Wenn Brücken saniert, Industrieanlagen eingehaust oder tonnenschwere Maschinen in luftiger Höhe abgesetzt werden müssen, kommen Spezialgerüstbauer ins Spiel. Dirk Eckart, Geschäftsführer und Inhaber der Gemeinhard Service GmbH aus Mittelsachsen, hat sein Unternehmen konsequent auf dieses anspruchsvolle Feld ausgerichtet. Im Gespräch mit dem Podcast Handwerk spricht erzählt der 57-Jährige, warum sein Betrieb auf statisch berechnete Konstruktionen, eine ungewöhnliche Ausbildungsstruktur und den Einsatz künstlicher Intelligenz setzt – und weshalb Sichtbarkeit für Handwerksbetriebe zur Überlebensfrage wird.
Was Spezialgerüstbau bedeutet
Rund 95 Prozent der Aufträge entfallen bei Gemeinhard Service auf den Spezialgerüstbau. Klassische Fassadengerüste für Maler und Dachdecker baut das Unternehmen mit Niederlassungen in Frankfurt am Main, Braunschweig und Nürnberg nur noch für die Ausbildung. Der Fokus liegt auf Brücken, Türmen, Talsperren und Industrieanlagen.
Eckart unterscheidet drei grundlegende Arten von Gerüsten: Schutzgerüste, Traggerüste und Arbeitsgerüste. So werden etwa unter Brücken komplette Gerüste eingehängt – mit eingeklebten Ankerstangen, ohne dass unten auf der Autobahn oder im Wasser etwas abgestützt werden muss. Bei Einhausungen entsteht eine Hülle um das Bauwerk, damit weder Umwelteinflüsse auf die Konstruktion gelangen noch Farbe oder Sandstrahlmaterial in die Umwelt. Und Traggerüste dienen etwa dazu, tonnenschwere Maschinen abzusetzen und ins Gebäude zu verschieben.
Ein wachsendes Feld ist die Brückensanierung: Viele Bauwerke stammen aus den späten 1950er- und 1960er-Jahren und sind nicht auf die heutige Verkehrslast ausgelegt. Sie werden verstärkt oder betonsaniert. Sämtliche dieser Gerüste werden statisch berechnet – nichts wird nach Gefühl gebaut. Bewusst arbeitet Eckart dabei mit sechs externen, ausschließlich auf Gerüste spezialisierten Statikern zusammen. Zwar wäre eine eigene Statikabteilung möglich, doch die externen Fachleute bringen frische Ideen von anderen Baustellen ein – etwa neue Trägermaterialien.
Arbeitssicherheit als oberste Priorität
Als Erste und Letzte auf der Baustelle stehen Gerüstbauer regelmäßig an ungesicherten Absturzkanten. Entsprechend hoch ist der Stellenwert der Arbeitssicherheit. Jeder Mitarbeiter trägt persönliche Schutzausrüstung – doch Eckart geht weiter: Einmal jährlich schult der Betrieb seine gesamte Belegschaft in der Höhenrettung, damit im Ernstfall ein Abgestürzter aus 60 Metern Höhe oder über Wasser fachgerecht geborgen werden kann.
Ausbildung mit eigener Handschrift
Über 100 Gerüstbauer hat das Unternehmen bereits ausgebildet. Früher kamen die Auszubildenden vom ersten Tag an zu erfahrenen Kollegen auf die Baustelle – mit hoher Abbrecherquote. Nach einem Lehrgang zum Umgang mit jüngeren Generationen änderte Eckart das Konzept grundlegend. Heute arbeiten die Azubis im ersten und zweiten Lehrjahr unter sich, mit einem eigenen Ausbilder, eigenem Fahrzeug und eigenen kleinen Projekten rund um den Standort.
Und wenn man mit 16 das erste Mal so richtig auf den Bau kommt, ich glaube, das macht schon was mit einem.
