Cover: Handwerk Karriere & Nachwuchs: Die Wahrheit hinter dem System | Oliver Oettgen & Marco Herwartz

Handwerk Karriere & Nachwuchs: Die Wahrheit hinter dem System | Oliver Oettgen & Marco Herwartz

30. April 2026 26:47 Min. Zu Gast: Marco Herwartz
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Worum es geht

Der vermeintliche Nachwuchsmangel im Handwerk ist laut dieser Folge in Wahrheit ein Sichtbarkeits- und Systemproblem. Oliver Oettgen spricht mit Marco Herwartz, Elektrounternehmer und Präsident der Handwerkskammer Aachen, darüber, warum Handwerkskarrieren unterschätzt werden und wie Betriebe junge Menschen wieder begeistern können. Es geht um Recruiting-Fehler von Eltern, Schule und Politik, den Meisterbrief als Karrierehebel und die Frage, wie man Stolz ins Handwerk zurückbringt.

Das nimmst du mit

  • Das Handwerk hat kein Nachwuchs-, sondern ein Sichtbarkeitsproblem – Karrierewege müssen früher und deutlicher gezeigt werden.
  • Der Meisterbrief ist kein Bremsklotz, sondern ein zentraler Hebel für die eigene Karriere und den Betrieb.
  • Begeisterung für ein Gewerk muss bei jungen Menschen viel früher geweckt werden als bisher üblich.
  • Ein Betrieb sollte so aufgestellt sein, dass er auch ohne die Inhaberin oder den Inhaber funktioniert.
  • Der Standardweg Abi–Studium ist nicht für alle der richtige – Handwerk bietet echte Karriere- und Zufriedenheitsperspektiven.
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Autor: Handwerk spricht – Der Handwerk Podcast!

Die wichtigsten Antworten

Hat das Handwerk wirklich zu wenig Nachwuchs?
Laut der Folge liegt das eigentliche Problem tiefer im System: Es geht weniger um fehlendes Interesse der Jugend als um mangelnde Sichtbarkeit und schlechte Vermittlung von Karrierechancen.
Wer ist der Gast dieser Folge?
Marco Herwartz, Geschäftsführer eines Elektrobetriebs mit Fokus auf Energiewende, PV und Gebäudetechnik sowie Präsident der Handwerkskammer Aachen.
Warum wird der Meisterbrief hervorgehoben?
Der Meisterbrief wird nicht als Hindernis, sondern als größter Karrierehebel dargestellt – ein Weg zu Verantwortung, Selbstständigkeit und Aufstieg im Handwerk.
Was können Betriebe tun, um Azubis zu gewinnen?
Sie sollten junge Menschen früher für ihr Gewerk begeistern, Karrierewege sichtbar machen und den Stolz aufs Handwerk stärken statt allein auf klassische Stellenanzeigen zu setzen.

Zu Gast

Geschäftsführer eines Elektrobetriebs und Präsident der Handwerkskammer Aachen

Marco Herwartz führt einen innovativen Elektrobetrieb mit Fokus auf Energiewende, PV und Gebäudetechnik und ist Präsident der Handwerkskammer Aachen. Mit über 20 Stunden Ehrenamt pro Woche setzt er sich für die Zukunft des Handwerks ein und kennt sowohl die Werkbank als auch das System.

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Transkript

Herzlich willkommen zu Handwerk spricht, heute wieder mit 'nem besonderen Gast hier in Aachen und zwar Marco Herberts. Hallo Marco, schön, dass Du hier bist. Marco, ich hab 3 Thesen vorbereitet. Ich hab dich schon vorgewarnt. Ich les die jetzt einfach vor und Du gibst mir mal direkt den Ball wieder zurück.

Da bin ich gespannt. Handwerk ist kein Karriereweg mehr. Es ist nur noch ein Plan b für alle, die fürs Studium nicht klug genug sind. Völliger Unsinn. Der Meisterbrief und alte Traditionen bremsen das Handwerk aus, anstatt es voranzubringen.

Auch das halte ich nicht für richtig. Ich denke, dass es stabile Säulen geben muss, damit man sich strukturiert nach vorne bewegen kann. Und diese Tradition, Meisterbrief, Ausbildung, wie wir sie haben im dualen Ausbildungssystem, die schaffen solche stabilen Säulen und sorgen dafür, dass man eben mit Sicherheit gut nach vorne gucken kann. Sehr gut. Das Handwerk hat kein Nachwuchsproblem, es macht sich selbst einfach zu unattraktiv für junge Menschen.

