Im Handwerk entscheidet nicht allein das gute Produkt über den Erfolg, sondern zunehmend die Art, wie ein Unternehmen organisiert ist. Diese Überzeugung vertritt Dominik Verwoort, 51 Jahre alt und Inhaber eines auf Fenster und Türen spezialisierten Betriebs in Luxemburg, im Gespräch bei Handwerk spricht. Aus einer Garage heraus mit 22 Jahren gestartet, führt er heute ein Unternehmen mit 47 Mitarbeitern, das Projekte weltweit realisiert. Im Gespräch mit Gastgeber Oliver Oettgen ging es um Prozesse, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und um die Frage, warum Einstellung und Mindset über die Zukunft des Handwerks entscheiden.
Handwerk als Karriereweg, nicht als Plan B
Zum Einstieg konfrontierte der Gastgeber seinen Gast mit mehreren Thesen. Der Vorstellung, Handwerk sei nur noch ein Plan B für Menschen ohne Studium, widerspricht Verwoort deutlich. Für die kommende Generation sei das Handwerk sogar wichtiger denn je: Wer heute einsteige, habe es leichter, weil die Konkurrenz gering sei. Auch den Meisterbrief und die Ausbildung hält er für zentral. Entscheidend sei, während der gesamten Berufslaufbahn nicht aufzuhören zu lernen, denn die Produkte und Techniken entwickelten sich stetig weiter.
Beim Nachwuchsproblem sieht er die Betriebe selbst in der Pflicht. Ein großes Thema werde in den kommenden Jahren die Nachfolge vieler Betriebe. Jungen Menschen die Chance zu geben, einen Betrieb zu übernehmen oder mitzuführen, schaffe Perspektive, Sicherheit und Mitspracherecht – und übertrage ihnen Verantwortung.
Vom Garagenstart zum spezialisierten Anbieter
Verwoort begann mit 16 Jahren eine Lehre und machte sich mit 22 gemeinsam mit einem Partner selbstständig. Kapital hatten die beiden keines, dafür Leidenschaft für ihren Beruf. Rückschläge habe es viele gegeben, doch im Nachhinein sei es eine lehrreiche Zeit gewesen.
Heute reicht das Portfolio des Betriebs vom einfachen Kellerfenster bis zu High-End-Projekten im privaten und öffentlichen Bereich. Dazu zählen kugelsichere Lösungen in Kombination mit Brandschutz, sprengsichere Konstruktionen bis 500 Kilo TNT sowie Schiebeanlagen mit bis zu 1,5 Tonnen Glasgewicht pro Flügel, teils im gebogenen Zustand. Das Alleinstellungsmerkmal sieht Verwoort im Gesamtpaket mit einem Ansprechpartner und einem eigenen Technikbüro, das sämtliche Vertikal- und Horizontalschnitte zeichnet.
Prozesse als Fundament jedes Betriebs
In den vergangenen Jahren hat der Betrieb 8,5 Millionen Euro in einen neuen Komplex investiert, ist im vergangenen Jahr eingezogen und hat parallel den Umsatz verdoppelt. Die nächste Herausforderung liegt für Verwoort im Feinschliff der internen Abläufe – vom ersten Anruf bis zum Service.
Ein Unternehmen ohne Prozessleitfaden ist für ihn nicht vorstellbar. Jeder Mitarbeiter müsse morgens wissen, was seine Aufgabe sei – unabhängig von der Betriebsgröße. Dass in vielen kleinen Betrieben nichts läuft, wenn der Chef nicht da ist, hält er für eine Katastrophe. Verantwortung als Geschäftsführer bedeute auch, dass der Betrieb bei Urlaub, Krankheit oder einem Unfall weiterfunktioniere. Der Gastgeber ergänzte, dass spätestens ab fünf bis zehn Mitarbeitern Betriebsferien keine Lösung mehr seien.
Ich alleine im Unternehmen mache überhaupt nichts. Ohne die Jungs bin ich null.
Weil vor 15 Jahren keine passende Software zu finden war – ein Programm kostete 60.000 Euro, gebraucht wurden davon nur drei Prozent –, entwickelte Verwoort gemeinsam mit einem Bekannten ein eigenes System auf dem weißen Blatt Papier. Es läuft heute noch und wird inzwischen von über 60 Betrieben genutzt. Das System reicht vom ersten Anruf bis zur Nachkalkulation.
Nachkalkulation und wirtschaftliche Steuerung
Die Nachkalkulation ist für Verwoort ein zentraler, oft vernachlässigter Punkt. Sie zeige, in welche Richtung sich ein Unternehmen bewegt, denn ein Betrieb müsse Geld verdienen. Kollegen in seiner Branche, die mit Margen von 10 oder 20 Prozent arbeiteten, könnten damit kaum überleben.
Über die Auswertung der Projekte steuert Verwoort seinen gesamten Betrieb: Wo draufgezahlt wurde, wird künftig teurer kalkuliert, wo Spielraum bestand, kann man im Preis heruntergehen. Mit der Zeit entstehe eine klare Linie, die er an den Vertrieb weitergeben kann. Das erwirtschaftete Geld investiert er seit 30 Jahren konsequent zurück in den Betrieb – für das private Konto nicht immer ideal, für die Zukunft des Unternehmens aber entscheidend.
KI als Unterstützung, nicht als Bedrohung
Der Betrieb wurde als eines von zwei Handwerksunternehmen in Luxemburg für ein staatlich bezuschusstes Pilotprojekt zur Integration von Künstlicher Intelligenz ausgewählt. Verwoort sieht darin neue Chancen und will die einzelnen Abteilungen entlasten – auch bei Kleinigkeiten, die sonst liegen bleiben. Ängste um Arbeitsplätze hält er für unbegründet: Ziel sei es, mit denselben Mitarbeitern und mehr Ruhe mehr Umsatz zu erzielen.
- Klare Prozesse sichern den Betrieb bei Urlaub, Krankheit oder Ausfall ab.
- Nachkalkulation gibt die wirtschaftliche Richtung vor und ermöglicht gezielte Preissteuerung.
- Ein passendes System bildet den gesamten Ablauf vom ersten Anruf bis zur Nachkalkulation ab.
- KI soll Abteilungen unterstützen, nicht ersetzen.
- Fehler werden zum Anlass genommen, den Prozess so zu ändern, dass sie sich nicht wiederholen.
Kultur und Mindset im Grenzgebiet
Zur Sprache kamen auch Unterschiede in der Arbeitskultur der Grenzregion zwischen Luxemburg, Belgien und Deutschland. Im Betrieb würden vier Sprachen gesprochen, weil man zwischen den Regionen ständig wechseln müsse. Kollegen sieht Verwoort nicht als Konkurrenz, sondern als Partner auf Augenhöhe. Geht es dem Unternehmen gut, gehe es auch dem Mitarbeiter gut.
Deutsche Zulieferer und Produzenten schätzt er ausdrücklich für ihre Qualität, Organisation und ihr After-Sales-Management. Kritisch sieht er eine oft negative Grundhaltung. Statt Neues zunächst schlechtzureden, wünscht er sich mehr positives, vorausschauendes Denken. Der Gastgeber teilte diesen Eindruck und beschrieb den Besuch als motivierend.
Auf die abschließende Frage, was er mit einer einzigen radikalen Entscheidung im Handwerk verändern würde, antwortete Verwoort, er würde die Innovationen und Vorteile des Handwerks stärker nach außen tragen und jungen Unternehmen auf die Beine helfen. Entscheidend sei am Ende das Mindset: nie an das Scheitern zu denken, sondern in Aufgaben und Lösungen statt in Problemen.