Dominik Ricker ist gelernter Tischler – und weit mehr als das. Er arbeitet als selbstständiger Auftragstischler mit mehreren Werkstätten zusammen, schreibt als Autor für eine Holzzeitschrift, betreibt einen YouTube-Kanal rund um Möbelbau und Arbeitssicherheit und hat zudem eine eigene Firma für Holzbearbeitungswerkzeuge gegründet. Im Gespräch mit dem Podcast Handwerk spricht erzählt er von seinem holprigen Werdegang, seiner Leidenschaft fürs Holz und den Baustellen, die das Handwerk gesellschaftlich noch vor sich hat.
Ein Umweg, der zur Berufung wurde
Ricker wollte eigentlich schon immer Tischler werden. Aufgewachsen mit einer kleinen Werkstatt im Wald, faszinierte ihn das Handwerk früh. Doch mit 18 kam die klassische Frage aus dem Freundeskreis: „Kannst du damit überhaupt Geld verdienen?“ So studierte er zunächst Industriedesign – angezogen von einem beeindruckenden Maschinenpark am Tag der offenen Tür – und arbeitete anschließend im Prototypenbau, überwiegend mit Kunststoff und an der CNC-Maschine.
Der Blick blieb jedoch stets neidisch auf die Tischler gerichtet, die für den Messebau selbst noch die sauberste Transportkiste fertigten. Mit 26 oder 27 entschied er sich, die Ausbildung nachzuholen – trotz einer Ausbildungsvergütung von nur 300 Euro im Monat.
Jeder Tag Berufsschule war für mich Wissen, was ich aufsaugen konnte. Das hat einfach sehr viel Spaß gemacht.
Aus dieser Begeisterung heraus begann er, Handwerkskurse zu geben und sein Wissen zu teilen. Seine Werkzeuge richten sich preislich bewusst eher an Hobbyanwender, um möglichst vielen Menschen den Zugang zum Handwerk zu ermöglichen.
Vielfalt jenseits des klassischen Möbelbaus
Ricker betont, wie breit das Berufsfeld tatsächlich ist. Neben dem hochwertigen Möbelbau arbeitete er unter anderem am Bau von Escape Rooms, im Kulissenbau am Theater und lange als Bautischler auf der Baustelle. Gerade den Austausch mit anderen Gewerken schätzt er – auch wenn dort gerne gefoppt wird. Ziehen alle am gleichen Strang und teilen denselben Humor, freue man sich sogar, im Winter um sechs Uhr aufzustehen und zur Baustelle zu fahren.
Motivation, Geld und flexible Arbeitsmodelle
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage, warum die Motivation im Handwerk mancherorts nachlässt. Ricker sieht mehrere Faktoren: Seit der Corona-Zeit genießen viele Menschen im Büro die Vorteile des Homeoffice – kurze Arbeitswege, flexible Arbeitszeiten, Bonuszahlungen, das Arbeiten im Warmen. Ein Dachstuhl lasse sich eben nicht vom heimischen Wohnzimmer aus errichten.
Doch innerhalb der unvermeidbaren Strukturen des Handwerks sieht er Spielräume. Modelle wie die Vier-Tage-Woche seien in einzelnen Betrieben – oft mit fünf bis zehn Personen – bereits erprobt worden. Ein Betrieb habe auf 32 Stunden umgestellt und dabei auf effizienteres Arbeiten gesetzt. Die Kehrseite: Ein ganzer Arbeitstag fehlt und lässt sich nicht einfach kompensieren.
- Flexible Arbeitszeiten seien besonders ab einem gewissen Alter und mit Kindern genauso wichtig wie das Gehalt.
- Umsatzbeteiligungen könnten bei größeren Projekten zusätzliche Motivation schaffen.
- Transparenz und Wertschätzung – auch gegenüber Auszubildenden als vollwertigem Teil der Mannschaft – seien entscheidend für den Teamgeist.