Das Handwerk ist nicht unattraktiv. In meinen Augen war das Handwerk nie attraktiver, als es heute ist. Die Frage ist, warum kommen so wenige junge Menschen ins Handwerk? Und ich glaube, das ist ein Kernthema, über das wir gleich sprechen werden. Es ist, glaube ich, die Bekanntheit, die einfach bei den jungen Menschen fehlt.

Unsere Gesellschaft lebt den jungen Menschen einfach etwas vor, was nicht dazu führt, dass sie mit dem Handwerk in Berührung kommt. Ja, sehr gut. Ja Marco, dann ist jetzt der Punkt gekommen, wo wir einfach mal darüber sprechen, wer Du bist, was Du machst. Du bist unter anderem hier bei der Handwerkskammer in Aachen der Präsident und Geschäftsführer von deinem eigenen Unternehmen. Aber tu mir den Gefallen, stell dich doch bitte mal vor und sag uns, was Du so alles machst.

Ja, Oliver, vielen Dank erst mal, dass ich heute hier sein darf, dass ich die Gelegenheit hab, mit dir über das Handwerk zu sprechen. Mein Name ist Marco Hervertz, ich bin 49 Jahre alt, ich bin Vater von einem zwölfjährigen Sohn. Ich lebe mit meiner Frau in 1 Patchworkfamilie, die mir 2 Bonus Söhne mitgebracht hat. Die sind beide 22 Jahre alt und so hab ich das Spektrum der jungen Generation zwischen gerade noch nicht Gedanken machen über berufliche Bildung bis hin zu gerade berufliche Bildung abschließen. Ich bin Geschäftsführer 1 Elektroinstallationsbetriebes.

Wir sind 14 Mann groß. Wir sind spezialisiert auf intelligente Gebäudetechnik, Ladestation für Elektromobilität, PV Anlagen, also alles das, was wir gerade im Moment für die Energiewende brauchen. Ich hab ein sehr innovatives und junges Team, auf das ich sehr stolz bin. Und das mir auch den Rücken freihält für die Arbeit, die ich nämlich ehrenamtlich mache. Ehrenamtlich bin ich Präsident der Handwerkskammer Aachen, bin darüber in verschiedenen Ämtern reingeboren, wie man so schön sagt, in den WHKT rein, in Handwerk NRW rein und hab auch im Gewerkespezifchen, also in den Verbänden, im Fachverband Elektrohandwerk und ZVEH noch meine Ämter.

Das ist viel, oder? Wie viel Zeit investierst Du da im Moment, wenn man wenn man so die Woche sich mal anschaut? Also meine Excel Tabelle sagt, ich hätte so im Schnitt 18 bis 20 Stunden die Woche mit dem Ehrenamt zu tun. Wie machst Du das in deinem Unternehmen? Wie bekommst Du das hin?

Wie gesagt, ich habe sehr gute Mitarbeiter, auf die ich mich auch sehr verlassen kann. Ich habe eine rechte Hand, sag ich jetzt mal, der bei uns damals auch die Ausbildung gemacht hat. Der kennt das Unternehmen in- und auswendig, der weiß ziemlich genau, wie ich entscheiden würde, weil er die Ausbildung bei mir gemacht hat. Wir sind früher von morgens bis abends unterwegs gewesen. Es war der einzige Auszubildende.

Wir hatten auch keine weiteren Mitarbeiter, sodass er alles das, was ich gemacht und entschieden habe, live miterleben musste oder durfte. Und ich bin total dankbar, dass er da ist, weil wir son relativ geschmeidigen Übergang haben. Er stärkt mir den Rücken, er führt den Betrieb, wenn ich nicht da bin. Und die anderen Mitarbeiter, die haben mittlerweile auch ihre eigenen Aufgabengebieten, egal ob es die PV Sparte ist oder ob es die Projektleitung für Einfamilienhäuser sind. Oder aber unsere Systemintegratorin, wir haben ja einen ganz neuen Beruf im Bereich Elektrotechnik und da hab ich eine junge Dame direkt im ersten Ausbildungsjahr ausbilden dürfen, die Nora, die ist Systemintegrationin, die hat den Bereich Systemintegration bei uns auszuführen.

