Was hat ein Fußballteam mit einem Handwerksbetrieb gemeinsam? Weit mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Im Gespräch der Sendung Handwerk spricht zieht der ehemalige Profisportler, Bestsellerautor und Unternehmer David Gil Cristobal Parallelen zwischen dem Hochleistungssport und der Arbeitswelt. Im Zentrum stehen Themen, die längst nicht nur das Handwerk betreffen, sondern gesamtgesellschaftliche Relevanz haben: Leistungsbereitschaft, Arbeitsmoral und die Frage, was gute Führung heute eigentlich bedeutet.

Vom Spielfeld in die Chefetage

Cristobals erste 20 bis 25 Jahre waren vollständig vom Fußball geprägt – von echter Hochleistung. Als er nach seiner sportlichen Karriere ins Unternehmertum wechselte, war ihm zunächst gar nicht bewusst, wie viel er aus dieser Zeit mitnahm. Erst mit der Zeit erkannte er, welche Fähigkeiten ihm sein sportliches Umfeld unbewusst vermittelt hatte: Leistung zum richtigen Zeitpunkt abzurufen, die Motivation hochzuhalten und Wissen weiterzugeben.

Sein Vergleich: Ein Fußballclub ist im Grunde ein Unternehmen. Es gibt einen Coach, einen Trainer, einen Manager, eine Medizinabteilung mit Physiotherapeuten – ein ganzes Netzwerk von Menschen mit unterschiedlichen Rollen. Genau dieselben Funktionen finde man auch in jedem Betrieb wieder. Aus dieser Erkenntnis heraus übertrug er die Mechanismen des Sports gezielt auf seine unternehmerische Tätigkeit.

Führen heißt, Energie zu übertragen

Auf die Frage, ob er sich eher als Coach oder als Trainer sehe, will sich Cristobal nicht festlegen. Beide Rollen seien untrennbar miteinander verwoben. Für ihn beginnt Führung mit dem Schaffen eines Umfelds, das Energie zulässt.

Bewegung bringt Energie. Ohne Bewegung gibt es keine Energie, da kommt keine Emotion hoch – und das muss man zuerst schaffen.

Gelingt es, diese Energie auf die Mitarbeiter zu übertragen, entstehe ein Dominoeffekt: Die Belegschaft werde bereit, Leistung zu bringen, ohne dass er – wie früher in der Halbzeitpause – in die Kabine hineinbrüllen müsse. Stattdessen setzt er auf Empathie, Zuhören und darauf, für jeden Einzelnen eine passende Taktik zu finden, die im Team funktioniert. Ebenso wichtig sei das Gespür dafür, wann bei einem Spieler oder Mitarbeiter der Energiepegel sinkt – und rechtzeitig einzugreifen, bevor man vom Wettbewerb überrannt werde.

Haben wir den Fokus verloren?

Beim Blick auf Gesellschaft und Arbeitsmarkt stellt Cristobal eine zentrale Frage: Haben wir den Fokus verloren? Zu viel Ablenkung im Alltag verhindere, dass Menschen ihr Potenzial ausschöpfen. Dabei könne man häufig mehr leisten, ohne mehr Energie aufwenden zu müssen – allein durch klare Schwerpunktsetzung.

Der Fokus sollte seiner Ansicht nach zunächst stärker bei einem selbst liegen. Er beginnt bei Körper und Geist: Wer körperlich und mental nicht in Balance sei, könne keine Leistung abrufen. Unzufriedenheit übertrage sich dann wie in einem Kaskadensystem auf Privatleben und Beruf. Entschleunigung und bewusst genutzte Zeit für sich selbst könnten helfen, wieder in Balance zu kommen – wovon am Ende auch der Arbeitgeber und die Arbeitsmoral profitierten.

