Das Handwerk sucht Nachwuchs – doch reicht es aus, junge Menschen einfach nur in Betriebe zu holen? Im Podcast "Handwerk spricht" von Oliver Oettgen war Franziska Kövener zu Gast, die Betriebe dabei begleitet, moderne Ausbildungskonzepte zu etablieren. Als Lerncoach, Coach für Führungskräfte und Trainerin bringt sie eine besondere Perspektive mit: Sie schaut weniger auf Strukturen und Traditionen als vielmehr auf die Frage, wie Menschen eigentlich lernen – und wie Ausbilderinnen und Ausbilder sie dabei begleiten können.
Handwerk als Chance, nicht als Plan B
Zum Auftakt konfrontierte Oettgen seinen Gast mit drei zugespitzten Thesen. Die erste lautete, das Handwerk sei kein Karriereweg mehr, sondern nur noch ein Plan B für alle, die das Studium nicht schaffen. Kövener widersprach klar. Sie sehe große Chancen im Handwerk und beobachte im Schulkontext eher das Gegenteil: dass Eltern ihre Kinder auf ein Studium drängen und Schulen – besonders Gymnasien – wenig Werbung für Praktika in Handwerksbetrieben machten.
Auch die zweite These, wonach Meisterbrief und alte Traditionen das Handwerk ausbremsten, wollte sie nicht bestätigen. Sie sei ein Fan davon, gewisse Qualitätsstandards einzuhalten. Ein Meisterabschluss sei eine Anerkennung für gute Leistung und handwerkliche Fähigkeit. Bei der dritten These – das Handwerk mache sich selbst zu unattraktiv – zeigte sie sich differenzierter: Es sei wohl eine Mischung, aber mit gewissen Modernisierungen ließen sich junge Menschen durchaus gewinnen. "Die sind ja auch da, sind ja nicht alle weg", betonte sie.
Warum das Lernen nach der Schule oft erst richtig anfängt
Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Lernkompetenz. Kövener berichtete aus eigener Erfahrung: Sie sei gut durch die Schule gekommen, habe fleißig abgeschrieben und geglaubt, gelernt zu haben – doch nach drei Semestern Studium habe sie feststellen müssen, dass sie das Gelernte nicht reproduzieren konnte. Genau diese Lücke betreffe viele Menschen, unabhängig vom Alter.
In der Schule finde viel begleitetes Lernen statt, in Ausbildung und Studium falle diese Begleitung weg. Deshalb sei es wichtig, dass diejenigen, die Lernende betreuen, echtes Wissen über das Lernen mitbrächten – und nicht nur aus dem Nähkästchen plauderten.
Das will keiner in der Lernberatung hören, was der andere mal irgendwann vor 100 Jahren gemacht hat. Sondern man möchte das Gefühl haben, ich kriege eine kompetente Begleitung.
Entscheidend sei zunächst eine Analyse: Auf welcher Ebene liegt die Schwierigkeit überhaupt? Manche hätten Probleme, sich Inhalte zu merken, andere schon damit, sich zu organisieren oder zu kontrollieren, ob sie überhaupt gut gelernt haben. Erst danach lasse sich passend ansetzen.
Lernprozessbegleitung statt Vormachen und Nachmachen
Moderne Ausbildungskonzepte, so Kövener, beruhten auf einer veränderten Auffassung davon, wie Lernen funktioniert. Weg von der stark unterweisenden Struktur, hin zu freierem Lernen, bei dem der Ausbilder zum Lernprozessbegleiter werde. Diese Entwicklung finde zunehmend Einzug in die Ausbildung – auch die Ausbildereignungsverordnung habe im Juli neue Standards hervorgebracht, in denen Begriffe wie Lernprozessbegleitung und neue Lehrmethoden eine Rolle spielten.
Wenn sie von Betrieben engagiert wird, richte sich ihr Vorgehen stets nach der konkreten Fragestellung. Manche buchten einen Ausbilderworkshop zu Motivation oder Gesprächsführung, andere meldeten sich, weil ihre Azubis schlecht abschnitten. Wichtig sei ihr, dass die Beteiligten Konzepte selbst erarbeiteten: "Jeder Betrieb ist anders, die Leute sind anders." Nur so lasse sich sicherstellen, dass die Lösungen im Arbeitsalltag umsetzbar seien.
Lern-Apps: Ergänzung, aber keine Wunderwaffe
Auf die Frage nach digitalen Hilfsmitteln – etwa einer App mit Prüfungsfragen für Dachdecker – reagierte Kövener differenziert. Solche Tools brächten durchaus etwas, es komme aber auf den Umgang an. Wer hundertmal die Fragen durchklicke und danach in der Prüfung reproduziere, betreibe reines "Crash-Lernen": einmal rein, einmal raus, nicht vernetzt.
Anwendbares Wissen entstehe erst, wenn man sich zuvor selbst mit den Inhalten auseinandergesetzt habe – etwa mit eigenen Lernzetteln – und die App dann ergänzend nutze. Ähnliches beobachte sie beim Vokabellernen: Wer nur die richtige Antwort aus vier Optionen anklicke, könne das Wort oft nicht schreiben. Mehrdimensionale Ansätze, bei denen man auch schreibt oder spricht, führten dagegen zum Erfolg.
Die größte Baustelle: Kommunikation
Besonders herausfordernd wird es laut Kövener beim Thema Kommunikation. In Workshops zu Gesprächsführung und Feedback höre sie oft: "Das geht bei uns so nicht." Man sei anders strukturiert, stehe an der Werkbank, und es herrsche ein anderer, oft härterer Ton – auch gegenüber Azubis. Das sei keine Ausrede, sondern häufig eingeschliffen und Teil der Arbeitsrealität, gerade in Betrieben mit vielen Mitarbeitenden unterschiedlicher Herkunft.
Trotzdem lasse sich vieles verändern. In geschützten Rollentrainings würden Gespräche vorbereitet und geübt – mit erstaunlichen Ergebnissen. Nicht jedes Gespräch müsse groß geplant sein, aber gewisse Standards ließen sich immer einhalten: ein roter Faden, Transparenz über Ziel und Thema und Techniken, die den Gesprächspartner stärker in die Eigenverantwortung nehmen.
- Fragen statt Vorgaben regen Azubis zum Reflektieren an und steigern die Motivation.
- Bei disziplinarischen Themen wie Unpünktlichkeit braucht es dagegen klare Erwartungen und Ansagen.
- Oft wollen sowohl Azubis als auch Ausbilder in den Austausch – doch beide Seiten reden aneinander vorbei.
Genau dieses Aneinandervorbeireden nannte Kövener als eine der erstaunlichsten Beobachtungen: Azubis schilderten ihr im Seminar zahlreiche Lernprobleme, hätten diese aber nie mit ihrem Ausbilder besprochen. Umgekehrt berichteten Ausbilder, sie hätten schon hundertmal nachgefragt und nur ein Schulterzucken erhalten.
Ein Wunsch für die Zukunft des Handwerks
Auf die abschließende Frage, was sie mit einer einzigen Entscheidung im Handwerk verändern würde, antwortete Kövener bescheiden. Sie sei nicht tief genug in den Strukturen verwurzelt, um alles zu kennen. Ihr Wunsch für die Branche: Sie solle sich stark und attraktiv machen, sich für möglichst viele Menschen öffnen – und dabei auch ein etwas feineres Gefühl im Umgang miteinander entwickeln. Ein Punkt, der, wie Oettgen anmerkte, in Teilen des Handwerks noch nicht angekommen sei und den es zu lernen gelte.