Und egal welchen Bereich ich gerade aufgezählt habe, ich kann 100 Prozent mich auf meine Mitarbeiter verlassen und wenn ich die nicht hätte, ich glaube, dann könnte ich das Ehrenamt zumindest betrieblich nicht ausführen. Und für alles Weitere muss ich mich ganz doll bei meiner Familie bedanken, denn Du weißt selber, das Ehrenamt findet oftmals auch nach Feierabend statt und an Wochenenden statt. Und da bin ich dankbar, dass meine Frau und meine Familie das auch mitmacht. Ja, ist 'n wichtiger wichtiger Aspekt dabei, denn wie Du schon sagst, es ist viel Zeit, die man investiert natürlich und im Unternehmen bleibt ja auch dann schon mal was liegen. Da muss man auch noch mal dann zu Zeiten dann noch mal ran, wo vielleicht andere schon ja im Feierabend sind, ne oder am Wochenende sind.

Deswegen definitiv. Und jetzt sparst Du ja schon an, die die Menschen, die bei dir im Unternehmen sind, da bildest Du vor allen Dingen aus beziehungsweise hast Du ausgebildet, eine rechte Hand war ja auch im im Ausbildungsbereich bei euch. Im Grunde hast Du ja jetzt die Perspektive einmal aus der unternehmerischen Sicht und einmal aus der Ehrenamtssicht. Ist das immer deckungsgleich die Sichtweise oder sagst Du, okay, wir müssen vielleicht sogar noch mehr aus der Praxis auch manchmal Richtung Richtung Ehrenamt noch mal zusätzlich noch mal spiegeln, da noch mal mehr Transparenz an manchen Stellen reinzubringen? Das funktioniert ehrlich gesagt schon sehr gut.

Das Ehrenamt ist ja so organisiert, dass die Präsidenten nur dann Präsident sein dürfen, wenn sie selber auch in einem Unternehmen tätig sind. Und das sorgt dafür, dass wir eben wissen, was in unseren Betrieben passiert. Wir haben aufgrund der Strukturen im Handwerk, ich sag jetzt mal so grob, 5, 6 Mitarbeiter hat einen durchschnittlicher Handwerksbetrieb, kennen wir in der Regel auch die Mitarbeiter noch persönlich, kennen die Befindlichkeiten und kennen tatsächlich die Schwierigkeiten, die ein Handwerksunternehmen tagtäglich bewältigen muss. Damit manch jetzt nicht die Aufträge, die der Kunde an einen ranbringt, sondern die Schwierigkeiten, die über den Staat, die Politik, die Behörden, Bürokratie an den Handwerksbetrieb rangetragen werden. Ja, definitiv.

Ja, lass uns doch zu den jungen Menschen direkt mal rübergehen. Wieso interessieren sich denn so wenig junge Menschen für das Handwerk? Das ist, glaube ich, ein Trugschluss. Da bin ich nicht, das glaube ich nicht nur, da bin ich fest von überzeugt, dass das ein Trugschluss ist. Ich hab, irgendwann fiel mir das mal so auf, da war ich in einem Raum, da waren überall so Bayern München Trikots, rote Trikots an den Wänden.

Da hab ich mir gedacht, na ja, also wenn man hier in 'nem Raum ist und man macht hier 3, 4, 5 Jahre Unterricht drin und sieht die ganze Zeit diese Trikots, Dann muss man sich nicht wundern, dass die jungen Menschen hinterher aus diesem Raum rausgehen und keiner von denen freiwillig irgendwie auch nur an Pferdesport, Tennis oder irgendeine andere Sportart denkt. Die meisten werden den Fußball und vielleicht auch den Verein in Erinnerung halten und werden sich dahin orientieren. Und sinnbildlich kann man das jetzt übertragen auf das, was in unserer Gesellschaft passiert seit Jahrzehnten. Wir zeigen den Schülern nur einen Weg auf. Wir zeigen ihnen auf, dass sie lernen müssen, gute Noten zu haben.

Gute Noten brauchen sie, damit sie den höheren Schulabschluss kriegen. Warum brauchen sie 'n höheren Schulabschluss, damit sie studieren gehen können? Und diesen Weg zeigen wir seitens der Politik, aber auch die größte Gruppe der Berufsberater, nämlich die Eltern, haben auch im Kopf, dass eben nur das Abitur und dann Richtung Studium der einzig wahre Weg ist. Und wenn wir das tun, dann müssen wir uns einfach nicht wundern, dass zu wenige junge Menschen davon erfahren, dass es auch berufliche Bildung gibt. Und das ist ja nicht nur das Handwerk, es gibt ja genug andere berufliche Bildung.

