Handwerk als Notlösung für alle, die nicht studiert haben? Diese verbreitete Vorstellung weist Anne Pfefferkorn entschieden zurück. Die Möbelrestauratorin aus Berlin steht selbst für einen ganz anderen Werdegang: Nach dem Abitur ging sie bewusst in die Tischlerlehre, kam über die Restaurierung zum Studium und arbeitet heute mit einem eigenen Team an antiken und modernen Möbelstücken. Im Podcast „Handwerk spricht“ erzählt sie, warum das Handwerk ein echter Karriereweg ist, was junge Menschen wirklich begeistert und warum sie sich mehr Unterstützung für ausbildende Betriebe wünscht.
Vom Abitur in die Tischlerlehre
Statt sich nach dem Abitur erneut in einen Hörsaal zu setzen, wollte Anne Pfefferkorn mit den Händen arbeiten. Sie bewarb sich – für Abiturienten damals eher untypisch – bei einem Tischler in Berlin und musste dort gleich zwei Probetage absolvieren. Ihre Aufgabe: ein krummes, schiefes Brett aushobeln.
„Ich bin mit den verschiedensten Hobeln ran, erst mit dem Schropphobel, dann wurde ich immer feiner. Ich hab Blut und Wasser geschwitzt, aber ich wollte das machen.“
Aus dieser Entscheidung wurde eine Berufung. Schon während der Ausbildung stellte ihr ein aufmerksamer Meister einen kleinen Nachttisch zum Restaurieren hin – ein Auftrag, der sie durch die gesamte Lehrzeit begleitete und den Weg zur Restaurierung ebnete.
Meisterbrief bremst nicht – er eröffnet Wege
Auf die These, dass Meisterbrief und alte Traditionen das Handwerk ausbremsen würden, reagiert Pfefferkorn gelassen. Für sie ist genau das Gegenteil der Fall: Wie im Studium verschiedene Abschlüsse erreicht werden können, biete das Handwerk gestufte Entwicklungsmöglichkeiten – vom Gesellen zum Meister und darüber hinaus.
Der Weg zum Restaurator sei dabei weniger vorgezeichnet als etwa der zum Arzt. Es gebe viele Quereinsteiger mit großer Erfahrung, aber auch die Möglichkeit, an einer Fachhochschule oder – wie in Pfefferkorns Fall – im Ausland zu studieren. Sie selbst absolvierte ein Studium in England im Bereich Restaurierung und Konservierung von Möbeln und Holzobjekten. Einen festen Schwerpunkt gebe es dabei kaum; die Spezialisierung erfolge vielmehr im Laufe der eigenen Praxis.
„Wir waren viel zu leise“ – das Nachwuchsproblem als Kommunikationsaufgabe
Dass das Handwerk sich selbst zu unattraktiv mache, mag Pfefferkorn nicht ganz von der Hand weisen. Aus ihrer Sicht liegt das Problem vor allem an mangelnder Sichtbarkeit.
Wir waren viel zu still, wir waren viel zu leise. Das ist mein Steckenpferd der letzten Jahre geworden: viel lauter werden nach außen.
Interesse bei jungen Menschen sei durchaus vorhanden, betont sie. Ihr Betrieb hat regelmäßig Praktikanten – vom zweiwöchigen Schulpraktikum bis zum mehrmonatigen studienvorbereitenden Praktikum. Im Schnitt erreichen sie rund drei Praktikumsanfragen im Monat. Doch die attraktive Gestaltung koste Zeit, und das könnten viele private Betriebe alleine kaum stemmen.
Was junge Menschen ans Holz bindet
Warum kommen so viele Anfragen ausgerechnet zu ihr? Pfefferkorn führt das auf mehrere Faktoren zurück: ein gutes Betriebsklima, schöne Arbeitsräume, gemeinsame Mittagessen einmal im Monat und den Spaß an der Sache. Vor allem aber sei es der Werkstoff selbst.
- Holz „lebt“ – jeder Werkstoff hat eigene Gerüche, teils Düfte, und jede Holzart ist anders.
- Die Oberflächenbearbeitung und -veredelung fasziniert Einsteiger besonders.
- Praktikanten bekommen bei ihr bewusst ein kleines eigenes Objekt, an dem sie den gesamten Prozess erleben und erste Ergebnisse sehen können.
Ein zusätzlicher Faktor ist die Nachhaltigkeit. Restaurierte Möbel treffen den Zahn der Zeit: Kunden bringen etwa den Nachttisch der Großmutter, für dessen Erhalt sie Geld zurückgelegt haben. Der ideelle Wert wiegt oft schwerer als der materielle – und genau das erleben auch die jungen Praktikanten in den Kundengesprächen mit.
Highlights aus der Werkstatt und die Kundenbindung
Von Antiquitäten über französisches Biedermeier bis zu Vintage-Möbeln ab den 1950er-Jahren – die Bandbreite in Pfefferkorns Werkstatt ist groß. Vintage-Stücke nennt sie „die Antiquitäten von morgen“ und spricht damit gerade jüngere Kunden an. Ein besonderes Highlight war zuletzt ein Globusnähtisch aus Mahagoni mit versteckten Fächern, Schublädchen, Wollspindeln und einem Zylinderklappmechanismus, restauriert von einer ihrer Mitarbeiterinnen.
Ihre Kunden erreicht sie über Google, Instagram, Mundpropaganda und die Laufkundschaft ihres Ladengeschäfts in erster Reihe. Manche Interessenten kommen gezielt, weil sie eine Werkstatt suchen, in der viele Frauen arbeiten. Neukunden brauchen dabei viel Erklärung: Ein transparentes „Baukastensystem“ in den schriftlichen Angeboten und Werkstattbesuche zum Zwischenstand helfen, Erwartungen und Preise nachvollziehbar zu machen. Die Wertschätzung sei in den letzten Jahren, auch nach Corona, spürbar gewachsen.
Der Wunsch nach mehr Unterstützung
Gefragt nach einer radikalen Entscheidung, die das Handwerk verändern würde, ist Pfefferkorns Antwort eindeutig: Sie würde private Betriebe konsequent dabei unterstützen und motivieren, mehr Praktikanten und Auszubildende aufzunehmen.
Wir sind ja Handwerker, weil wir es lieben. Aber du brauchst dafür Unterstützung. Da will ich radikal reingehen: mehr Unterstützung für das ausbildende Handwerk.
Ihr Fazit ist optimistisch. Die Auftragslage sei gut, das Gewerk habe Zukunft – vorausgesetzt, es gelingt, jungen Menschen überhaupt erst zu zeigen, was Handwerk ist und was es kann. Denn wer einmal die „Holzatmosphäre“ gespürt hat, so ihre Erfahrung, ist gepackt.