Der Tod gehört zu den existenziellen Momenten des Lebens – und wird in Deutschland dennoch oft totgeschwiegen. Maria Kaufmann, Gründerin und Geschäftsführerin des Bestattungsunternehmens „ab unter die Erde“, will das ändern. Im Podcast „Handwerk spricht“ erzählt sie, wie aus einem persönlichen Verlust ein Unternehmen wurde, das Abschiede nicht als düstere Pflichtübung, sondern als Feier des Lebens versteht – und warum sie das Handwerk als Ort mit einem ganz besonderen Zauber begreift.

Vom Handwerk geprägt, vom Tod berufen

Maria Kaufmann ist in einer Handwerksfamilie groß geworden: Vater, Großvater, Brüder, Mutter und Oma – alle Fotografen. Ihr Vater hatte den Meisterbrief, das Handwerk gehörte für sie zum Alltag. Studium und Handwerk sieht sie deshalb nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende Wege. Beides habe seine Daseinsberechtigung, und es sei nicht sinnvoll, das eine gegen das andere auszuspielen.

Der eigentliche Auslöser für die Gründung war jedoch ein tiefer persönlicher Einschnitt. Als ihr Vater schwer erkrankte, suchte die Familie nach einem passenden Bestatter – und fand keinen, mit dem sie sich identifizieren konnte. Ihr sei nicht wichtig gewesen, welche Urne oder welcher Sarg verwendet werde, sondern dass das Leben ihres Vaters sichtbar wird. So gestaltete die Familie seinen Sarg wie eine Filmrolle, auf die jeder ein Bild malte – eine Hommage an den Fotografenmeister. Nach dem Tod ihres Vaters und später dem des angenommenen Sohnes ihres Bruders im Jahr 2020 stand für sie fest, in der Branche etwas verändern zu wollen. Gemeinsam mit internationalen Studenten entstand „ab unter die Erde“.

Kein Verkauf von Produkten, sondern Begleitung

Der bewusst provokante Name ist Programm: Das Unternehmen polarisiert – und geht inhaltlich einen anderen Weg. Särge und Urnen stehen nicht im Vordergrund; es gibt einen Standardsarg, andere werden auf Wunsch besorgt. In viereinhalb Jahren habe allerdings noch niemand einen anderen Sarg gewünscht, berichtet Kaufmann. Stattdessen steht die Dienstleistung im Zentrum.

Am Anfang stehe immer das Gespräch: Wer ist gegangen? Was hat die Person ausgemacht? Diese Antworten spiegeln sich in jedem Detail des Abschieds wider. So holte das Team einen Motorradfahrer mit der Harley Davidson vom Krematorium ab und richtete die Abschiedsfeier in seinem Club aus, wo mit seinem Lieblingslikör angestoßen wurde. Bei einem begeisterten Rocker und Chorsänger traten dessen Chöre selbst auf, und der ganze Raum wurde mit seinen Fan-T-Shirts gestaltet. Abschiede fanden bereits in Fußballstadien, Clubs, Museen, Kirchen und am Strand statt.

Budgetorientiert statt teuer

Trotz des hohen Aufwands liegt „ab unter die Erde“ nach eigener Aussage im deutschlandweiten Mittelfeld der Bestattungskosten. Der Fokus liege auf der Dienstleistung, nicht auf Produkten. Gearbeitet wird budgetorientiert: Familien schildern, was sie brauchen und welche Mittel vorhanden sind – und viele bringen sich aktiv ein, etwa bei Dekoration oder Buffet.

Für Menschen, die sich einen würdigen Abschied nicht leisten können, hat das Unternehmen zudem die Initiative „Grabpartymos“ gegründet, inzwischen ein eigener Verein. Über Crowdfunding lassen sich Bestattungen mitfinanzieren; übernimmt das Team einen solchen Fall, gibt es 50 Prozent der eigenen Dienstleistung als Spende hinzu. So wurden bereits mehrere Abschiedsfeiern realisiert, darunter für Kinder in palliativen Situationen, in denen häufig nur ein Elternteil arbeiten kann und wenig Geld vorhanden ist.

All das darf Platz und muss Platz auf so einer Abschiedsfeier finden. Und das ist einfach etwas, was wir gerne umsetzen.

Sichtbarkeit als Haltung

Kaufmann geht offensiv nach außen. Das Bestattungsauto ist offen gestaltet, sodass der Sarg sichtbar wird. Das Team ist in Schulen und Kindergärten unterwegs, gestaltet Kindernachmittage mit Eltern und spricht darüber, wie man mit Kindern über den Tod redet. Auf Straßenfesten oder sogar Marketingmessen taucht das Unternehmen mit einem Sarg im Bällebad auf, in dem Mutige Probe liegen dürfen.

Die zentrale Erfahrung: Die leichte, offene Ansprache macht es plötzlich einfach, über ein sonst tabuisiertes Thema zu sprechen. Kaufmann erzählt von einer Frau, die nach einem Gespräch zu Hause eine lebhafte Familiendiskussion auslöste – am nächsten Morgen habe der Vater klar formuliert, was er sich wünsche und was nicht. Zunehmend regeln Menschen ihren Abschied auch selbst vorab, ohne die Familie einzuweihen. Besonders relevant sei das in der queeren Szene, wo Menschen verhindern möchten, dass Angehörige über einen Abschied entscheiden, mit dem sie sich nicht identifizieren könnten.

Nähe statt professionelle Distanz

Statt eines „herzlichen Beileids“ gibt es bei „ab unter die Erde“ ein Hallo und ein Lächeln. Man fragt die Angehörigen, was sie gerade brauchen – reden über das Geschehene, über Gefühle oder direkt über die Organisation. Kaufmann setzt bewusst nicht auf professionelle Distanz. Sie nimmt Anteil, lässt Berührung zu und spricht auch eigene Emotionen offen an – etwa, als bei einem Abschied ein Lied lief, das auch auf der Beerdigung ihres Vaters gespielt worden war.

Für sie ist genau diese Ehrlichkeit der Kern ihrer Arbeit. Es sei nicht ihr Abschied, sondern der der Familien – doch ohne echte Anteilnahme, sagt sie, könnte sie den Beruf nicht ausüben. Manchmal brauche jemand einfach nur eine Hand zum Festhalten.

Wünsche ans Handwerk: Transparenz und Leichtigkeit

Gefragt, was sie mit einer radikalen Entscheidung verändern würde, nennt Kaufmann für ihre Branche radikale Transparenz – für Transporte, Krankenhäuser, Kühlhallen und Krematorien. Für das Handwerk insgesamt wünscht sie sich Leichtigkeit und den Mut, alte Pflichten zu hinterfragen.

Ihre Kernbotschaften im Überblick:

  • Studium und Handwerk schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.
  • Hohe Hürden rund um den Meisterbrief können begeisterte Talente ausbremsen.
  • Das Handwerk hat kein Nachwuchs-, sondern ein Sichtbarkeitsproblem.
  • Abschied darf das Leben eines Menschen feiern – individuell und budgetorientiert.
  • Über den Tod zu sprechen kann leicht sein, wenn man ihn sichtbar macht.