Das Handwerk kämpft mit Nachwuchsmangel, Imageproblemen und Bürokratie – doch es hat auch enorme Stärken, die zu selten sichtbar werden. In einer Folge des Podcasts Handwerk spricht war Yannic Schmitt, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Aachen, zu Gast bei Oliver Oettgen. Im Gespräch ging es um die Rolle der Innungen, um bürokratische Hürden, die Gewinnung junger Menschen und um eine radikale Idee für die Zukunft des Handwerks.
Handwerk als echter Karriereweg
Gleich zu Beginn räumte Schmitt mit gängigen Vorurteilen auf. Das Handwerk sei kein Plan B für alle, die das Studium nicht schaffen, sondern ein echter Karriereweg – vor allem für Menschen, die gerne mit ihren Händen arbeiten und sehen wollen, was sie geschaffen haben. Auch den Meisterbrief verteidigte er als wichtige Grundvoraussetzung für Qualität, wenngleich er sich mehr Modernität wünscht.
Das Handwerk habe kein grundsätzliches Attraktivitätsproblem, so Schmitt. Vielmehr komme die Botschaft bei vielen jungen Menschen noch nicht an, insbesondere weil in den Schulen zu wenig Handwerk vermittelt werde.
Die Kreishandwerkerschaft als Interessenvertreter
Die Kreishandwerkerschaft ist der Dachverband der regionalen Innungen und übernimmt deren Geschäftsführung – von Sitzungen über die Buchhaltung bis hin zur Interessenvertretung. Letztere bezeichnet der gelernte Jurist Schmitt als sein persönliches Steckenpferd. In Aachen vertritt die Organisation rund 7.000 Betriebe mit etwa 35.000 Beschäftigten.
Ein zentrales Ziel seiner Arbeit ist es, näher an den Betrieben zu sein und ihnen Bürokratie abzunehmen. Als Beispiel nannte er die zentral organisierte Schulung von Ersthelfern und Brandschutzhelfern: Aufgaben, die einzelne Betriebe mühsam selbst regeln müssten, kann der Verband gebündelt anbieten. So könne sich das Handwerk wieder stärker auf seine eigentliche Tätigkeit konzentrieren.
Kampf gegen unnötige Bürokratie
Wie wichtig die Bündelung von Kräften ist, zeigte Schmitt an einem konkreten Fall: Die Städteregion Aachen hatte überlegt, für den Handwerkerparkausweis neben dem Firmennamen auch die Adresse auf den Fahrzeugen vorzuschreiben. Nach langem Ringen mit Stadt und Verwaltung konnte diese Regelung wieder gekippt werden – und damit den Betrieben eine kostspielige Neubeschriftung ihrer Fahrzeuge erspart bleiben.
Je schwerer man es dem Handwerk macht, in der Stadt zu arbeiten, umso weniger können wir unsere gesellschaftliche Aufgabe erfüllen.
Solche Erfolge, betonte Schmitt, könne ein einzelner Betrieb allein kaum erreichen. Im Verbund gelinge es, gegenzuhalten. Das Handwerk sei zwar allgegenwärtig und wirtschaftlich bedeutend, mache sich aber selten laut bemerkbar – genau hier setze die Arbeit des Verbands an.
Junge Menschen früher abholen
Ein Schwerpunkt des Gesprächs war die Nachwuchsgewinnung. Erstmals seit rund zehn bis zwölf Jahren verzeichnet die Region wieder leicht steigende Ausbildungszahlen. Dennoch gibt es weiterhin mehr freie Stellen als Bewerber – heute müssten sich eher die Betriebe bei den Azubis bewerben als umgekehrt.
Klassische Berufsmessen mit Pavillon und Gummibärchen hält Schmitt für überholt. Stattdessen brauche es Handwerk zum Anfassen, etwa beim Tag des Handwerks im Berufsbildungszentrum, wo junge Menschen selbst Schindeln schlagen oder den Bau eines Dachstuhls erleben können. Vor allem aber müsse man früher ansetzen – bereits in den Schulen.
Als besonderes Problem benannte Schmitt die akademisch geprägte Ausbildung von Lehrkräften, die oft wenig Bezug zum Handwerk hätten. Dabei sprächen die Zahlen für sich:
- Über 85 Prozent der Menschen im Handwerk sind stolz auf ihren Beruf und üben ihn gern aus.
- Keine andere Branche erreicht eine vergleichbar hohe Zufriedenheit.
- Das Handwerk hat finanziell stark aufgeholt und ist heute auch wirtschaftlich attraktiv.
Die Zufriedenheit durch sichtbare Ergebnisse sei ein Argument, das viel zu selten ins Feld geführt werde. Schmitt verglich es mit seiner eigenen Zeit als Jurist: Zehn geschriebene Seiten erzeugten kein vergleichbares Erfolgsgefühl wie ein fertig gedecktes Dach.
Sichtbarkeit und eine mögliche Kampagne
Oettgen brachte die Idee einer provokanten Aufklärungskampagne ins Spiel – ähnlich den Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen. Die Botschaft: Ohne Handwerk gibt es keine reparierte Heizung, kein neues Dach, kein frisches Brot vom Bäcker und keinen Friseurbesuch. Die Corona-Zeit habe deutlich gemacht, wie sehr diese Leistungen im Alltag fehlen.
Schmitt zeigte sich offen für den Gedanken und verwies auf die bekannte Imagekampagne, in der alles zu Staub zerfällt. Wichtig sei, die guten Geschichten des Handwerks über reichweitenstarke Kanäle und Institutionen bis hinauf zum Zentralverband sichtbar zu machen.
Ehrenamt und Innungen im Wandel
Auch das Ehrenamt kämpft mit Nachwuchssorgen – noch stärker als die Betriebe selbst, da Unternehmer ohnehin hoch belastet sind. Schmitt wirbt dafür, junge Handwerksunternehmer früh in die Innungen zu holen. Dort profitierten sie vom Austausch mit erfahrenen Kollegen und von einem Netzwerk, das weit über den fachlichen Zusammenschluss hinausgehe.
Das angestaubte Image der Innung – Zigarren, Schnaps und Stammtisch – gehöre der Vergangenheit an. Heute werde auf hohem fachlichen Niveau gearbeitet. In den Innungen finden auch die Gesellen- und Meisterprüfungen statt, etwa für Metzger, Tischler und Elektriker – allesamt ehrenamtlich getragen. Ohne Nachwuchs im Ehrenamt könne künftig nicht mehr geprüft werden.
Beide Gesprächspartner waren sich einig: Es gilt, einen goldenen Mittelweg zwischen Engagement, Austausch und Familie zu finden. Wer sich einbringt, spare am Ende im eigenen Betrieb Zeit, weil Probleme gemeinsam gelöst werden.
Eine radikale Idee für die Zukunft
Zum Abschluss stellte Oettgen die Frage, was Schmitt mit nur einer radikalen Entscheidung verändern würde. Seine Antwort war klar:
Ich würde verpflichtend Werkunterricht in die Schulen zurückbringen. Wenn wir unseren Kindern zeigen, wie toll das Handwerk ist, werden wir über die nächsten Generationen kein Nachwuchsproblem mehr haben.
Ein Plädoyer, das die Kernbotschaft des Gesprächs zusammenfasst: Das Handwerk ist attraktiv, sinnstiftend und wirtschaftlich stark – es muss nur früh genug sichtbar gemacht werden.