Ist das Handwerk heute nur noch ein Plan B für alle, die kein Studium schaffen? Bremsen der Meisterbrief und alte Traditionen die Branche aus? Und hat das Handwerk wirklich ein Nachwuchsproblem – oder macht es sich schlicht selbst zu unattraktiv? Über diese Fragen sprach der Podcast Handwerk spricht mit dem Friseurmeister Walter Bertleff, der seit 47 Jahren im Friseurhandwerk tätig ist und 1993 seinen eigenen Salon eröffnete. Seine Antworten zeigen, dass Handwerk weit mehr ist als eine Notlösung – und dass Werte und Qualität den entscheidenden Unterschied machen.

Handwerk ist kein Plan B

Auf die These, das Handwerk sei nur noch ein Ausweichweg für alle, die es an der Universität nicht schaffen, reagiert Bertleff klar: Von einem Plan B könne keine Rede sein. Das Handwerk biete eine Vielzahl an Chancen, und mit dem Abschluss der Ausbildung beginne die eigentliche Entwicklung erst richtig.

Ob der Weg zur Meisterprüfung, in die Selbstständigkeit oder das schrittweise Hocharbeiten innerhalb eines Betriebs – für Bertleff eröffnet die Branche zahlreiche Perspektiven. Der Meisterbrief sei dabei alles andere als überholt. Er gelte ihm als Qualitätssiegel, das die Bedeutung des Handwerks unterstreiche und es im Hinblick auf Qualität auszeichne.

Ein Beruf aus Überzeugung

Bertleffs eigener Weg begann mit einer Beobachtung: Als Jugendlicher saß er selbst beim Friseur und verfolgte fasziniert die Arbeit. In der achten Klasse absolvierte er sein Betriebspraktikum in einem Salon – und entschied sich anschließend für eine Ausbildung. Nach seiner Gesellenzeit in einem Herren- und Damensalon, in dem er vor allem im Herrenfach arbeitete, stand für ihn früh fest: Er wollte sich mit einem eigenen Herrensalon selbstständig machen.

Diesen Schritt tat er vor über 30 Jahren – und hat ihn nach eigenen Worten bis heute nicht bereut. Besonders schätzt er den direkten Kundenkontakt und den Austausch. Im Laufe der Jahre spezialisierte er sich immer stärker: Weg von Dauerwellen, Strähnchen und Farbbehandlungen, hin zu Haarschnitten und Bärten. Von Beginn an legte er dabei Wert auf Qualität, Service und Fachlichkeit.

Zwischen Tradition und Wandel

Beim Handwerk selbst hat sich für Bertleff über die Jahrzehnte erstaunlich wenig verändert. Zwar arbeitet er heute mit der Kabelmaschine statt mit der klassischen Handmaschine, doch die Schere spiele nach wie vor eine wesentliche Rolle. Bärte seien immer schon geschnitten worden und kämen – vor allem in längerer Form – nun wieder verstärkt in Mode. Auch Rasuren gehörten früher wie heute zum Angebot.

Die größte Veränderung sieht er in der Organisation: Während er zu Beginn ohne Termine arbeitete, was lange Wartezeiten mit sich brachte, laufe der Salon heute nach Terminabsprache – mit kaum noch Wartezeiten. Das klassische Handwerk mit Kamm, Schere und Maschine sei jedoch im Kern erhalten geblieben.

Werte fangen im Elternhaus an

Ein zentrales Anliegen ist Bertleff das Thema Werte. Respekt, ein freundliches und fürsorgliches Miteinander sowie berufliche Tugenden wie Perfektion, Gründlichkeit, Ordnung und Zuverlässigkeit seien in den vergangenen Jahren ein Stück weit verloren gegangen und müssten wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden.

Werte sind nichts Altmodisches, sondern etwas Selbstverständliches, wozu wir wieder zurückkommen sollten.

Die Vermittlung dieser Werte beginne im Elternhaus – nicht nur durch Worte, sondern durch Vorleben. Sie müsse sich über die Schule bis ins Berufsleben fortsetzen.

Ein Vorbild aus der Wirtschaft

Als Beispiel für gelebte Werte nennt Bertleff den Unternehmer Wolfgang Grupp. Trotz eines Marktumfelds, das praktisch ausgestorben sei, führe Grupp sein Unternehmen seit vielen Jahren erfolgreich, biete konstant sichere Arbeitsplätze und schätze seine Mitarbeiter als tragende Säulen. Bemerkenswert sei, dass Grupp ausschließlich in Deutschland produziere und seine Führungskräfte aus den eigenen Reihen entwickle – viele von ihnen ehemalige Auszubildende.

Genau dieses Prinzip lasse sich auf das Handwerk übertragen: Wer die Stärken seiner Mitarbeiter erkenne und fördere, schaffe einen Gewinn für beide Seiten. Aus Bewunderung für dieses unternehmerische Vorbild verfasste Bertleff, der auch Gedichte und Bücher schreibt, ein Gedicht über das Unternehmen und schickte es zusammen mit einem handgeschriebenen Brief an Grupp. Die Reaktion kam prompt: Innerhalb einer knappen Woche erhielt er ein Paket mit Wein, Sekt und einer persönlichen Anerkennung.

Rat an den Nachwuchs: den passenden Beruf finden

Für junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen, hat Bertleff eine klare Botschaft: Man solle sich zunächst intensiv mit den eigenen Stärken und Interessen auseinandersetzen. Ein Beruf sei häufig eine Entscheidung fürs ganze Leben.

  • Einen Beruf wählen, der Freude bereitet und den eigenen Stärken entspricht.
  • Auch bei anfangs geringerem Verdienst dranbleiben und sich weiterentwickeln.
  • Motivation zahlt sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen aus.
  • Qualität und stetige Verbesserung sichern langfristig auch den Verdienst.

Qualität bleibt für Bertleff der entscheidende Faktor. Nach über 30 Jahren Selbstständigkeit betont er, dass nichts von allein laufe: Kunden kämen nicht selbstverständlich, sondern müssten jeden Tag aufs Neue durch verlässliche Leistung überzeugt werden. Auch die vielen Rahmenbedingungen, die ein Betrieb täglich zu erledigen hat, würden oft unterschätzt.

Das Handwerk braucht bessere Sichtbarkeit

Hätte er die Macht, das Handwerk mit einer einzigen Entscheidung zu unterstützen, würde Bertleff es positiver und attraktiver darstellen. Es gelte, die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass mit der Ausbildung noch lange nicht Schluss sei. Das Handwerk sei ein schöner Beruf mit zahlreichen Aufstiegschancen und eine wichtige Säule der Gesellschaft.

Wie dringend dieser Handlungsbedarf ist, zeigt eine im Gespräch erwähnte Zahl: Über 80 Prozent der jungen Leute fühlten sich nicht ausreichend über das Handwerk informiert. Es gebe also viel nachzuholen – und gute Gründe, die Botschaft von Qualität, Werten und Perspektiven künftig lauter zu kommunizieren.