Ich nenn jetzt nur ein Beispiel, die die Pflegeberufe, ein unheimlich wichtiger Punkt für unsere Gesellschaft. Auch das fällt natürlich hinten über, wenn man dafür sorgt, dass die jungen Menschen nur das Abitur als einzig wahren Weg sehen. Ja, definitiv. Das ist ist 'n 'n Riesenthema, denn auch in den Schulen wird ja nur vermittelt bessere Noten, wie Du sagst. Schau, dass Du Abitur machst, schau, dass Du studieren gehst.

Aber eigentlich wär's ja so, einfach mal son paar Schreckensszenarien aufzubauen und wirklich auch dann grade den den Menschen, die den Einfluss hier auch nehmen, einfach mal zu zeigen, wie wichtig das Handwerk ist. Wir hatten vor Jahren ja mal diese Kampagne von das Handwerk oder über über das Handwerk mit dem Video, wo alles zerstaubt zu staubs verfallen ist. Vielleicht muss man das auch noch mal 'n bisschen überspitzt noch mal wieder aufleben lassen, womöglich so dieses so nach dem Motto, hier regnet jetzt rein oder ich krieg die Sicherung nicht mehr rein, der Kühlschrank ist kaputt und so weiter. Und alle sagen dann, ja, nee, ich hab hab keine Leute, ich hab keine Zeit. Vielleicht muss man das noch mal 'n bisschen dramatischer noch mal wieder in die Verbildlichung dann auch bringen, son bisschen mehr, ja, das Gefühl auch aufzubauen, hör mal, denk mal drüber nach, wie Du schon sagst.

Wenn die Trikots da nur hängen und wenn Du nur in eine Richtung übersprichst und nur in eine Richtung berätst, dann kann ja auch am Endeffekt ja auch keine Vielfalt oder Ähnliches dabei rauskommen, ne. So, das ist son Gedanke, der mir immer wieder kommt, wenn wir über dieses Thema sprechen, denn es geht ja alles über über Storytelling, es geht über Bilder, es geht Geschichten und so weiter und vielleicht muss man diese Geschichten noch mal son bisschen dramatisiert noch mal darstellen und sie einbringen. Übrigens den Film damals fand ich sehr gut, den dürfte man eigentlich auch wieder aus den Schubladen rausholen und wieder aktiver spielen, ne. Denn er ist ja eigentlich, eigentlich sagt er ja alles aus. Er ist er ist leider zu gut und zu schön gemacht eigentlich, weil er er die Dramaturgie ja schon mitbringt, aber vielleicht nicht so aufn Punkt bringt.

Der Schmerz ist nicht so zu fühlen, weil der Hammer schön am Lagerfeuer so schön ist, ja auch nett und so weiter. Ja, aber das ist dann doch schon sehr kühl, wie die beiden da im Lendenschurz am Lagerfeuer sitzen und Ja. Der Mann dann zugeben muss, dass er doch kein Feuer machen kann. Ja. Wobei ich glaub, zugegebenerweise, ich würd's, glaub ich, auch nicht mehr hinkriegen, aber aber das ist 'n schönes Beispiel.

Wir haben ja über den Zentralverband des Deutschen Handwerks die Imagekampagne vor 15 Jahren gestartet. Wir gehen jetzt dieses Jahr, glaub ich, in die in die 4. Staffel rein. Und diese Imagekampagne hat sehr viel zum Wohl, zum Positiven des Image, zum Handwerk beigetragen. Und dieser Film, den Du ansprichst, den fand ich persönlich sehr gut.

Er ist ja deshalb eingestellt worden, weil's zu der Zeit eine Umweltkatastrophe gab mit Erdbeben. Und dann wusste man nicht genau, kann man den Film so zeigen, wie er wie er gedreht ist und hat ihn dann schnell eingefroren. Ich persönlich würde den supergerne wiederaufleben lassen und ich würd sogar noch einen Schritt weitergehen. Ich würde am Ende, wenn dieser Film noch mal stärker beworben wird und wenn er sich etabliert hat und wenn er bekannt ist, wenn die Leute wieder darüber reden, würde ich danach einen zweiten Film drehen, der zeigt, wie das Handwerk genau diese Sachen wieder aufbaut, die bei dieser Katastrophe oder bei bei diesem Film einfach kaputtgegangen sind, zunichte gegangen sind, zu zeigen, ja, wir brauchen die Ingenieure, die die Erfindungen haben. Wir brauchen die Industrie, die die Produkte produziert.

