Frauen im Handwerk sind noch immer die Ausnahme – besonders in Branchen wie dem Baugewerbe. Wie es sich anfühlt, sich als Unternehmerin täglich neu behaupten zu müssen, und warum sie das Handwerk trotz aller Widrigkeiten liebt, erzählt Katja Lilu Melder im Podcast Handwerk spricht. Sie betreibt ein Schadstoffsanierungsunternehmen für Schimmel- und Asbestbeseitigung und ist Sprecherin der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH).
Ein ungewöhnlicher Weg ins Handwerk
Katja Lilu Melders Weg ins Handwerk war alles andere als geradlinig. Schon früh wollte sie diesen Berufsweg einschlagen, ihre Eltern waren jedoch dagegen. So absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Hotelfachfrau und arbeitete anschließend als Disponentin in der Zeitarbeit – ein Umweg, der sie dem Handwerk wieder näherbrachte.
Mit Unterstützung ihres damaligen Arbeitgebers holte sie schließlich ihre Ausbildung zur Metallbauerin nach, während sie in Vollzeit arbeitete. Danach folgten zwei Meistertitel. Zunächst gründete sie eine Zeitarbeitsfirma im Baubereich, doch die begrenzte Überlassungsdauer und der Umgang mit den überlassenen Mitarbeitern frustrierten sie. Gemeinsam mit ihrem Mann, den sie nach eigener Aussage vom Wettbewerb abwarb und der heute bei ihr angestellt ist, baute sie das Sanierungsunternehmen auf.
Das Handwerk als Haifischbecken
Das Baugewerbe beschreibt Melder als stark männlich geprägt. Nur rund 0,8 Prozent der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe seien Frauen – aus ihrer Sicht viel zu wenig. Immer wieder werde sie mit denselben Klischees konfrontiert: dass Frauen körperlich oder mental nicht belastbar genug seien.
Besonders anschaulich schildert sie eine Situation mit einem Architekten, der bezweifelte, dass eine Wand entfernt werden könne. Sie suchte sich die passende Stelle, schlug zu – und die Wand fiel. Auch die Frage, ob ihr Meistertitel denselben Wert habe wie der eines Mannes, sei ihr schon gestellt worden.
Ich bewege mich jeden Tag in einem Haifischbecken. Die erste Zeit war wirklich sehr schwer für mich, bis ich mir so ein dickes Fell angeeignet habe.
Ihre Strategie: fachlich überzeugen, nicht zurückweichen und im richtigen Moment einen klaren Spruch setzen. Auf ihren eigenen Baustellen sei sie dreiviertel des Tages präsent und arbeite selbst mit. So habe sie ihr Team schnell auf ihrer Seite. Von Sexismus grenzt sie die direkte Ausdrucksweise auf dem Bau ausdrücklich ab – diese sei nicht böse gemeint, sondern schlicht Teil der Kultur.
Die UFH als Netzwerk und politische Stimme
Als Sprecherin der Unternehmerfrauen im Handwerk hebt Melder die Bedeutung des über 40 Jahre bestehenden Verbands hervor. Die UFH setze sich politisch für Frauen im Handwerk ein und funktioniere zugleich als Netzwerk. An schwierigen Tagen könne man dort jemanden anrufen, der die eigene Situation aus erster Hand kennt – weil andere Frauen dasselbe erleben.
- Frauen erst einmal überhaupt für das Handwerk zu gewinnen, ist die zentrale Herausforderung.
- Unterstützung durch Hilfsmittel wie Exoskelette und Abbruchroboter erleichtert körperlich schwere Arbeit.
- Handwerk gelingt im Team – auch Männer könnten nicht dauerhaft allein schwere Lasten bewegen.
- Die berufliche Ausbildung sollte einem Studium gleichgestellt werden.
Bürokratie und Zahlungsmoral als Existenzbedrohung
Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Melder arbeitet nach eigenen Angaben zu hundert Prozent für die öffentliche Hand – und leidet dort besonders unter schlechter Zahlungsmoral. Rechnungen würden gekürzt, verzögert oder mit der Ausrede, sie seien nicht angekommen, verschleppt. Gleichzeitig warteten Finanzamt und Sozialsysteme nicht.
Sie verweist auf die VOB-Fristen von 21 Tagen für Abschlags- und 30 Tagen für Schlussrechnungen, zu denen in der Praxis oft weitere Wartezeiten hinzukommen. Für ein Unternehmen bedeute das, Löhne, Sozialabgaben und Steuern mehrfach vorfinanzieren zu müssen. Besonders ärgert sie, dass kurzfristige staatliche Vorgaben – etwa die CO2-Steuer – ohne Möglichkeit zur Nachkalkulation eingeführt würden.
Ich arbeite für den Staat, damit ich für den Staat meine Steuern und Sozialabgaben zahlen kann. Und der bezahlt mich nicht. Aber der ist auch derjenige, der dich zuerst pfändet.
Hinzu komme eine überbordende Bürokratie: Siegel, Normen wie ISO und umfangreiche Dokumentationspflichten. Melder kritisiert, dass perfekt geführte Ordner mitunter höher gewichtet würden als die tatsächlich gelebte Arbeitssicherheit auf der Baustelle. Bürokratie mache das Handwerk kaputt und treibe erfahrene Betriebe in die Aufgabe.
Hassliebe zum eigenen Betrieb
Ihre Arbeitstage beginnen früh um drei Uhr und enden oft erst spät am Abend. Auf die Frage, ob sie schon ans Aufgeben gedacht habe, antwortet sie offen: gefühlt jeden Tag. Nicht wegen der Menschen oder der Arbeit selbst, sondern wegen des Drumherums. Sie spricht von einer Hassliebe – einerseits liebe sie ihre Firma und ihr Team über alles, andererseits gebe es Nächte, in denen sie sich ihr früheres Angestelltenverhältnis zurückwünsche.
Verständnis zeigt Melder für die jüngere Generation, die nach Work-Life-Balance und Viertagewoche fragt. Beides biete sie ihrem Team ohnehin schon. Dass junge Menschen angesichts der Belastungen zögern, sich selbstständig zu machen, könne sie nachvollziehen. Genau hier liege ein Grund für die Nachfolgeprobleme im Handwerk.
Ein Appell für mehr Respekt
Trotz aller Kritik wirbt Melder eindringlich für das Handwerk. Ihr Hack für die Zuschauer: Geht ins Handwerk. Das Handwerk sei eine große Familie, die für ihre Sache brenne. Man könne studieren und Abitur machen – solle aber gleichzeitig den Weg ins Handwerk mitdenken.
Sie fordert, die berufliche Ausbildung dem Studium gleichzustellen und die Wertschätzung des Handwerks politisch wieder nach vorne zu bringen. Auch Eltern und Schulen müssten sich Gedanken machen, was passiere, wenn es das Handwerk nicht mehr gebe. Besonders am Herzen liegt ihr das Ehrenamt: Mehr junge Menschen und mehr Frauen sollten Verantwortung übernehmen und für das Handwerk eintreten. Nur wenn junges Handwerk und Frauen ihre Kräfte bündelten, das Gespräch suchten und sichtbar würden, lasse sich die Richtung ändern.