Wird das Handwerk seiner Rolle als Karriereweg noch gerecht, oder ist es längst zum Plan B für alle geworden, die kein Studium absolvieren wollen? Genau mit solchen provokanten Thesen startet die Folge von "Handwerk spricht" mit Gast Kai Finken. Der Friseurmeister und Make-up Artist aus Düsseldorf blickt auf nahezu zwei Jahrzehnte Berufserfahrung zurück und spricht über Wertschätzung, faire Preise, den Nachwuchsmangel und die Chancen, die künstliche Intelligenz seiner Branche bietet.
Ein Beruf aus Leidenschaft
Kai Finken macht seinen Beruf nach eigenen Worten seit fast zwanzig Jahren – seit vier Jahren ist er Friseurmeister, 2019 kam die Ausbildung zum Make-up Artist hinzu. Die Begeisterung für Haare begleitet ihn schon seit der Kindheit. Doch der eigentliche Kern seiner Motivation liegt tiefer: Er möchte Menschen helfen, sich eine Auszeit zu gönnen und mit einer neuen Frisur ein neues Selbstbewusstsein zu gewinnen.
Ich bin einer der hoffentlich vielen Menschen, die ihren Beruf tatsächlich sehr, sehr gerne machen.
Gerade dieses Selbstwertgefühl, das er seinen Kundinnen und Kunden mitgibt, ist für ihn ein zentrales Motiv – und zugleich ein Argument gegen die weit verbreitete Geringschätzung seines Handwerks.
"Es ist nicht nur mal eben ein Haarschnitt"
Die Wertschätzung für das Friseurhandwerk bewertet Finken als schwierig. Zu oft heiße es, es sei "ja nur mal eben ein Haarschnitt" oder "nur eine Haarfarbe". Dem tritt er entschieden entgegen: Hinter der Dienstleistung stecken eine dreijährige Ausbildung, zahlreiche Fort- und Weiterbildungen in Schnitt- und Farbtechnik sowie eine ständige Weiterentwicklung der Methoden.
Diese Wertigkeit spiegelt sich für ihn auch im Preis wider. Ein hausgemachtes Problem sieht er darin, dass viele Salons ihre Preise nicht sauber kalkulieren, sondern sich an der Konkurrenz orientieren – "mal links, mal rechts gucken" und die Mitte nehmen. Seine Position ist klar: Die Preise hätten längst dort sein müssen, wo sie heute stehen, und die Entwicklung sei noch nicht am Ende.
- Preise müssen kalkuliert werden, nicht "gewürfelt".
- Mieten, Materialeinsatz und gestiegene Vergütungen müssen gedeckt sein.
- Kunden, die den Wert der Dienstleistung verstehen, bleiben – auch bei höheren Preisen.
Manche Kunden beschwerten sich oder blieben weg, so Finken, doch es kämen immer wieder neue hinzu, die den Wert einer guten Dienstleistung zu schätzen wüssten.
Nachwuchs, Vergütung und Work-Life-Balance
Beim Thema Ausbildungsvergütung findet der Friseurmeister deutliche Worte: Sie sei nach wie vor zu schwach. Zwar habe sich im Vergleich zu früher etwas getan, doch es reiche nicht aus – und genau das sei ein großer Faktor für den ausbleibenden Nachwuchs. Denn am Ende des Tages müsse jeder Mensch seine Rechnung bezahlen, weshalb Geld in der Kommunikation mit jungen Menschen eine größere Rolle spiele, als oft eingeräumt werde.
Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Work-Life-Balance. Viele junge Menschen wünschten sich mehr Freizeit statt mehr Gehalt. Im Gespräch wird jedoch auch die Kehrseite beleuchtet: Wer nur vier Tage arbeitet, sammelt entsprechend geringere Rentenansprüche. Beide Gesprächspartner sind sich einig, dass eine Kombination aus Leistungswillen und attraktiver Vergütung nötig ist – eine Bezahlung, die sowohl das heutige Leben als auch den späteren Ruhestand absichert.
Ausbildung im eigenen Betrieb
Finkens Salon gehört zu den wenigen, die pro Lehrjahr einen Auszubildenden beschäftigen – insgesamt drei. Der Umgang sei locker und normal: Die Auszubildenden dürfen früh Verantwortung übernehmen, färben und föhnen selbst. Je schneller sie fit werden, desto motivierender ist es für alle Seiten.
Um junge Menschen zu erreichen, setzt der Betrieb auf soziale Medien und Benefits wie Jobticket oder Zuschläge. Obstkorb und geregelte Arbeitszeiten seien heute Selbstverständlichkeiten. Besonders schätzt Finken den generationenübergreifenden Austausch: Eine seiner Auszubildenden kümmert sich um die Social-Media-Inhalte, und er selbst holt sich bei ihr Rat, was gut funktioniert und was nicht.
Diesen Austausch zwischen den Generationen finde ich unheimlich wichtig – ich lerne viel dadurch, und vielleicht kann ich ihnen auch etwas mitgeben.
Möglichkeiten, Austausch und die Rolle der KI
Der Friseurberuf ist für Finken deshalb attraktiv, weil er zahlreiche Entwicklungswege eröffnet: Spezialisierung, Maskenbildnerei, Unternehmensberatung für Salons oder auch der Weg als Influencer. Wichtig sei, jungen Menschen diese Perspektiven aufzuzeigen, statt in der Haltung zu verharren, früher sei alles anders gewesen.
Beim Austausch mit anderen Betrieben spricht er lieber von Mitbewerbern als von Konkurrenten. Besonders wertvoll findet er den gewerkübergreifenden Dialog, weil sich Lösungen aus anderen Branchen oft für den eigenen Betrieb ableiten lassen. Sein Fazit: Es sei genug Markt für alle da, weshalb mehr Transparenz möglich sei.
Auch die künstliche Intelligenz sieht Finken als Chance, nicht als Bedrohung. In der Kundenberatung lasse sich damit gut arbeiten – etwa um mit Fotos zu zeigen, wie eine bestimmte Frisur aussehen würde. Wo früher Kataloge herhalten mussten, kann die KI heute realistischer einschätzen, ob eine Frisur zum Kunden passt. Wichtig sei allerdings ein vorsichtiger Umgang, da KI-generierte Ergebnisse manchmal unrealistisch ausfielen.
Ein Wunsch für die Zukunft
Auf die Frage nach einer radikalen Entscheidung für das Handwerk antwortet Finken schließlich nicht mit einer Regel, sondern mit einer Haltung. Er würde sich wünschen, dass die Menschen ihre Scheuklappen ablegen und offener für Neues werden.
Kommt mal weg von dem alten Unternehmertum, kommt ins Hier und Jetzt. Akzeptanz, Toleranz – und dass die Leute unseren Beruf wieder mehr achten wollen.
Modernisierung, Offenheit und mehr Wertschätzung: Darin sieht Kai Finken die Superkraft, die dem Handwerk wirklich guttun würde.