Aber wir brauchen auch das Handwerk, die die Produkte verarbeitet, damit wir sie am Ende auch nutzen können. Ja, definitiv, definitiv. Deine Sicherheit ist nicht verhandelbar. Wir setzen uns für sicheres Arbeiten ein, damit Du nach jedem Projekt gesund nach Hause kommst. Weil wir das Handwerk brauchen und weil wir dich brauchen.

Gemeinsam machen wir das Handwerk stark. Jetzt war in den in der letzten Zeit auch mal ein Bericht zu sehen, dass den jungen Menschen im gewissen Rahmen auch die Informationen fehlen. Jetzt wissen wir ja, es gibt die Plattform, gerade das Handwerk ist ja ist ja sehr stark darauf aufgestellt und es gibt auch andere Plattformen, die auch ganz gut aufgestellt sind. Aber trotzdem ist das ja 'n wichtiger Hinweis, ne. Wenn dieses Verständnis da ist, dass man nicht ausreichend informiert wird, dann dann ist das ja auch eine Handlungsempfehlung im Endeffekt, ne.

So wir sind ja leider zu nah am Handwerk, tatsächlich so richtig neutral das bewerten zu können, ne. Also ich würd jetzt auch nicht sagen, dass zu wenig Informationen da sind, aber wahrscheinlich ist es so, dass vielleicht sogar zu viele Anbieter mit Informationen da sind, zu sagen, okay, wir wir haben eine Plattform, wir gehen an der einen Stelle ganz in die Tiefe. Was könnte man denn da tun für die Zukunft, damit wir eben halt genau diesen diesen Hinweis, wir haben nicht genug Informationen? Was könnte man dann auch machen? Oder was macht was macht ihr grade in Aachen so besonders dafür?

Ja, wir hier in Aachen, wir machen schon relativ viele Aktionen, aber das das hat alles mit Berufsorientierung zu tun, ehrlich gesagt, weil am langen Ende zählt es doch gar nicht, ob ich jetzt Bäcker werde oder ob ich Astronaut werde oder ob ich Jurist werde. Es zählt doch, dass ich etwas finde, was mir persönlich Spaß macht, was meine Leidenschaft ist und wo ich aufgehe, wo ich ein Talent für habe. Und die Frage ist, wenn man wieder an Fußball denkt, dann weiß man, da gibt es so diese Talenteschmiede und oder schmieden und dann stelle ich mir die Frage, wo bleibt das bei unseren Schülern, wo bleibt das bei unserer Zukunft? Haben wir diese Talente schmieden in den Schulen oder haben wir die eben nicht? Findet Berufsorientierung statt oder findet sie eben nicht statt und ich behaupte, sie findet nicht statt?

Das sieht man alleine daran, dass die Gymnasien als ureigene Aufgabe erst mal haben, die Schüler auf das Studium vorzubereiten. Das bedeutet, in dem Moment, wo mein Kind aus der Schule, aus der Grundschule kommt und ich dafür sorge, dass es aufs Gymnasium geht, habe ich eigentlich schon den Grundstein dafür gelegt, dass es Richtung Studium unterrichtet wird. Und das ist die Frage, diese Frage stelle ich mir immer, ob das der richtige Weg ist. In meinen Augen müsste es etwas anders laufen. Ich weiß, dass es viele verschiedene Schulformen gibt.

Ich weiß, dass es viele verschiedene Systeme gibt. Ich weiß auch, dass es in der DDR ein gutes System gab, wo die Untermittel- und Oberstufe etwas durchgängiger war. In meinen Augen müsste es so sein, dass in den von mir aus 4 Grundjahren, also das, was in der Grundschule passiert, wirklich die Grundlagen, die Grundkompetenzen unterrichtet werden. Kein Englisch, keine sonstigen Sachen, Deutsch, Mathematik, Sachkunde, alle diese wichtigen Dinge, soziale Kompetenzen, die müssen unterrichtet werden in meinen Augen. Und dann muss geguckt werden, welche, ja, welche Fähigkeiten hat ein Kind?