Der Typ des Chefs, der im Porsche vorfährt, während die Belegschaft nicht einmal Tariflohn erhält, sterbe zwar aus, komme aber vereinzelt noch vor. Als fairen Richtwert nennt Ricker ein Bruttogehalt von mindestens 3.000 Euro – und erschrickt darüber, in wie vielen Handwerksberufen, gerade bei Tischlern und Elektrikern, dieser Wert nicht erreicht wird. Zugleich betont der Gastgeber, dass ein solcher Verdienst am Ende eines Entwicklungswegs steht: Man müsse bereit sein, in eigenes Wissen und Können zu investieren.
Fehlende Perspektiven und das Problem der Weiterentwicklung
Kritisch sieht Ricker die begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten. Anders als im Bürojob, wo man über die Jahre fast automatisch aufsteige, führe im Handwerk der Weg zu mehr Gehalt oft nur über die Selbstständigkeit – verbunden mit Verantwortung und Risiko. Diesen Weg hält er nicht für den Königsweg, gerade wenn Familie und finanzielle Sicherheit eine Rolle spielen.
Auch der Meistertitel sei mit hohen Kosten verbunden und garantiere keineswegs ein deutlich höheres Einkommen. Ein Studium biete durch die klare Abstufung von Bachelor und Master transparentere finanzielle Unterschiede. Der Gastgeber ergänzt, dass für ihn nicht Alter oder Abschluss zählen, sondern die tatsächliche Leistung – ein Punkt, dem Ricker weitgehend zustimmt, wobei er die Frage der Vergleichbarkeit auf dem Papier für schwierig hält.
Industrie, Nachfolge und der Blick aufs Handwerk als Ganzes
Ricker zeigt sich zwiegespalten, wenn die Industrie gezielt gute Fachkräfte aus dem Handwerk abwirbt: Wer solle die Produkte am Ende verarbeiten, wenn die besten Leute fehlen? Er regt an, die aktuelle Lage der Automobilindustrie zu nutzen und Personal von dort ins Handwerk zu integrieren. Zugleich verweist der Gastgeber auf ein großes Potenzial: die vielen Betriebe, die in den kommenden Jahren eine Nachfolge suchen. Und er weitet den Blick – Bauleitung, Qualitätskontrolle, Kundenkontakt oder Vertrieb böten Entwicklungswege, die frische Luft und Büroarbeit verbinden. Man müsse sich davon lösen, das Handwerk nur auf jene zu reduzieren, die mit den Händen etwas aufbauen.
Der wichtigste Rat: keine Angst vor Fehlern
Als persönlichen Tipp gibt Ricker ein bewusst schlichtes, aber ernst gemeintes Motto mit: keine Angst haben, Fehler zu machen.
Ich glaube, du kannst dich nicht entwickeln, wenn du keine Fehler machst. Wer immer den sichersten Weg geht, probiert nichts aus.
Beide sind sich einig, dass das Handwerk beim Thema Fehlerkultur und Selbstreflexion Nachholbedarf hat – oft stehe zu viel Stolz im Weg. Analysieren, was schiefgelaufen ist, und es beim nächsten Mal besser machen: Das gelte im Beruf wie im Alltag.
Wie steht das Handwerk in der Gesellschaft?
Zum Abschluss beschreibt Ricker ein zweigeteiltes Bild. Der Tischlerberuf gelte für viele als romantischer Traumjob mit Hobel und Spänen – ein Klischee, das mit dem oft hochmodernen Arbeitsalltag wenig zu tun habe. Viele Menschen, gerade in akademischen Kreisen, hätten kaum echten Kontakt zum Handwerk und kennten es vor allem über negative Erlebnisse wie den zu spät kommenden, unfreundlichen Handwerker. Zwar bekomme er viel höfliche Anerkennung, doch spürt er, dass viele letztlich froh sind, den Beruf nicht selbst ausüben zu müssen. Sein Fazit: Die Klischees sind weitgehend gleich geblieben – und es brauche noch Zeit, bis mehr Dankbarkeit für jene entsteht, die physisch etwas weiterbringen.