Das Gefühl, gebraucht zu werden und sich aufeinander verlassen zu können, hat die Abbrecherquote laut Eckart um die Hälfte reduziert. Aktuell beschäftigt der Betrieb neun Auszubildende, davon fünf neue in diesem Jahr. Selbst ein Shuttle-Bus wurde eingerichtet, weil der öffentliche Nahverkehr am Firmenstandort in Rosswein keine Haltestelle vorsieht. Dem Vorwurf, junge Leute würden dadurch zu sehr umsorgt, begegnet Eckart mit einem historischen Hinweis: Schon 1948 habe der Gerüsthersteller Layher seine Leute per Bus zur Arbeit geholt. Der Erfolg gibt ihm recht – rund 70 Prozent der Beschäftigten haben im eigenen Betrieb gelernt, darunter der heutige Projektleiter für Sachsen und der Ausbildungsleiter.
Künstliche Intelligenz im praktischen Einsatz
Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Walter Stuber hat sich Eckart weitgehend aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, um den Betrieb strategisch zukunftsfähig zu machen. Ein Schwerpunkt ist der praktische Einsatz von KI. Im Sommer wurde eine unternehmenseigene KI eingeführt, die mit sämtlichen Internet- und Social-Media-Inhalten sowie zwölf Blogs gefüttert ist. Interessenten können gezielt Fragen stellen – etwa zur Ausbildungsvergütung – und erhalten eine präzise Antwort, ohne sich durch Webseiten klicken zu müssen. Eine eigene Landingpage für Auszubildende ist ebenfalls eingebunden.
Auch bei Angebotstexten kommt KI zum Einsatz: Diese beziehen den Kunden individuell ein und greifen dessen eigene Werte auf, etwa das Engagement für Ausbildung oder Arbeitsschutz. Für die Kalkulation nutzt der Betrieb KI wegen der überregionalen Tätigkeit mit Fahrzeiten und Transportkosten noch nicht vollständig, arbeitet aber daran. Bereits im Einsatz sind KI-gestützte Marktforschung und Gefährdungsbeurteilungen – die aufwendige Fleißarbeit wird automatisiert, während die Umsetzung in der Belegschaft im Fokus bleibt.
Sichtbarkeit und der Mut zum Fehler
Eckart und Stuber sind überzeugte Netzwerker und stark in sozialen Medien präsent. Ihr Leitsatz: Menschen kaufen bei Menschen. Deshalb setzen beide auf ihre Personenmarke, haben Bücher geschrieben und darin bewusst auch eigene Fehler thematisiert. Denn genau das Persönliche interessiere die Menschen auf LinkedIn, Facebook oder Instagram oft mehr als die perfekte Gerüstkonstruktion.
- Spezialgerüstbau erfordert statische Berechnung und individuelle Lösungen für Brücken, Einhausungen und Traggerüste.
- Eigenständige Ausbildung im ersten und zweiten Lehrjahr senkt die Abbrecherquote deutlich.
- KI wird praktisch für Kundeninformation, Angebote, Marktforschung und Gefährdungsbeurteilungen genutzt.
- Sichtbarkeit ist entscheidend – für Aufträge, Neueinstellungen und Auszubildende gleichermaßen.
Für die Zukunft des Gerüstbaus sieht Eckart einen tiefgreifenden Wandel hin zu integriertem, voreilendem Geländer, das die Arbeitssicherheit erhöht – eine Entwicklung, die Berufsgenossenschaften und Landesämter vorantreiben dürften. Dem Handwerk insgesamt wünscht er mehr Wertschätzung: Sein Herzensprojekt sind Schulpatenschaften, bei denen er schon Neun- bis Zehnjährigen die Vielfalt der Handwerksberufe nahebringt.
Sein abschließender Tipp fällt eindeutig aus: „Macht euch sichtbar, denn nur wer sichtbar ist, wird auch gefunden.“ Und er warnt: Wenn das Handwerk nicht mehr geschätzt werde, werde es bald keine Handwerker mehr geben, die den tropfenden Wasserhahn reparieren.