In welche was liegt dem Kind am besten? Und dann geht man einen Schritt weiter in der fünften, sechsten, siebten Klasse sind die Kinder in meinen Augen so alt und so reif, dass man auch über Berufe sprechen kann und dass man dann vielleicht schon langsam die Wege, dass die deutlicher werden, in welche Richtung könnte so etwas gehen. Und wenn dann das 5., 6., 7. Schuljahr vorbei ist, dann kann man vielleicht darüber nachdenken, zu sagen, okay, Abitur und dann Studium wäre der richtige Weg oder aber es ist ganz eindeutig, es wird eine berufliche Bildung. Das bedeutet, das was wir heute tun, die ersten 4 Jahre, dann entscheiden Realschule oder Gymnasium, das ist in meinen Augen zu absolut und zu früh.

Dazwischen ist einfach die Phase, wo die Orientierung stattfinden muss. Und wenn wir das geschafft haben und die jungen Menschen muss. Und wenn wir das geschafft haben und die jungen Menschen dann ihren Weg gemacht haben, dann darf das nicht bedeuten, dass das eine Sackgasse ist, wenn man den einen Weg gegangen ist und sich nicht für den anderen entschieden hat. Sondern es muss durchgängig sein. Wir müssen dafür sorgen, dass derjenige, der Abitur gemacht hat, mit seinem Wissen auch in die berufliche Bildung wechseln kann.

Und andersrum genauso der, der die berufliche Bildung gemacht hat, der muss auch in die akademischen Bereich wieder wechseln können, dort einen Beruf zu finden, dort Fuß zu fassen, weil er gemerkt hat, Mensch, das Thema interessiert mich zwar, ich nehme jetzt Beispiel Elektrotechnik, das interessiert mich zwar, aber das Verkabeln von Häusern, das Anschließen von PV Anlagen, das ist nicht so mein Ding, eher das Errechnen der Wirtschaftlichkeit und das mache ich am besten in einem großen Unternehmen und jeder vielleicht den akademischen Weg. Und das ist etwas, was wir schaffen müssen und wir beide wissen, es gibt den den DQR, den deutschen Qualifikationsrahmen und wenn man sich den ansieht, ich vergleich das ganz gerne immer, weil die meisten das eben nicht kennen. Die Schüler gehen bis zur zehnten Klasse, einfach das mal grob darzustellen, bis zur zehnten Klasse in die Schule. Der eine entscheidet sich für das Abitur und bleibt 3 Jahre weiter auf der Schulbank sitzen und wird von vorne unterrichtet und nimmt das Wissen auf und der andere macht eine berufliche Ausbildung. Am Ende sind beide wieder gleich alt, der eine hat sein Abitur und den DQR Stufe 4 erreicht und der andere hat seine berufliche Bildung abgeschlossen und den DQR Stufe 4 erreicht.

Das heißt, vom Wissensniveau sind beide gleich. Aber ich verspreche dir und das ist auch das, was mir auch die Eltern immer widerspiegeln, der Unterschied ist immens, ob jemand das Abitur gemacht hat und dann eine eigene Wohnung nimmt oder ob jemand eine berufliche Ausbildung genossen hat und dann eine Wohnung nimmt, denn derjenige, der die berufliche Ausbildung gemacht hat, der stand schon viel mehr mit der in Kontakt mit der Gesellschaft, musste schon viel mehr Verantwortung tragen, musste schon viel mehr eigenverantwortlich arbeiten und mit Vorgesetzten auch arbeiten. Und das hat jemand, der das Abitur macht, nicht und das bedeutet nicht, dass ich sage, der, der Abitur macht, ist weniger wert. Das ist überhaupt nicht so gemeint. Ich denke, Du weißt, wie ich wie ich ticke.

Es ist einfach eine Wissensanhäufung auf anderer Ebene und es geht dann ja noch weiter. Derjenige, der sich fürs Studium interessiert und das Studium macht und den Bachelorabschluss hat, der hat das Wissensniveau DQR 6 erreicht. Genauso ist es beim Meister auch. Wer den Meister, Handwerksmeister gemacht hat, hat ebenfalls die Gleichstufe und so geht es nach oben fort. Und genau dieses DQR, diesen deutschen Qualifikationsrahmen, also die Anhäufung von Wissensniveau, das ist in meinen Augen eine gute Plattform, zu begründen, kann ich jetzt von der einen Bildungsart, also akademische Bildung, auf gleichem Wissensniveau in der berufliche Bildung wechseln und andersrum bitte sehr auch von der beruflichen Bildung in die Akademischer rein.

