sogar zu einem neuen Berufsbild geführt: Der einst einheitliche Bootsbauer teilt sich zunehmend in drei Gruppen auf, weil der technische Aufwand an Bord so umfangreich geworden ist. Lorenz sieht darin auch eine Chance, das Handwerk zukunftsfähig zu machen und für die junge Generation attraktiv zu halten.

Die Realität hinter dem romantischen Bild

Mit einem verbreiteten Klischee räumt Lorenz deutlich auf: Der Bootsbau bedeute keineswegs, ständig im Sonnenschein am Steg mit Kunden zu plaudern und segeln zu gehen. In Wahrheit sei es oft schwere, schmutzige Arbeit.

  • Im Regelfall liegt man unter dem Boot, kratzt Schmutz ab und arbeitet in engen Nischen.
  • Die Wintermonate Dezember bis Februar sind hart – in etwa 90 Prozent der Werkstätten wird nicht geheizt.
  • Der Beruf ist saisonabhängig und verlangt echte Leidenschaft.

Belohnt wird all das durch den Moment der Übergabe am Steg – auch wenn dieser nur einen kleinen Teil der monatelangen Arbeit ausmacht. Für Lorenz macht gerade die Abwechslung den Reiz aus: Da selten in Serie gefertigt wird, erfordert jedes Problem eine neue, individuelle Lösung.

Fachkräfte gesucht – und Chancen für Quereinsteiger

Wie viele Gewerke kämpft auch der Bootsbau mit Personalmangel. Der Markt wächst stark, doch der Nachwuchs kommt nicht schnell genug nach. Ein Grund liege im geringen Bekanntheitsgrad der Branche, ein anderer in den Rahmenbedingungen: In Deutschland gibt es nur eine öffentliche Berufsschule für den Beruf, gelegen bei Lübeck auf dem Priwall, wo Azubis jeweils monatsweise unterrichtet werden.

Die dreieinhalbjährige Lehre vermittelt Grundlagen in vielen Bereichen. Ein geflügeltes Wort der Branche laute: „Ein guter Bootsbauer kann alles ein bisschen und nichts richtig.“ Gearbeitet wird mit Holz, Stahl, Aluminium, Lacken, Elektrik sowie Heizungs- und Wasseranlagen – ein Schiff sei in seiner Komplexität wie ein ganzes Haus.

Für Quereinsteiger sieht Lorenz großes Potenzial, etwa bei Schlossern, Lackierern, Kunststoffbauern, Elektrikern, Autoschraubern, Mechatronikern und Zimmerern. Das Grundkonzept sei bei vielen dieser Berufe ähnlich, lediglich die Rahmenbedingungen unterschieden sich.

Pflege, Wartung und Wertschätzung

Zur regelmäßigen Pflege eines Bootes gehören die Instandhaltung des Unterwasserschiffs, die oft unterschätzte Motorwartung und ein hoher allgemeiner Pflegeaufwand, weil ein Boot rund um die Uhr den Umweltbedingungen ausgesetzt ist. Vernachlässigt man die Pflege, drohen Schäden wie Osmose – bei einem Kunststoffboot der schlimmste Feind, meist verursacht durch ein schlecht gepflegtes Unterwasserschiff.

Zum Abschluss appelliert Lorenz an mehr Wertschätzung für das Handwerk. Kunden sollten öfter hinter das fertige Produkt blicken und die Arbeit anerkennen, die darin steckt – nicht nur den Preis oder Mängel in den Fokus rücken. Das Imageproblem der Branche entstehe oft durch Terminverzögerungen und Personalmangel, während der eigentliche Aufwand für Kunden unsichtbar bleibe. Ein Boot, so sein Fazit, sei „das letzte Luxusgut des Menschen“ – und biete ein unschlagbares Erholungs- und Entschleunigungspotenzial.