Jörg Dittrich ist Dachdeckermeister aus Dresden, führt einen Familienbetrieb mit Wurzeln bis ins Jahr 1905 und steht heute an der Spitze des deutschen Handwerks als Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Im Gespräch schildert er seinen persönlichen Werdegang, die prägende Kraft des familiären Zusammenhalts und die großen Themen, die das Handwerk in Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft bewegen.
Vom Familienbetrieb geprägt
Nicht das Material an sich, sondern die Atmosphäre der Handwerksfamilie war für Dittrich der ausschlaggebende Grund, den Beruf zu ergreifen. Als Kind begleitete er seinen Vater auf Baustellen und ins Ehrenamt. Diesen sozialen Zusammenhalt erlebt er bis heute als tragendes Element seiner Arbeit.
Diese Herzlichkeit, die dort stattfindet, die berührt mich immer wieder.
Zugleich betont er, dass auf der Baustelle klare Spielregeln gelten: Wer sich hängen lässt, bekommt es mit den Kollegen zu tun, wer gute Arbeit leistet, erhält Anerkennung. Familienbetriebe, so seine Überzeugung, bilden eine oft unterschätzte Grundlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zwischen DDR-Erfahrung und Mittelstand
Dittrich begann seine Lehre 1986 noch zu DDR-Zeiten. Fachkräftemangel kannte der Betrieb schon damals: Von zehn erlaubten Mitarbeitern stellten sieben zwischen 1983 und 1989 einen Ausreiseantrag. Nach der Wende musste vieles neu aufgebaut werden – geblieben ist das Wissen, wie Wasser am Dach entlangläuft.
Heute ist das Unternehmen ein mittelständischer Familienbetrieb. Ein Alleinstellungsmerkmal fand Dittrich in einem ungewöhnlichen Claim: Dachschaden. Der Begriff beschreibt treffend alle Leistungen – von der kleinen Reparatur bis zur Dacherneuerung. Früh setzte er zudem auf Leistungen aus einer Hand mit einem festen Ansprechpartner für den Kunden.
Werte, Respekt und die junge Generation
Respekt und Wertschätzung im Umgang miteinander bezeichnet Dittrich als zentrale Grundlage – im Betrieb wie gegenüber der Kundschaft. Patriarchalische Strukturen verlieren an Bedeutung, entscheidend sei das gegenseitige Vertrauen. Sein Betrieb bildet derzeit 15 junge Menschen aus, darunter auch angehende Dachdeckerinnen.
Bei der Ausbildung sieht er neben dem quantitativen Fachkräftemangel auch ein Qualitätsthema. Nachhilfeunterricht im Betrieb ist keine Seltenheit. Dittrich kritisiert weniger die jungen Menschen als vielmehr die Rahmenbedingungen und warnt vor einer Überforderung durch zu viele Optionen:
Manchmal habe ich das Gefühl, dass durch die Vielfalt eher eine Angst entsteht, sich für irgendetwas zu entscheiden.
Er wünscht sich eine positivere Erzählung, die Leistung und Fleiß mit einem erstrebenswerten Ziel verbindet, statt junge Menschen nur mit Krisenszenarien zu konfrontieren.
Soziale Medien, Bildung und Technologie
Den Umgang mit sozialen Medien hält Dittrich für eine gesellschaftliche Lernaufgabe – die permanente Informationsflut und die Funktionsweise von Algorithmen seien vielen noch nicht bewusst. Als Kammerpräsident ab 2012 verweist er auf die enorme Beschleunigung: TikTok existierte damals noch gar nicht.
Ein zentrales Projekt seiner Zeit an der Handwerkskammer Dresden war der Bau eines modernen Bildungszentrums, das rund 45 Millionen Euro kostete und über Kompetenzzentren für Digitalisierung, Robotik und erneuerbare Energien verfügt. Dort können etwa verschiedene Heizungstypen gewartet und repariert werden – ein Wettbewerbsvorteil gegenüber der akademischen Bildung.
Der Vorwurf, Prüfungsanforderungen seien gesunken, weist Dittrich differenziert zurück. Die Vielfalt der Materialien und die bauphysikalischen Anforderungen seien heute deutlich größer als zu seiner Lehrzeit.
Zukunftsthemen: Fachkräfte und Technologie
Statt von Zielen spricht Dittrich lieber von Themen. Für seinen Betrieb stehen im Vordergrund:
- attraktive Arbeitsplätze mit mehr Teilhabe am Bauprozess,
- die Integration neuer Technologien wie KI, 3D-Druck und Robotik,
- Entlastung bei körperlich schweren Tätigkeiten, etwa durch Exoskelette.
Er betont, dass Innovationen im Handwerk nicht von der Universität kommen, sondern aus der Praxis heraus entwickelt werden müssen. Zugleich hat er begonnen, Unternehmensanteile an die nächste Generation zu übertragen, weil junge Menschen früh Verantwortung übernehmen sollten.
Der Zentralverband und die politische Interessenvertretung
Der Wechsel an die Spitze des Zentralverbands brachte einen Rollenwandel: weniger hoheitliche Aufgaben, dafür mehr Interessenvertretung und öffentliche Wahrnehmung. Wichtig ist Dittrich der Bezug zur Praxis – nur so kann er glaubwürdig aus dem betrieblichen Alltag berichten. Schlafmangel und Reisezeiten zu ungünstigen Uhrzeiten gehören dazu; die Firmenleitung teilt er mit seiner Frau als Geschäftsführerin und seinem Neffen im operativen Bereich.
Als politische Hauptthemen nennt er die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland – von Energie- über Sozialversicherungskosten bis zu Lohnstückkosten – sowie die berufliche Bildung im Wettbewerb zur akademischen Ausbildung.
Solidarität und Leistungsanreiz
Zur Debatte um Bürgergeld und Leistungsanreize bezieht Dittrich bewusst keine parteipolitische Position, sondern beschreibt die Bruchlinien. Im Handwerk erlebe er den Wunsch nach echter Solidarität für Menschen in Not – zugleich aber die Ablehnung von Gleichmacherei. Er plädiert für einen Mittelweg jenseits von Populismus und fordert, auch die Leistungsträger in der Mitte in den Blick zu nehmen.
Wertschätzung und ein optimistisches Schlusswort
Die Wertschätzung des Handwerks in der Gesellschaft sieht Dittrich hoch – laut Forsa-Trendmessung auf einem Niveau mit Polizei, Feuerwehr und Pflegekräften. Das Problem: Die Bereitschaft, selbst Handwerkerin oder Handwerker zu werden, sinke deutlich. Verbale Wertschätzung der Politik müsse zudem in anwendbare Gesetze münden.
Sein persönlicher Rat zum Abschluss ist eine Haltung: Glücklichsein sei eine Entscheidung. Wer nur auf das Ende der Krisen warte, verpasse das Leben – gemeinsames, fröhliches Arbeiten an einer Aufgabe sei der bessere Weg.