Justus Kissner ist Tischler, lebt seit vier Jahren in Berlin und hat sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht. Im Podcast "Handwerk spricht" erzählt er von seiner Ausbildung in Nordbayern, dem Weg in die Hauptstadt, den überraschend guten Startbedingungen für Handwerker in Berlin und seiner Überzeugung, dass Deutschland dringend Bautischlerinnen und Bautischler braucht. Sein Werdegang zeigt, dass der Weg ins Handwerk nicht immer geradlinig verläuft – und dass gerade das eine Stärke sein kann.

Handwerk in Nordbayern und Berlin: gleicher Anspruch, anderer Bedarf

Gelernt hat Kissner in einem mittelständischen Familienbetrieb in Laufach bei Aschaffenburg. Dort verarbeitete der Betrieb jährlich große Mengen eigenes Holz mit einem mobilen Sägewerk zu massiven Tischen, war aber auch in Modernisierung, Beleuchtung, Elektrik und Architektur aktiv. Diese enorme Bandbreite prägte ihn – ebenso wie das familiäre Umfeld mit Richtfest, Herbstfest und Weihnachtsfeier.

Den Unterschied zwischen Süddeutschland und Berlin macht er weniger am Anspruch als am Bedarf fest. In der nordbayerischen Region investieren viele Kunden langfristig in ihr Eigentum – gute Treppen, eine gute Küche. In Berlin, geprägt vom Mietimmobilienmarkt, bauen die Menschen ihre Inneneinrichtung seltener auf lange Sicht aus.

Ich glaub, der Anspruch vom Handwerk ist in Deutschland überall gleich groß. Es gibt nur 'n anderen Bedarf.

Genau daraus ergeben sich für ihn als Selbstständigen gute Möglichkeiten in der Bautischlerei und in der Montage. Berlin sei stark vernetzt, die Zusammenarbeit mit Bauunternehmen und Architekten funktioniere hervorragend. Auch die Infrastruktur sei günstiger: Statt eines großen Transporters, den er in seiner Heimatstadt für rund 50.000 Euro Mehrinvestition gebraucht hätte, nutzt er in Berlin unkompliziert Carsharing-Apps.

Von der Suchtrehaklinik in die Werkstatt

Kissners Weg verlief nicht geradlinig. Nach dem Gesellenbrief absolvierte er eine Ausbildung zum staatlich geprüften Restaurator (heute gleichgestellt mit dem Bachelor Professional Technik). In Berlin stieß er zunächst auf schlechte Angebote in kleineren Betrieben und landete schließlich als Arbeitstherapeut in einer Suchtrehaklinik. Dort machte er seinen Ausbilderschein und eine rehapädagogische Zusatzausbildung.

Die menschliche Erfahrung schätzte er sehr, doch er merkte, dass ihm etwas fehlte: eine richtige Werkstatt und die Möglichkeit, etwas zu erschaffen. "Dafür war ich zu wenig Therapeut und zu sehr Handwerker", fasst er zusammen. Ein befreundeter Architekt mit einem großen Auftrag für einen Dachgeschossausbau überzeugte ihn schließlich, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen – trotz seiner Angst vor Bürokratie, Kundenakquise und Organisation.

Aufträge beim Gassigehen

Bemerkenswert ist, wie Kissner an einen seiner wichtigsten Kunden kam. Beim Spazierengehen mit seinem Hund traf er auf Mitarbeiter eines deutsch-kroatischen Bauunternehmens, das gerade eine Baustelle einweihte. Er stellte sich vor – zu diesem Zeitpunkt erst zwei Monate selbstständig – und fragte nach Arbeit. Aus einem ersten kleinen Auftrag, dem Aufarbeiten eines Altbautreppenhauses, wuchs nach und nach ein enges Vertrauensverhältnis mit immer größeren Einbauten.

