Hat das Handwerk wirklich ein Nachwuchsproblem? Und ist eine Ausbildung im Handwerk nur noch der Notausgang für alle, die es an der Universität nicht schaffen? In der Podcast-Folge von Handwerk spricht stellt sich Germán González-Arias drei provokanten Thesen und antwortet mit einer Mischung aus persönlicher Biografie, konkreten Beispielen und einem klaren Plädoyer für Zufriedenheit, Ehrenamt und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seine Perspektive weicht dabei bewusst von den üblichen Debattenmustern ab.
Handwerk als Karriereweg: vom Maler zum Sachverständigen
Der These, Handwerk sei nur noch ein Plan B, widerspricht González-Arias mit seinem eigenen Werdegang. Er verließ die Schule früh, weil Sitzen und Zuhören nicht sein Ding waren, und begann eine Lehre als Maler und Lackierer. Aus dem Interesse an den Abläufen auf der Baustelle wuchs der nächste Schritt: der Ausbilderschein, die Abendschule, schließlich der Meister in Vollzeit. Statt in den angebotenen Beamtenstatus als Ausbilder zu wechseln, machte er sich selbstständig – im kommenden Jahr sind es 25 Jahre.
Danach folgten immer neue Spezialisierungen: die Energieberatung, um die Bauphysik besser zu verstehen, dazu Fliesenhandwerk, Trockenbau und Stuckateur. Vor fünf Jahren begann er den Weg zum Sachverständigen und strebt mittlerweile die Zulassung als freihändig vereidigter Sachverständiger für Gerichtsfälle an. Sein Interesse an Forensik will er künftig sogar mit einem Kurs zur Bauforensik in Hannover vertiefen.
Handwerk ist kein Sprungbrett, sondern eine ganz großartige Straße mit unglaublich vielen Abzweigungen, wo man seine eigene Nische finden kann und wo man seinen Beruf zur Berufung machen kann.
Für ihn ist klar: Stillstand gibt es im Handwerk nicht. Neue Produkte, neue Verfahren und die Industrie zwingen dazu, sich ständig weiterzubilden. Rein theoretisch, so merkt er an, stünde ihm heute sogar der Weg zum Architekturstudium offen.
Tradition und Meisterbrief: Bremse oder Fundament?
Ob alte Traditionen und der Meisterbrief das Handwerk ausbremsen? González-Arias erzählt vom Zimmermann an der Senfmühle in Monschau. Als Statiker und Architekt aus Aachen erklärten, rechnerisch brauche das Dach keinen Überstand, hielt der Zimmermann dagegen: So werde das nicht gemacht, das hätten alle Generationen vor ihm ebenso gebaut – und noch nie sei in der Eifel ein Haus eingestürzt.
Als Sachverständiger bekennt er sich zwar zu Fakten und Theorie. Zugleich betont er den Wert bewährter Abläufe. Sein Ansatz: mit erprobten Methoden arbeiten und sie zugleich auf neue Materialien und den heutigen Ist-Zustand übertragen – "back to the root", aber weitergedacht. Genau hier biete das Handwerk große Freiräume, eigene Ideen einzubringen und daraus gute Lösungen zu entwickeln.
Nachwuchsproblem: ein gesamtgesellschaftliches Thema
Zur dritten These – das Handwerk mache sich selbst unattraktiv – ordnet González-Arias das Problem breiter ein. Der Nachwuchsmangel betreffe ganz Deutschland: Polizei, Finanzamt, Krankenkassen, Lehrkräfte. Der demografische Wandel sei schlicht mathematisch nachvollziehbar. Als langjähriges Vorstandsmitglied und heutiger Vorsitzender des Arbeitskreises Führung im Handwerksunternehmen im Kammerbezirk Aachen hat er stets dafür geworben, früh in die Schulen zu gehen – seiner Ansicht nach gern schon ab der fünften Klasse.
Was ihn zunehmend beunruhigt, ist ein Motivationsverlust: Bei den Betrieben, aber auch bei anderen Institutionen sinke die Bereitschaft, sich um Nachwuchs zu kümmern, weil der Nachwuchs begrenzt sei. Attraktivität sei wichtig, doch entscheidend bleibe die eigene Berufung. Wer seiner Berufung nicht folge, dem gehe es als Mensch nicht zwangsläufig gut. Als Beispiel nennt er einen Bekannten aus Aachen, der in einem anderen Beruf sein Geld verdient, aber vor drei Jahren zusätzlich den Handwerksmeister gemacht hat, um seine Leidenschaft im Handwerk auszuleben.
Ehrenamt, Inklusion und die Kraft des Tuns
Ein großer Teil des Gesprächs kreist um das Machen statt Reden. González-Arias engagiert sich seit jeher ehrenamtlich – im Sport, im Arbeitskreis, im Prüfungsausschuss der Innung. Besonders am Herzen liegt ihm der AKV-Inklusionswagen, den er 2020 gemeinsam mit Martin Speicher baute und bis heute betreut. Zuletzt fuhren fast 100 Menschen auf dem Wagen mit; auch eine Teilnahme am CSD in Köln ist geplant.
Sein Bild dazu ist einfach: Das Blut aller Menschen sei rot – deshalb müsse Inklusion gelebt und nicht infrage gestellt werden. Ehrenamt versteht er als inneren Pol gegen Druck und Belastung, gerade weil Themen wie Burn-out in der Schule nie vorbereitet würden. Ohne Ehrenämter, so seine Überzeugung, würde in Deutschland nichts laufen. Nicht jede Leistung lasse sich kaufen, und die beste Motivation sei die eigene.
- Handwerk bietet vielfältige Spezialisierungswege – von der Lehre bis zum Sachverständigen.
- Bewährte Traditionen und neue Materialien lassen sich sinnvoll verbinden.
- Der Nachwuchsmangel ist ein gesamtgesellschaftliches, kein rein handwerkliches Problem.
- Berufung, Zufriedenheit und Ehrenamt sind zentrale Werte.
Die eine Entscheidung: gleiche Wertigkeit für Handwerk und Akademiker
Auf die abschließende Frage, was er mit einer einzigen Entscheidung ändern würde, antwortet González-Arias klar: Er würde es wie in Australien machen und den Stellenwert von Handwerk und akademischen Berufen auf ein Level bringen. Es gehe verloren, dass jeder Beruf seine eigene Wertigkeit habe; niemand solle allein deshalb höher stehen, weil er Arzt und nicht Handwerker sei.
Sein Fazit: Handwerk ist Hochleistungstechnologie. Weil es immer weniger Menschen gebe, müsse jeder nach seinen Möglichkeiten ausgebildet und gefördert werden – für eine Hochleistungsgesellschaft, die zufrieden ist. An die junge Generation richtet er den Appell, ihre eigene Meinung zu entwickeln und ihren Interessen zu folgen: Sie seien die Zukunft, die Älteren sollten unterstützen, ohne zu bevormunden.