Künstliche Intelligenz ist längst kein reines Zukunftsthema mehr – sie beginnt auch das Handwerk zu erreichen. In der Folge von "Handwerk spricht" spricht IT-Stratege und KI-Experte Eldar Sultanow (Capgemini) darüber, wie Technologie handwerkliche Prozesse verändert, wo bereits heute erfolgreiche Anwendungen existieren und welche Herausforderungen auf Betriebe zukommen. Seine zentrale Botschaft: Die Entwicklung steht in Deutschland erst am Anfang, das Potenzial ist jedoch enorm – und trotz aller Automatisierung bleibt das Handwerk eine stabile, unverzichtbare Größe.

KI ist im Handwerk längst angekommen

Sultanow verweist auf zwei Bereiche, die bereits heute erfolgreich mit KI arbeiten – und die keineswegs neu sind. Der erste ist die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance), etwa bei den Rotorblättern von Windrädern. Mithilfe von Hochleistungssensorik meldet die KI präzise, wann ein Bauteil ausgetauscht werden muss, bevor es zu Beschädigungen kommt.

Der zweite Bereich ist die intelligente Logistik und Lagerplanung. Als Beispiel nennt er Amazon: Anhand von Faktoren wie Wetter oder Fußballspielen lässt sich vorhersagen, wann welche Produkte weniger nachgefragt werden. So entsteht weniger Verschwendung und eine effizientere Planung.

Was wir von Japan lernen können

Deutschland kämpft mit demografischem Wandel und Fachkräftemangel – und KI gilt vielen als Lösung. Sultanow blickt dabei auf Japan, das bereits vor rund 40 Jahren auf Robotik gesetzt hat, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Anstatt auf Einwanderung zu setzen, entwickelte das Land eine regelrechte Roboterkultur: Roboter frittieren Pommes, kochen Nudeln, bringen Essen an den Tisch, räumen Lager ein oder löten in der Fertigung.

Ein konkretes Beispiel für die kommende Entwicklung im deutschen Handwerk sind Malerroboter, die laut Sultanow im kommenden Jahr auf den Markt kommen sollen – darunter ein Anbieter namens Conbotics. Diese Maschinen können sandstrahlen, spachteln und malen. Provokativ verwies deren Werbung auf den Kostenvergleich mit menschlichen Malern:

Der hat keinen Urlaubsanspruch, der braucht keine Sozialabgaben, der geht nicht rauchen, der geht nicht aufs Klo, der arbeitet durch.

Für Handwerksbetriebe könnte das bedeuten, dass künftig nicht mehr drei Personen zu einer Baustelle fahren, sondern eine Person das Gerät bedient – wodurch parallel mehrere Baustellen bearbeitet werden können.

Herausforderungen bei der Umsetzung

Trotz aller Chancen sieht Sultanow zahlreiche Hürden. Er nennt insbesondere folgende Punkte:

  • Datensicherheit und Datenschutz – in Deutschland traditionell Thema Nummer eins.
  • Investitionen in Hightech, Sensorik, Maschinen sowie in die Schulung der Mitarbeitenden.
  • Widerstand gegen Veränderung aus den eigenen Reihen – ein Phänomen, das er aus vielen Projekten kennt.
  • Ethische Fragen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Hochautomation.
  • Transparenz und Fairness, etwa bei Bewerbungsprozessen oder der KI-gestützten Priorisierung von Kunden.

Gerade beim letzten Punkt weist er darauf hin, dass Kunden heute bereits mithilfe von KI priorisiert werden – wer nicht innerhalb weniger Minuten reagiert, verliert womöglich den Auftrag. Die Frage bleibt, wie sich das fair gestalten lässt.

Effizienz, Kosten und Umweltschutz

Den Investitionen stehen erhebliche Einsparpotenziale gegenüber. Sultanow nennt die Prozessautomation, eine niedrigere Fehlerrate – etwa in der Elektronik, wo KI Fehler in Millisekunden findet – sowie intelligentes Energiemanagement. In großen Lagerhallen lasse sich präzise berechnen, wann sich eine Umrüstung auf LED-Beleuchtung oder Bewegungssensoren lohnt.

Auch beim Umweltschutz sieht er Chancen. Zwar brauche es keine KI, um Schadstoffe in Gebäuden festzustellen, doch in der Materialforschung könne KI beständigere und umweltfreundlichere Materialien entwickeln. Klarer sieht er den Nutzen in der Kreislaufwirtschaft, im intelligenten Energiemanagement und bei der Reduktion von Verschwendung – etwa in der Lebensmittelindustrie, wo automatisierte Lagerhaltung und Bestellwesen große Mengen einsparen können.

Beim Investitionsbedarf unterscheidet Sultanow zwischen dem Leasing von Robotern und dem eigenständigen Aufbau einer hochtechnologisierten Infrastruktur. Wer selbst in Server, Dateninfrastruktur und Schulungen investiere, müsse mit einer nennenswerten Summe rechnen – deutlich kleiner als bei Konzernen wie Google oder Microsoft, aber vergleichbar mit einem spezialisierten Robotik-Leasingbetrieb.

Wie Betriebe am Ball bleiben

Für Sultanow ist klar: Das Handwerk braucht einen kulturellen Wandel in der Weiterbildung. Er zieht die Parallele zur IT, die er als die schnelllebigste Disziplin überhaupt bezeichnet. Ständiges Dranbleiben, der Austausch mit IT-Beratern und der Besuch von Fachmessen – auch mit IT-Fokus – werden künftig unerlässlich.

Den Reifegrad der gesamten Entwicklung schätzt er vorsichtig auf lediglich acht bis neun Prozent. Smart-City-Konzepte stünden noch ganz am Anfang, was er anhand der Genehmigungshürden für eine private Wallbox illustriert. Deutlich weiter sei dagegen Smart Home: Automatisierte Jalousien, Heizungssteuerung oder Taxibestellungen zeigten, dass sich damit nicht nur Komfort gewinnen, sondern auch Geld sparen und die Umwelt schonen lasse.

Das Handwerk als stabile Größe

Zum Abschluss ordnet Sultanow die gesellschaftliche Rolle des Handwerks ein. Während der KI-Hype seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 bei vielen Berufen Ängste vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ausgelöst habe – etwa bei Synchronsprechern, deren Stimmen sich replizieren lassen –, sieht er das Handwerk als bodenständige Konstante. Er erinnert an ein provokatives Werbeplakat an einem Baugerüst mit der Aufschrift "Hey ChatGPT, finish that building".

Ihr könnt machen, was ihr wollt, aber uns Handwerker wird man noch in einem ganzen Weilchen brauchen.

Diesen Wert, so Sultanow, lerne man nun neu zu schätzen – und er lasse sich eben nicht einfach durch KI ersetzen.