Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen werden im Berufsleben oft auf ihre Einschränkungen reduziert. Dabei bringen sie Fähigkeiten, Motivation und Erfahrung mit, die gerade auch im Handwerk gefragt sind. In der Podcast-Folge von Handwerk spricht war Inken Kannenberg zu Gast, die selbst seit ihrer Kindheit mit einer chronischen Erkrankung lebt und heute als Coach und Trainerin Menschen bei genau diesen Fragen begleitet. Ihr Plädoyer: Das Handwerk sollte sich für alle öffnen – und beide Seiten profitieren davon.

Vom eigenen Weg zur Beratung anderer

Inken Kannenberg erhielt mit elf Jahren die Diagnose einer chronischen Darmentzündung. Schon bevor sie ins Berufsleben startete, veränderte sich für sie vieles. Über die Jahre stellte sich immer wieder die Frage: Was kann ich überhaupt machen? Eine körperlich fordernde Tätigkeit, ein Bürojob am Schreibtisch, etwas Handwerkliches?

Sie absolvierte eine Ausbildung in der Pflege und im Rettungsdienst, entschied sich dann aber für den Weg über die Universität. Heute schreibt sie ihre Masterarbeit im Bereich Public Health und ist zugleich als Coach und Trainerin tätig. Dabei unterstützt sie Menschen bei der Entscheidung, was sie mit ihrem Leben anfangen möchten – und welche Möglichkeiten sie trotz oder sogar gerade wegen ihrer Erkrankung haben.

Der erste Schritt: ins Gespräch kommen

Für Unternehmen, die Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen beschäftigen möchten, steht laut Kannenberg das offene Gespräch am Anfang. Betroffene fragen sich oft, was sie sagen können, ohne einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Deshalb ist es wichtig, ein offenes Gesprächsangebot zu machen und beide Perspektiven einzubeziehen: Was brauchst du – und was kannst du einbringen?

Natürlich muss ein gewisses Interesse an der Tätigkeit bestehen, und manche Grenzen sind offensichtlich. Wer nur ein Bein zur Verfügung hat, kann nicht unbedingt auf dem Dach stehen. Doch viele Einschränkungen lassen sich mit Kreativität und Lösungswillen ausgleichen. Kannenberg berichtet von einem jungen Mann mit Lernschwäche, der für das Handwerk brannte und dem eine verlängerte Ausbildung den Einstieg ermöglichte.

Erst wenn man das Wort Inklusion nicht mehr braucht, dann ist man wirklich da angekommen, wo man es haben will.

Wie Kolleginnen und Kollegen reagieren

Aus ihrer Erfahrung beschreibt Kannenberg zwei typische Reaktionen im Team. Auf der einen Seite stehen die Neugierigen und Hilfsbereiten, die Unterstützung anbieten und ein inklusives Verhalten zeigen. Auf der anderen Seite gibt es Skeptiker, die fragen, ob der Kollege überhaupt die gleiche Leistung bringen kann – und die befürchten, für ihn mitarbeiten zu müssen.

Diese Skepsis richtet sich meist nur auf das vermeintliche Defizit, nicht auf das, was die betroffene Person leisten kann. Genau hier setzen Aufklärung und externe Unterstützung an: Wenn Kolleginnen und Kollegen sehen, dass jemand mit passenden Hilfsmitteln genauso schnell vorankommt, verschwindet das Gefühl der Mehrbelastung.

Institutionen, Hilfsmittel und Nachteilsausgleich

Kannenberg verweist auf Anlaufstellen, die sowohl Betroffenen als auch Arbeitgebern helfen. Integrationsämter unterstützen dabei, ein passendes Arbeitsumfeld zu schaffen – sehr individuell, je nach Bedarf. Auch Arbeitsvermittlungsstellen und Berufsverbände können Ansprechpartner sein, etwa mit Fragen nach vergleichbaren Fällen und konkreten Unterstützungsmöglichkeiten.

Besonders wichtig sind aus ihrer Sicht angepasste Werkzeuge und Materialien, die einen Nachteilsausgleich schaffen. Damit kann eine betroffene Person mit den zur Verfügung gestellten Mitteln voll leistungsfähig sein. Für notwendige Anschaffungen gibt es zudem finanzielle Fördermöglichkeiten – ein Punkt, der vielen gar nicht bekannt ist.

  • Das offene Gespräch steht am Anfang jeder erfolgreichen Zusammenarbeit.
  • Integrationsämter, Arbeitsvermittlung und Berufsverbände bieten Unterstützung.
  • Angepasste Werkzeuge und Materialien schaffen einen echten Nachteilsausgleich.
  • Für notwendige Anschaffungen gibt es finanzielle Fördermöglichkeiten.
  • Betroffene sollten sich beraten lassen und sich mit anderen austauschen.

Rechtliche Aspekte im Blick behalten

Grundlegend ist laut Kannenberg das Schwerbehindertenrecht sowie die Gleichstellung. Als schwerbehindert gilt eine Person ab einem Grad der Behinderung von 50 – das kann jede Erkrankung oder Behinderung sein, die die alltäglichen Fähigkeiten einschränkt. Wichtig: Eine Schwerbehinderung ist nicht immer sichtbar, etwa bei einer chronischen Entzündung.

Menschen mit Schwerbehinderung genießen einen besonderen Kündigungsschutz und können nicht ohne Weiteres entlassen werden. Für Kannenberg gehört dazu vor allem eine ganzheitliche Haltung: die Person nicht auf ihre Erkrankung zu reduzieren, sondern den inklusiven Gedanken vor Augen zu haben. Alle sind Teil der Firma, alle können mitarbeiten, niemand ist besser oder schlechter.

Ratschläge für Betroffene

Wer mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung im Handwerk arbeiten möchte, sollte sich zunächst die gleiche Frage stellen wie jeder andere: Was möchte ich, welche Fähigkeiten und Erfahrungen bringe ich mit? Danach gilt es zu prüfen, ob eine Stelle so ausgeübt werden kann oder ob bestimmte Punkte angesprochen werden sollten – etwa die Anschaffung passender Werkzeuge oder die Barrierefreiheit des Arbeitsplatzes.

Kannenberg rät ausdrücklich dazu, sich vorab beraten zu lassen: über Integrationsämter, Karriereberater oder Coaches, aber auch über Patientenvereine und Selbsthilfegruppen. Dort trifft man andere Betroffene, die in ähnlichen Berufen arbeiten und wertvolle Erfahrungen weitergeben können. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie wichtig eine erfüllende Tätigkeit ist – ein reiner Bürojob war ihr oft empfohlen worden, hätte sie aber nie erfüllt. Trotz Erkrankung und vieler Medikamente arbeitete sie in der Pflege und würde es nicht anders machen wollen.

Handwerk ist für alle

Auf die Frage nach der Rolle des Handwerks in der Gesellschaft kritisiert Kannenberg das gängige Bild, wonach nur körperlich starke Menschen dort ihren Platz hätten. Sie wünscht sich einen offenen Berufsbereich, in dem sich alle wiederfinden – ob in organisatorischen Funktionen vom Schreibtisch aus oder bei der handwerklichen Arbeit mit angepassten Werkzeugen. Dieses breite Bild dürfe ruhig stärker kommuniziert werden, denn das Interesse sei vorhanden. Das Fazit der Folge fällt entsprechend deutlich aus: Handwerk ist für alle – und Handwerk wird von allen benötigt.