Ist das Handwerk nur noch ein Plan B für all jene, die es nicht aufs Studium schaffen? Bremsen Meisterbrief und Tradition eine ganze Branche aus? Und hat das Handwerk überhaupt ein echtes Nachwuchsproblem? Über genau diese provokanten Thesen sprach Oliver Oettgen im Podcast Handwerk spricht mit Marco Herwartz – Geschäftsführer eines Elektroinstallationsbetriebs und Präsident der Handwerkskammer Aachen. Seine Antworten fallen klar aus: Das Handwerk sei attraktiver denn je, das eigentliche Problem liege woanders.
Zwei Perspektiven: Unternehmer und Ehrenamtler
Marco Herwartz, 49 Jahre alt und Vater in einer Patchworkfamilie, führt einen 14 Mann starken Elektroinstallationsbetrieb, der sich auf intelligente Gebäudetechnik, Ladestationen für Elektromobilität und PV-Anlagen spezialisiert hat – also auf die zentralen Felder der Energiewende. Daneben investiert er nach eigener Aussage rund 18 bis 20 Stunden pro Woche in ehrenamtliche Ämter, unter anderem als Kammerpräsident sowie in verschiedenen Verbänden.
Dass das funktioniert, führt er auf ein verlässliches Team zurück – allen voran seine „rechte Hand“, die einst bei ihm die Ausbildung absolviert hat und den Betrieb heute mitführt. Diese Doppelrolle sieht Herwartz als Stärke des Systems: Kammerpräsidenten dürfen nur Präsident sein, wenn sie selbst in einem Unternehmen tätig sind. So bleibt der Kontakt zur betrieblichen Realität erhalten – zu den Mitarbeitern, ihren Befindlichkeiten und den täglichen Herausforderungen, die häufig weniger von den Kunden als von Bürokratie, Politik und Behörden ausgingen.
Kein Nachwuchsproblem, sondern ein Bekanntheitsproblem
Dass sich zu wenige junge Menschen für das Handwerk interessieren, hält Herwartz für einen Trugschluss. Er veranschaulicht seine Sicht mit einem Bild: Ein Klassenraum voller Bayern-München-Trikots. Wer jahrelang in einem solchen Raum unterrichtet werde, orientiere sich fast zwangsläufig in Richtung Fußball – und kaum jemand käme auf Tennis oder Pferdesport.
Übertragen auf die Gesellschaft heißt das für ihn: Jungen Menschen werde seit Jahrzehnten nur ein einziger Weg gezeigt.
Wir zeigen den Schülern nur einen Weg auf. Wir zeigen ihnen auf, dass sie lernen müssen, gute Noten zu haben. Warum brauchen sie einen höheren Schulabschluss? Damit sie studieren gehen können.
Neben der Politik seien es vor allem die Eltern als größte Gruppe der „Berufsberater“, die Abitur und Studium als einzig wahren Weg im Kopf hätten. Die Folge: Berufliche Bildung – vom Handwerk bis zu den gesellschaftlich unverzichtbaren Pflegeberufen – gerate schlicht aus dem Blickfeld.
Berufsorientierung muss früher und durchlässiger werden
Herwartz plädiert für ein Bildungssystem, das stärker auf Berufsorientierung setzt. In den ersten Grundschuljahren sollten Grundkompetenzen im Vordergrund stehen – Deutsch, Mathematik, Sachkunde und soziale Kompetenzen. Erst danach, etwa ab der fünften bis siebten Klasse, seien Kinder reif genug, um über Berufe zu sprechen und Neigungen zu erkennen. Die heutige frühe Weichenstellung nach vier Grundschuljahren hält er für zu absolut und zu früh.
Entscheidend ist für ihn zudem, dass kein Weg in eine Sackgasse führt. Wer Abitur gemacht habe, müsse ebenso in die berufliche Bildung wechseln können wie umgekehrt jemand mit beruflicher Ausbildung in den akademischen Bereich.
- Berufsorientierung findet nach Herwartz' Einschätzung in Schulen kaum statt – Gymnasien bereiteten vor allem aufs Studium vor.
- Nicht der Beruf zählt, sondern ob jemand seine Leidenschaft und sein Talent findet.
- Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) macht die Gleichwertigkeit von Bildungswegen sichtbar.
- Durchlässigkeit in beide Richtungen ist der Schlüssel.
Gleichwertig, aber unterschiedlich: der Blick auf den DQR
Um die Gleichwertigkeit der Bildungswege zu verdeutlichen, verweist Herwartz auf den Deutschen Qualifikationsrahmen. Wer nach der zehnten Klasse das Abitur macht, erreicht DQR-Stufe 4 – ebenso wie jemand, der eine berufliche Ausbildung abschließt. Auf höherer Ebene entspricht der Handwerksmeister dem Bachelor auf DQR-Stufe 6.
Einen Unterschied betont er dennoch: Wer eine Ausbildung durchlaufen habe, stehe früher im Kontakt mit der Gesellschaft, trage mehr Verantwortung und arbeite eigenständiger. Das mache Absolventen der beruflichen Bildung im Alltag oft selbstständiger – ohne dass akademische Wege dadurch weniger wert seien.
Zufriedenheit als Argument – und ein prägendes Erlebnis
Ein starkes Argument für das Handwerk sieht Herwartz in der Zufriedenheit der Beschäftigten. Er verweist auf eine Studie der IKK classic aus den Jahren 2020/2021: Demnach seien 89 Prozent der Handwerker sehr zufrieden, weil sie ihre Arbeit als sinnhaft empfänden – gegenüber nur 49 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Auch die Wertschätzung für den eigenen Beruf sei sehr hoch. Glücklich und zufrieden zu sein, so Herwartz, sei ein hohes Gut, das auch der Gesundheit diene.
Wie tief Vorurteile noch sitzen, zeigt eine Anekdote: Bei einem Workshop an einer Hochschule hielt Herwartz im sauberen Blaumann eine Motivationsrede – ausgerechnet über das Schreiben von Arbeitsberichten. Als er sich als Handwerksunternehmer und Kammerpräsident zu erkennen gab, sagte ein Professor: „Sie sehen gar nicht aus wie ein Handwerker.“ Ein Satz, der ihm vor Augen führte, wie viel Schubladendenken noch zu überwinden ist.
Ein Appell zum Schluss
Auch die frühere Imagekampagne des Zentralverbands des Deutschen Handwerks kommt zur Sprache – inklusive des Films, der eine Welt ohne Handwerk zeigte. Herwartz würde ihn gern wiederaufleben lassen und um eine zweite Fassung ergänzen, die zeigt, wie das Handwerk wieder aufbaut, was zerstört wurde: als Bindeglied zwischen den Ideen der Ingenieure, den Produkten der Industrie und ihrer praktischen Nutzung.
Auf die abschließende Frage, was er mit nur einer Entscheidung verändern würde, antwortet Herwartz mit einem Appell an die Gesellschaft: mehr auf das eigene Bauchgefühl zu hören, sich für die eigene Leidenschaft einzusetzen und sich weniger von außen beeinflussen zu lassen. Denn genau das, so sein Fazit, führe am Ende zur Zufriedenheit.