Raus aus der Bequemlichkeit

Die nachlassende Leistungsorientierung sieht Cristobal als ein seit Jahren bestehendes Problem – von Verwaltungen über Konzerne bis hin zu Mittelstand und Handwerk. Vielleicht seien schlicht nicht die optimalen Anreizsysteme geschaffen worden. Gefährlich sei vor allem die Bequemlichkeit, die sich nach guten Jahren einstelle und die Leistung – oft unbewusst – sinken lasse.

Er vergleicht die Situation mit einem großen Tabellenvorsprung, der plötzlich durch Verletzungen, Auftragsverluste oder unvorhergesehene Ereignisse dahinschmelze. Entscheidend sei dann, ob man vorbereitet sei, schnell reagieren könne und bereit sei, das nötige Risiko einzugehen. Jetzt brauche es Menschen, die als Vordenker und Visionäre den ersten Schritt wagen. Diesen Weg müsse niemand allein gehen – es gehe darum, Gleichgesinnte zu finden, eine Gemeinschaft aufzubauen und so einer lauten, gewichtigen Stimme Gehör zu verschaffen.

Künstliche Intelligenz als Chance fürs Handwerk

Beim Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zeigt sich Cristobal optimistisch. Er zieht den Vergleich zum Aufkommen des Internets in den 2000er-Jahren: Damals wie heute gebe es Euphorie auf der einen und Ängste um Arbeitsplätze auf der anderen Seite. Doch heute komme man ohne diese Technologien nicht mehr aus.

Gerade im Handwerk – für ihn eine Leidenschaft, ähnlich wie der Fußball – biete KI eine große Chance: Sie könne administrative Aufgaben übernehmen und damit verlorene Zeit zurückgeben. Diese gewonnene Zeit lasse sich wieder in die eigentliche Leidenschaft und in mehr Qualität investieren. Man müsse dabei nicht tief in die Materie eintauchen; einfache, unkomplizierte Lösungen und kleine Schritte reichten aus, um sich heranzutasten und die Ergebnisse zu prüfen.

Der Hack: Mit kleinen Schritten in Bewegung kommen

Als praktischen Tipp für Zuschauer und Betriebe empfiehlt Cristobal einfache Prinzipien. Man solle sich bewusst Zeit für sich selbst und seine Mitmenschen nehmen und so ein positives Umfeld schaffen – privat wie im Unternehmen.

  • Sich bewusst Zeit für sich selbst und die Nächsten nehmen
  • Ein positives Umfeld schaffen, das auch Kollegen und Arbeitgeber Mehrwert bringt
  • Körperlich aktiv werden – ohne Extreme, mit Freude an der Bewegung
  • Auf gesunde Ernährung und Energiezufuhr achten
  • Schrittweise steigern: von 5 über 10 bis 15 Minuten

So justiere sich das Energielevel nach und nach nach oben, bis man körperlich und mental wieder Leistung abrufen könne – mit langfristigem Nutzen.

Der Stellenwert des Handwerks in der Schweiz

Zum Abschluss geht Cristobal auf seine Heimat, die Schweiz, ein. Das Handwerk genieße dort weiterhin einen hohen und berechtigten Stellenwert, habe aber durch Druck, strengere Lieferzeiten und gestiegene Erwartungen an Qualität eingebüßt. Die Berufe seien nach wie vor gefragt – das eigentliche Problem sei der fehlende Nachwuchs.

Handwerker werde man immer brauchen, betont er: Elektriker, Dachdecker oder Maler seien Berufe, die es seit Jahrtausenden gebe und die auch durch KI nicht verschwinden würden. Gerade das duale Bildungssystem biete eine hervorragende Grundlage. Angesichts des anstehenden Generationenwechsels appelliert Cristobal an die junge Generation, bestehende, gut funktionierende Betriebe zu übernehmen. Es wäre ein großer Verlust, wenn das über 40 bis 50 Jahre aufgebaute Wissen und Können mangels Nachwuchs verloren ginge. Für ihn steckt darin vor allem eines: eine große Chance.