Der Fachkräftemangel ist längst kein abstraktes Statistikproblem mehr, sondern täglich spürbar – in der langen Schlange an der Café-Theke, im unterbesetzten Restaurant oder beim wochenlangen Warten auf einen Handwerker. In der Podcast-Folge von Handwerk spricht erläutert Kubilay Dertli, Diplomjurist und Zuwanderungsexperte, wie Unternehmen qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen und erfolgreich integrieren können – und warum vor allem der Mittelstand hier im Vorteil ist.
Ein ganzheitlicher Ansatz aus Theorie und Praxis
Kubilay Dertli bringt eine ungewöhnlich breite Ausbildung mit: Er hat Rechtswissenschaften studiert, ist Diplomjurist, hat ein Studium in Dolmetschen und Übersetzen sowie in Integrationsmanagement absolviert und Qualifizierungen im Bereich Personalberatung und als Sprachcoach abgeschlossen. Diese Kombination erlaubt es ihm nach eigener Aussage, Dienstleistungen rund um die Fachkräfteeinwanderung ganzheitlich anzubieten.
Als Geschäftsführer der KD Interaktions- und Personalberatung UG vermittelt er vor allem qualifizierte Fachkräfte aus der Türkei. Das entwickelte Konzept lässt sich jedoch auf alle Drittstaaten übertragen. Der Weg dorthin war Vorarbeit: rund sechs Monate lang baute er vor Ort Netzwerke mit Sprachschulen, Berufsschulen und Universitäten auf, um Bildungsstand und Berufsprofile mit dem deutschen System abgleichen zu können.
Von der Anwerbung bis zum Onboarding
Der Prozess beginnt bereits im Herkunftsland. Dort erfolgen die Sprachförderung und der berufliche Abgleich – etwa die Frage, ob ein türkischer Berufsschulabsolvent mit einem deutschen vergleichbar ist. Wenn ein deutsches Unternehmen anfragt, weiß Dertli dadurch gezielt, wo er suchen muss.
Die Betreuung endet nicht mit der Vermittlung. Die Fachkräfte werden am Flughafen abgeholt, Unterkünfte gestellt, das soziale Leben organisiert und die Sprachförderung fortgesetzt. Für Köche etwa wurde ein Programm mit 300 Begriffen aus der Küche erarbeitet, um die Kommunikation mit Kollegen und Gästen zu erleichtern. Es handelt sich um ein mehrstufiges Phasenmodell, das für viele Unternehmen eine echte Herausforderung darstellt.
Die größte Hürde: der bürokratische Dschungel
Ganz oben auf Dertlis Liste der Engpässe steht die Bürokratie. Zwar gibt es seit 2020 das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das inzwischen novelliert wurde, doch Visastellen, Ausländerbehörden und die Bundesagentur für Arbeit brauchen in vielen Berufen noch immer viel Zeit. Besonders im Gesundheitswesen mussten Fachkräfte teils sechs bis acht Monate auf einen Anerkennungsbescheid warten, bevor sie überhaupt einreisen durften.
Die Gesetzesänderung ab März 2024 bringt hier Erleichterung: Für nicht reglementierte Berufe – also die Mehrheit der Berufe außerhalb von Gesundheitswesen, Lehramt und öffentlichem Dienst – soll künftig eine formale Anerkennung im Herkunftsland mit zwei Jahren Berufserfahrung für die Einreise genügen. Dertli fordert darüber hinaus mehr Personal in den Behörden, konsequente Digitalisierung und zentrale Schnittstellen zwischen den Ministerien.
Bei der Digitalisierung weißt du ja, wie wir sind – also Fax haben wir gerade mal hinter uns gebracht.
Warum der Mittelstand im Vorteil ist
Für kleine und mittelständische Betriebe sieht Dertli die Integration ausländischer Fachkräfte weniger als Problem denn als Chance. Kulturelle Unterschiede – etwa bei Essen, Musik oder Begrüßung – hält er nicht für echte Hürden, sondern für Bereicherung. Emotionen und Charakter seien universell, betont er, und gerade in kleineren Betrieben funktioniere das Miteinander oft besser als in großen, anonymen Strukturen.
Als Beispiel nennt er eine Physiotherapeutin aus der Türkei, die von der Praxisleitung vom Vorstellungsgespräch bis zum Einzug begleitet wurde. Beim Abholen am Hamburger Flughafen habe er den Eindruck gehabt, ein Familienmitglied werde empfangen. Heute sind sowohl das Team als auch die Patienten zufrieden. Ein anderer vermittelter Koch lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland, hat geheiratet und das Land zur Heimat gemacht.
- Wirtschaftliches Überleben: Betriebe, die sich nicht mit dem Thema befassen, finden künftig kaum noch Fachkräfte.
- Persönlicher Umgang: In kleinen Betrieben gelingt Integration menschlicher und reibungsloser.
- Ungenutztes Potenzial: Auch anerkannte Geflüchtete bringen Qualifikationen und Motivation mit.
Bedarf, Erfolgsmessung und die Rolle der Politik
Den größten Bedarf sieht Dertli praktisch überall – vom Gesundheitswesen über MINT-Berufe bis hin zu Handwerk, Baubranche, Hotellerie und Gastronomie. Den volkswirtschaftlichen Schaden durch den Fachkräftemangel beziffert er auf rund 90 Milliarden Euro jährlich. Förderprogramme, die direkt bei den Unternehmen ansetzen, hält er deshalb für dringend geboten, gerade weil Sprachförderung und Übersetzungen Kosten verursachen, die kleine Betriebe schwer allein tragen können.
Den Erfolg einer Integration misst Dertli durch persönliche Betreuung vor, während und nach dem Prozess sowie durch regelmäßiges Feedback. Verweist er auf die Prognosen der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm – gemeint sind Hochrechnungen von bis zu 400.000 nötigen Einwanderern pro Jahr und drei bis vier Millionen bis 2030 –, wird deutlich: Der Bedarf ist enorm, weshalb er sich sogar mehr seriösen Wettbewerb unter ganzheitlich arbeitenden Dienstleistern wünscht.
Handwerk verdient mehr Anerkennung
Abschließend plädiert Dertli für eine positive Grundhaltung gegenüber Migration und Zuwanderung. Er erinnert an die Gastarbeitergeneration, deren Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft lange nicht gewürdigt wurde. Ohne Menschen mit Migrationshintergrund, so sein Bild, stehe das Leben in Deutschland still – niemand bekäme mehr Brötchen, führe Bahn oder ließe sein Haus reparieren.
Auch das Handwerk selbst genieße nicht den Stellenwert, den es verdiene. Sein Appell: "Wir brauchen mehr Meister als Master." Denn ohne menschliche Handarbeit funktioniere trotz aller Technologisierung wenig. Wertschätzung müsse schon in Kita und Schule beginnen – dann, so seine Überzeugung, werde auch der gesellschaftliche Stellenwert des Handwerks wieder steigen.