Ja, das ist noch mal 'n wichtiger Hinweis, der auch noch mal transparent Transparenz bietet jetzt an der Stelle, der vielleicht auch gedankliche Hürden auch noch mal abbaut, ne. Wobei, wo Du eben sagtest, mit Gymnasium bereitet auf auf das Studium vor. Also ich kann mich erinnern und deswegen, das ist so auch so das Paradoxsumme an der Stelle oder diese diese Hartnäckigkeit, nennen wir's einfach mal. Vor 2 Jahren bin ich bei mir in der Kreishandwerkerschaft gewesen und da ging's ums Thema Digitalisierung und dann waren verschiedene Professoren dann da auch und es ging darum auch zum aktiv Projekte auch zu durchzuführen, anzuleiern und Gedanken auszutauschen und so weiter. Dann sagte der eine Professor dann irgendwann, ja, und wir müssen auch wieder dafür Sorge tragen, dass mehr aus den Realschulen auch wieder Richtung Handwerk gehen und so weiter.

Also wir dürfen Es soll Hauptschule sein natürlich, es soll aber auch Realschule sein und so weiter. Und dann hab ich gesagt, ja und auch Gymnasium. Dann wurde ich dann entsetzt angeguckt, nur nach dem Motto, genau was Du sagst, wir werden aufs Studium vorbereitet. Wenn ich sag, wir brauchen natürlich auch demnächst die Menschen, die Verantwortung übernehmen und die vielleicht schon, sagen wir mal, genau die Berufe machen, die vielleicht auch, sagen wir mal, dann eher in geistiger Natur sind, wo wo vielleicht derjenige, der aus der Praxis oder grade sich die Praxis ausgewählt hat, der muss auch Theorie können, der muss sich auch geistig natürlich im Beruf dann entfalten können. Aber ist halt immer die Frage, wo geht die Neigung dann nachher hin?

Aber wie Du sagst, dieses Einmalstraßendenken an der Stelle wirklich ist ganz hartnäckig und ist also auch noch ganz gegenwärtig. Ist bei mir in dem Fall 2 Jahre her, aber ich denk mal, Du hast noch andere Beispiele haben, die noch aktueller sind. Ja. Wo wo genau wirklich dann gesagt wird, nein, wir haben ganz klare Aufteilung und so weiter. Das ist ist ja nicht gut.

Der Punkt ist ja der, die die die Menschen sollen ja zufriedener sein. Echt? Und die Frage ist, womit sind sie denn zufrieden am Ende des Tages? Und wir wissen ja nun mal ausm Handwerk beziehungsweise aus den Statistiken, dass die Menschen im Handwerk ja eine deutlich höhere Zufriedenheitscooter haben als alle anderen. Das ist richtig.

Das hat die Es gibt ja eine Ich denke, Du spielst auf die Studie der IKK Klassik an im Jahr 2020, 2021, in der viele Handwerker befragt worden sind, wie glücklich sie denn mit ihrem Wirken im im Beruf sind. Und da hat sich ja nun ganz eindeutig herauskristallisiert, dass 89 Prozent der Handwerker sehr zufrieden und glücklich sind, weil sie eine Sinnhaftigkeit in ihrem Beruf sehen, während das grade mal 49 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland so sehen. Und dann waren's, glaub ich, 90 Prozent bei der bei der Wertschätzung für ihren Beruf. Also das waren ja wirklich ganz klare Ergebnisse, die zeigen, was jemanden glücklich macht. Und wenn man sich darüber Gedanken macht, einfach für sich im Alltag unabhängig vom Beruf jetzt, auch im privaten Leben, im Freundeskreis, im Verein oder was auch immer, dann merkt man das ja selber.

Also das, was einem Spaß macht oder dort, wo man aufgeht, dort, wo man ein Miteinander hat, wo wo die sozialen Kompetenzen auch ein bisschen gefordert sind, das sorgt einfach dafür, dass man glücklich ist, zufrieden ist. Und ich glaub, glücklich sein und zufrieden sein, das ist ein ganz, ganz hohes Gut, das wir hoch halten müssen, weil es auch zur Gesundheit beiträgt. Definitiv. Ja. Aber Du sprachst eben, das blieb mir grade eben noch im Kopf, Du sprachst eben davon, dass Du mit jemandem im Gespräch warst und im im im Handwerk.

