Der Fachkräftemangel führt dazu, dass immer mehr Betriebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ausland gewinnen. Damit stellt sich die Frage, wie interkulturelle Teams erfolgreich zusammenarbeiten können. Im Podcast Handwerk spricht gab Felicitas Binninger, Expertin für Kommunikation und Konflikt, Einblicke in ihre Erfahrungen. Sie hat viele Jahre im Ausland gelebt, unter anderem in Italien, war über zehn Jahre an einer Hochschule in internationalen BWL-Studiengängen tätig und beschäftigt sich heute intensiv mit interkulturellem Management. Ihr Credo: Kulturelle Vielfalt ist weit mehr als eine Herausforderung – sie ist vor allem eine Chance.

Sprache ist nur die erste Hürde

Als vermeintlich größte Herausforderung wird oft die Sprache empfunden. Doch laut Binninger ist gerade diese am leichtesten zu überwinden, weil sie eindeutig ist und erlernt werden kann. Deutlich anspruchsvoller sei die nonverbale Kommunikation, bei der viele weitere Faktoren eine Rolle spielen. Ihr Lieblingsbeispiel ist das Autofahren in Italien: Kommt jemand hupend und mit Lichthupe von hinten, empfinden deutsche Fahrer das als nötigend und stressig. In Italien hingegen sei es ein ganz normales Signal – ein freundlicher Hinweis, dass jemand schnell unterwegs ist und um Platz bittet.

Gleiche Handlungen werden unterschiedlich interpretiert.

Was als „extrem" wahrgenommen wird, hänge stark vom Kontext ab. Im Handwerk könne beispielsweise die Rolle der Frau ein herausforderndes Thema sein – etwa wenn eine Frau als Chefin das Sagen hat, was in manchen Kulturen als ungewohnt empfunden wird.

Verständnis schaffen statt verurteilen

Der Schlüssel im Umgang mit kulturellen Unterschieden liegt für Binninger darin, Verständnis zu schaffen. Bevor man ein Verhalten beurteilt oder verurteilt, gelte es zu verstehen, welche unterschiedlichen Wahrnehmungspositionen dahinterstecken. Wichtig sei zudem, die darin liegenden Chancen zu erkennen. Offener Umgang und offene Kommunikation ermöglichen es, aufeinander zuzugehen.

Ein greifbares Beispiel: Ein gemeinsames Fest, bei dem jeder eine Speise aus seiner Heimat mitbringt – ganz gleich, ob aus dem Ausland oder aus verschiedenen Regionen Deutschlands mit seinem Nord-Süd-Gefälle. Solche Gelegenheiten schaffen ein wohlwollendes Verhältnis und lassen Teams auf einer anderen Ebene näher zusammenrücken.

Konflikte früh erkennen und Raum geben

Nicht überall, wo verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, entsteht ein Problem. Führungskräfte sollten laut Binninger jedoch achtsam sein. Zeigt sich ein Konflikt, dürfe man ihn nicht unterdrücken nach dem Motto „reißt euch mal zusammen". Denn wie bei Emotionen gelte: Was unterdrückt wird, droht erst recht zu explodieren.

  • Konflikte möglichst früh angehen – je eher, desto leichter die Lösung.
  • Raum und Möglichkeiten für Austausch schaffen, gegebenenfalls mit externer Begleitung.
  • Verstehen, dass es meist kein Richtig und Falsch gibt, sondern unterschiedliche Wahrnehmungen.
  • Gemeinsam einen Punkt finden, mit dem sich beide Parteien anfreunden können.

Klassisches Konfliktmanagement bedeutet, die Wahrnehmungspositionen beider Seiten zu verstehen. Denn ein Konflikt entsteht in der Kommunikation – durch Missverständnisse oder unterschiedliche Meinungen. Ziel ist es, beide Parteien in das Bewusstsein zu bringen, dass es kein einfaches Richtig oder Falsch gibt.

Vielfalt als Motor für Innovation

Die große Stärke interkultureller Teams liegt in ihrer erhöhten Problemlösungskompetenz. Weil unterschiedliche Erfahrungsschätze zusammenkommen, entstehen kreativere und innovativere Lösungen. In großen Unternehmen werde die Bildung interkultureller Teams deshalb bereits gezielt gefördert – ein Prinzip, das sich laut Binninger auf das Handwerk übertragen lässt.

Aus ihrer aktuellen Studie, die sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Tina Kühlau durchführt, weiß sie: Der Umgang mit Konflikten unterscheidet sich je nach Branche. In stark männerdominierten Bereichen werde oft hemdsärmeliger und direkter kommuniziert, was die Klärung häufig erleichtert. Für die Studie werden weiterhin Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Handwerk gesucht.

Integration muss von beiden Seiten kommen

Ein zentraler Punkt für Binninger ist die beidseitige Vorbereitung. Bei einem Besuch in Vietnam erlebte sie lernwillige, ehrgeizige Menschen, die intensiv auf die Entsendung in deutschsprachige Länder vorbereitet werden – sprachlich wie kulturell. Doch häufig kommen diese gut vorbereiteten Fachkräfte in Betriebe, in denen keinerlei Vorarbeit geleistet wurde.

Ihr Appell: Auch das aufnehmende deutsche Team muss vorbereitet werden, damit neue Kolleginnen und Kollegen offenherzig und aufgeschlossen empfangen werden. Nur so lässt sich das volle Potenzial ausschöpfen. Hier sind vor allem Chefs und Abteilungsleiter gefragt, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen.

Der wichtigste Tipp: offen und neugierig bleiben

Auf die Frage nach einem praktischen Ratschlag verweist Binninger auf einen Grundsatz ihres Mentors, der weit über das Thema hinausreicht:

Sei immer offen und neugierig.

Die größten Konflikte entstünden dadurch, dass wir uns verschließen. Wer offen und neugierig bleibt, hat stets die Möglichkeit, das Beste aus jeder Situation herauszuholen. Wichtig sei, dass Führungskräfte und Unternehmer diese Haltung vorleben, damit das Team folgt.

Handwerk wird unterschätzt

Zum Abschluss äußerte sich Binninger zum gesellschaftlichen Stellenwert des Handwerks – und zeigte sich kritisch. Das Handwerk werde unterschätzt. Wer heute kompetente Handwerker suche, stelle schnell fest, dass die Guten lange ausgebucht sind. Aus ihrer Zeit an der Hochschule berichtet sie, dass viele Studierende ein internationales BWL-Studium mit dem Traum vom Managerposten begannen, am Ende jedoch in Sachbearbeiterpositionen landeten – trotz hohen Zeitaufwands für die Ausbildung.

Ihr Fazit: Es sei schade, dass handwerkliche Berufe so unterschätzt werden und junge Menschen die darin liegenden Chancen nicht erkennen. Denn diese Chancen sind definitiv vorhanden.