Frauen sind im Handwerk noch immer unterrepräsentiert – besonders in den technischen Berufen. Kerstin Feix kennt diese Realität aus doppelter Perspektive: als Vizepräsidentin der Handwerkskammer Dortmund und als Unternehmerin, die in dritter Generation ein Mehrmarken-Autohaus mit drei Standorten in Bochum und Witten führt. Im Podcast Handwerk spricht erklärt sie, warum die Kampagne "Starke Frauen, starkes Handwerk" so wichtig ist, welche Hürden es noch gibt – und warum sie am Ende vor allem Chancen sieht.
Warum es die Kampagne braucht
Auslöser der 2022 gestarteten Kampagne ist ein doppeltes Problem: Frauen sind im Handwerk nicht so zahlreich vertreten wie in der Gesellschaft insgesamt, und der Anteil der Frauen in der Ausbildung ist rückläufig. Ziel ist es, mehr Frauen für das Handwerk zu begeistern, ihnen die Vielfalt der Berufe aufzuzeigen und sie zu ermutigen, sich auch als Führungskräfte zu etablieren.
Für Feix ist das nicht nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel, sondern eine Frage der Ausgewogenheit. Als besonderes Problem benennt sie fehlende Vorbilder: Vielen jungen Frauen sei gar nicht bewusst, welche Berufe es gibt und dass sie dort mitmachen können. Deshalb setzt die Kampagne bewusst auf echte Handwerkerinnen als Gesichter – gerade in technischen Berufen wie Dachdeckerin oder Zimmerin, die traditionell als Männerdomänen gelten.
Ich sehe gar nicht so viele Hürden, ich sehe eigentlich mehr Chancen.
Vorbilder, Umfeld und Betriebe
Damit die Botschaft ankommt, braucht es aus Sicht von Feix mehr als Worte – es braucht Bilder und Sichtbarkeit. Ebenso wichtig sei es, das Umfeld einzubeziehen: Familie, Schulen und Lehrkräfte nähmen bei der Berufswahl großen Einfluss. Viele Berufe seien in diesem Umfeld gar nicht mehr bekannt, weshalb sie aktiv gezeigt werden müssten.
Auch die Betriebe selbst müssten sensibilisiert werden. Manche Firmen scheuten vermeintlichen zusätzlichen Aufwand, wenn sie Frauen einstellen. Hier verweist Feix auf die Beratung der Handwerkskammer Dortmund, die Unternehmen unterstützt – etwa bei der Gestaltung von Stellenanzeigen, die auch Frauen ansprechen, oder beim Schaffen der nötigen Voraussetzungen, oft schon mit kleinen Mitteln.
Besonders positiv nimmt Feix die Präsenz junger Handwerkerinnen in den sozialen Medien wahr. Deren Energie und Enthusiasmus erreiche viele junge Menschen – und zwar nicht nur Frauen, sondern auch junge Männer.
- Der Anteil weiblicher Auszubildender im Handwerk ist rückläufig.
- Fehlende Vorbilder sind eine zentrale Hürde – deshalb setzt die Kampagne auf echte Handwerkerinnen.
- Familie, Schule und Lehrkräfte beeinflussen die Berufswahl maßgeblich.
- Die Handwerkskammer Dortmund berät Betriebe bei der Gewinnung von Frauen.
- Eine Kooperation mit den BVB-Damen nutzt Synergien für mehr Aufmerksamkeit.
Kooperation mit den BVB-Damen
Ein Beispiel für die Verstärkung der Botschaft ist eine Werbekooperation mit den Frauen von Borussia Dortmund. Für Feix eine naheliegende Verbindung: Der Frauenfußball stehe vor ähnlichen Herausforderungen wie das Handwerk – Frauen leisten Beachtliches in Bereichen, die bislang vor allem mit Männern verbunden wurden. Der Erfolg der Kampagne sei zwar schwer messbar, doch das Feedback sei durchweg positiv – auch über den Kammerbezirk Dortmund hinaus. Wichtig sei, dass die Kampagne mit immer neuen Aktionen und Gesichtern weiterlebt.
Eine Frau in der Männerdomäne Autohaus
Feix selbst kennt die Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Das Autohaus – gegründet vor 96 Jahren durch den Großvater – führt sie heute in dritter Generation. Vorgesehen war das ursprünglich nicht; sie kam über die kaufmännische Schiene in den Betrieb. In ihrer Anfangszeit war eine Frau in Führungsposition eine Ausnahmeerscheinung.
Interessant ist ihre Differenzierung: Innerbetrieblich sei sie schnell über die fachliche Ebene akzeptiert worden. Schwieriger sei die Zusammenarbeit mit der damals sehr konservativen Autoindustrie gewesen. Das Handwerk selbst beschreibt sie als ehrliches, direktes und herzliches Miteinander – manchmal robuster in der Aussprache, aber fair. Heute sei die Situation deutlich besser, auch wenn noch nicht so viele Frauen in Führungspositionen vertreten seien, wie es wünschenswert wäre.
Führung, die auf Menschen setzt
In der Führung ihres 56-köpfigen Betriebs setzt Feix auf flache Hierarchien und Vertrauen. Der größte Teil der Belegschaft arbeitet im Servicebereich – Serviceannahme, Werkstatt und Teilezubehör –, den sie als "Herzstück" bezeichnet. Entscheidungen werden bei ihr häufig gemeinsam getroffen.
Ein anschauliches Beispiel ist die Auswahl neuer Auszubildender: Feix trifft zwar die Vorauswahl, doch aufgenommen wird nur, wer zuvor einige Tage hineingeschnuppert hat – und über die endgültige Zusage entscheidet die Belegschaft. Sie könne am besten beurteilen, ob jemand zupacken kann und will. Dieser respektvolle, ehrliche Umgang erklärt für Feix die vielen langjährigen Mitarbeitenden und das ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl in der "Feix-Truppe".
Zwischen Verbrenner und Elektro
Der Beruf im Kfz-Bereich hat sich massiv gewandelt: von mechanischer Arbeit hin zu viel Elektronik und "Kopfarbeit". Es reiche nicht, den Tester anzuschließen – man müsse Schaltpläne verstehen und Ursachen erkennen. Die Anforderungen sind gestiegen, weshalb der Betrieb permanent weiterqualifiziert.
Aktuell besteht die besondere Herausforderung in einer Doppelbelastung: Der Betrieb muss sowohl in Personal und Ausstattung für die Verbrennertechnologie als auch für die Elektromobilität investieren. Der Fahrzeugbestand ist noch überwiegend von Verbrennern geprägt, zumal Kunden ihre Autos länger halten und reparieren lassen. Für Feix ist das gelebte Nachhaltigkeit – und zugleich ein Spagat, um für die Zukunft gerüstet zu sein.
Handwerk mit mehr Wertschätzung
Zur Rolle des Handwerks in der Gesellschaft zeigt sich Feix vorsichtig optimistisch: Die Wahrnehmung könne noch deutlich besser werden, doch der technologische Wandel – etwa in der Heiztechnik oder bei der Elektromobilität – rücke bestimmte Branchen stärker in den Fokus. Ihr wichtigster Rat an junge Menschen lautet: den Beruf wählen, der Freude bereitet, und nicht dem Druck des Umfelds folgen. Und vor allem: nicht jammern, sondern zupacken.
Machen. Nicht jammern, sondern es machen, zupacken und die Chancen ergreifen.