Ich hab nur noch den Anker son bisschen im Kopf. Mir ist das vor gut 5 Jahren passiert, da war ich gerade Präsident. Ich war eingeladen zu 1 Hochschule und da saßen Professoren und Doktoren und ich hatte meinen Blaumann an, den sauberen Blaumann. Ja, das war son sone Art Workshop war das und ich sollte mir auch mal 'n Bild davon machen und am Anfang der Runde gab's keine Vorstellung. Wir saßen also alle Male da, bekannten uns nicht wirklich.

Und dann sollte ein Teil des Workshops sollte sein, wir sollten eine Motivationsrede machen. Wir sollten etwas machen, was halt den das Gegenüber motiviert, etwas zu tun. So, wir hatten 10 Minuten Zeit, uns was auszudenken. Ich denk so, na ja, okay, wir bist hier auf der Hochschule, was was was könntest Du da nehmen? Dann hab ich gedacht, nee, bleib dir treu, Du bist ausm Handwerk, Du nimmst etwas, was Du aus deinem Alltag kennst.

Und das wirst Du sicherlich auch kennen, es gibt Arbeitsberichte, die nennen sich Rapporte. Und diese Rapporte, die schreiben viele Mitarbeiter nicht unbedingt gerne. Das heißt, der Text ist nicht ausführlich genug. Die Zeiten fehlen vielleicht oder das Material ist nicht richtig aufgeschrieben. Und dann hab ich eine Motivation über die Ausführung des Rapports geschrieben und dann hab ich das am Ende präsentiert.

Ich war der 1., der es präsentierte, weil keiner es präsentieren wollte. Ich bin nach vorne gegangen, hab das präsentiert. Und dann sagte ein Professor, okay, woher ich denn das Wissen nehme und was ich denn beruflich mache? Und dann hab ich gesagt, dass ich halt Handwerksunternehmer bin, Präsident der Handwerkskammer. Und dann sagt er, Sie sehen gar nicht aus wie 'n Handwerker.

Und dann dachte ich mir in dem Moment so, also ich dachte, ich wäre unter gebildeten Menschen unterwegs und wie kommt er auf die Idee, mich nach dem Äußeren zu urteilen, ob ich nun Handwerker bin oder nicht und was unterscheidet mich in dem Outfit, ob ich Kompetenzen habe oder nicht? Also das hat mir dann doch schon die Augen geöffnet, wo ich denk, meine Güte, das es gibt noch viel zu tun in unserer Gesellschaft. Ja, definitiv. Wobei man sich auch selber ja dabei manchmal ertappt, ne. Muss man auch ganz ehrlich sagen, je nachdem, wie dann die Arbeitskleidung auch aussieht.

Dementsprechend macht man leider manchmal dieses Schubladendenken, aber gerade Richtung akademischen Grad, da müsste man schon müssen wir schon schauen, dass wir uns oder wie wir uns da in Zukunft auch positionieren. Marco, wir sind schon sehr weit fortgeschritten. Wir kommen schon zur abschließenden Frage. Okay. Und zwar hab ich die Frage an dich, wenn Du die Macht hättest, das Handwerk mit nur 1 Entscheidung zu verändern, was würdest Du da tun?

Mit nur 1 Entscheidung verändern? Ich würde, glaub ich, an die Gesellschaft appellieren, dass sie auf sich selbst hören und auf ihr Bauchgefühl und sich stärker für ihre eigene Leidenschaft einsetzen und sich nicht so sehr von außen beeinflussen lassen, was sie zu tun haben. Das ist 'n ganz wichtiger Punkt und der führt dann auch am Ende zur Zufriedenheit, ne? Jawohl. Genau, der richtigste Punkt.

Ja Marco, schön, dass Du hier bei uns gewesen bist. Es Ich mein, wir waren jetzt direkt vor der Tür, deswegen hat's dir so angeboten, ne. Und deswegen trotzdem, dass Du die Zeit genommen hast. Vielen Dank dafür. Ja, ich hab dir zu danken.

Vielen Dank. Danke. Ja, das war's schon wieder bei Handwerk. Spricht hier Marco Herwerts war heute zu Gast und wir haben uns über die jungen Menschen unterhalten und wie wir vielleicht in Zukunft das eine oder andere noch mal 'n bisschen anders anpacken können und vor allen Dingen, wie wir Sichtweisen auch verändern sollten in Zukunft. Und schön, dass ihr dabei wart.

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