Diese Erfahrung fasst er als Botschaft für Berufseinsteiger zusammen:

  • Mit offenen Augen durch die Welt gehen und auf Menschen zugehen.
  • Sich etwas trauen, aber die eigenen Stärken realistisch einschätzen.
  • Keine unrealistischen Aufträge annehmen, die die Existenz gefährden.

Eine eigene Webseite oder bezahlte Werbung brauchte er bislang nicht – schlicht, weil er zu viel zu tun hat.

Warum Bautischler gebraucht werden

Jungen Menschen empfiehlt Kissner die Selbstständigkeit ausdrücklich – besonders in der Bautischlerei. Während der High-End-Möbelbau ein riesiges Kapital erfordert, um konkurrenzfähig einzusteigen, würden Bautischlerinnen und Bautischler dringend gesucht. Man mache sich mehr die Hände schmutzig, sei mehr unterwegs und müsse die Ellenbogen etwas ausfahren, aber die Arbeit lohne sich und sei wichtig für die Gesellschaft.

Dafür hat er sein romantisches Ideal vom Tischlerhandwerk und der Restaurierung zugunsten der gefragten, praktischen Arbeit zurückgestellt. Beim Personal geht er bewusst zurückhaltend vor: Statt Mitarbeiter einzustellen, organisiert er Aufträge lieber selbst oder greift auf ein Netzwerk guter Handwerkskolleginnen und -kollegen zurück. Ein Wachstum zum großen Geschäft hat er zunächst verworfen und konzentriert sich stattdessen auf kleine Schritte und die Familienplanung. Eine mögliche Zukunftsoption sieht er eher in einem Geschäftspartner. Auch eine Ausnahmegenehmigung nach Paragraf 8 der Handwerksordnung, die ihm als Restaurator mit einem Sachkundetest offensteht, steht ganz oben auf seiner Liste.

Kurse, Erlebnis und die Motivation der jungen Generation

Für die Zukunft plant Kissner Kurse und Lehrgänge. Dafür ist er bewusst in eine ruhigere Werkstatt gezogen, denn in seiner vorherigen Gemeinschaftswerkstatt lief mitunter auch am Wochenende die CNC-Maschine – kein passender Flair für händisches Arbeiten. Angeboten werden sollen sowohl Nischenkurse zu Holzverbindungen und kleinen Möbeln als auch Erlebnisformate für Familien und Büroteams, bei denen das Erfolgserlebnis durch ein selbst geschaffenes Werkstück im Vordergrund steht.

Über die junge Generation spricht Kissner differenziert: Sie könne viel mehr, als man ihr zugestehe, und sei teils extrem engagiert. Zugleich sei sie durch Schule und Social Media an sofortiges Feedback gewöhnt. Im Handwerk brauche man dagegen Geduld, müsse monotone Phasen durchstehen und intrinsische Motivation aufbringen – das falle vielen Berufseinsteigern schwer.

Sein Tipp und ein Plädoyer fürs Handwerk

Sein wichtigster Ratschlag: nicht zu sehr auf lange Sicht planen, mitnehmen, was geht, sich nicht versteifen. Umwege seien keine verlorenen Zeit, sondern ein Lernprozess.

Da sind 2 Jahre, die man was anderes gemacht hat, auch keine verlorenen Jahre, sondern einfach 'n Lernprozess.

Zum Schluss kritisiert Kissner das gesellschaftliche Bild des Handwerks. Zu oft werde Bildung schematisch verteilt – Abitur bedeute Studium, andere Abschlüsse führten ins Handwerk. Dabei biete das Handwerk weitreichende Möglichkeiten bei Verdienst, Aufstieg und Qualifikation, in die man auch mit gutem Abitur einsteigen könne. Sein Wunsch: talentierte, qualifizierte Menschen frühzeitig für das Handwerk zu gewinnen und ihnen zu zeigen, dass es dort Spaß macht, dass man viel fürs Leben lernt und dass es keine Endstation ist.