Er war fast sechs Jahre lang Polizist in Bonn, ehe eine Dienstreise nach Berlin sein Leben veränderte: Im ersten Internetcafé Deutschlands begegnete Coskun Josh Tuna dem Netz – für ihn wie eine Begegnung der dritten Art. Er kündigte seinen sicheren Job bei der Polizei und stürzte sich in die digitale Welt. Heute, rund 24 Jahre später, ist er Medienunternehmer und Gründer der Plattform Kivon, auf der er gemeinsam mit Partnern Formate produziert. In einer Sonderfolge von Handwerk spricht saß der sonstige Gastgeber selbst vor der Kamera und sprach über Sichtbarkeit, den Umgang mit Medien und seine Erfahrungen mit dem Handwerk.
Sichtbarkeit: Nicht jeder muss vor die Kamera
Der Ruf nach mehr Sichtbarkeit begleitet viele Handwerksbetriebe. Doch was genau bedeutet das? Muss die Inhaberin oder der Inhaber selbst vor die Kamera treten oder den Weg in die Zeitung suchen? Tuna gibt Entwarnung: In einer reizüberfluteten Welt ergebe es keinen Sinn, dass sich jeder aufmacht, dauerhafte Sichtbarkeit aufzubauen. Wer das tue, gefährde womöglich sein eigenes Geschäft und verliere sich unterwegs.
Wichtiger sei es, die zu unterstützen, die ein Händchen dafür haben oder den Mut mitbringen, sich zu zeigen. Auch für ihn selbst sei das Auftreten vor der Kamera ein langer Lernprozess gewesen. Aus der Not heraus, seine Unternehmen bekannt zu machen, habe er zunächst Vorträge gehalten und die Bühne gesucht – und irgendwann den Spieß umgedreht, um selbst als Medienunternehmer anderen zu helfen, ihre Botschaft zu vermitteln.
Warum das Handwerk eine mediale Stimme braucht
Für Tuna steht fest: Die Handwerkszunft braucht eine mediale Stimme. Betriebe sollten sich nicht darauf verlassen, dass öffentlich-rechtliche oder andere Medien auf sie zukommen. Stattdessen sei es wertvoll, eine Vertrauensperson zu haben, die das Handwerk versteht und auf Augenhöhe kommuniziert – und nicht eine fremde Journalistin oder ein unbekannter Journalist.
Sein Appell: Wer in seinem Umfeld Menschen kennt, die in den sozialen Netzwerken als Fürsprecher agieren, sollte diese unterstützen – kritisch, fördernd, in Verbindung bleibend. Andernfalls gehe man im riesigen medialen Brei unter.
Besinne dich auf das, was du verstehst und beherrscht. Und wenn es dein Job ist, dann bleib bei dem Job. Aber wenn du Leute kennst, die in den Medien deine Zukunft vertreten können, dann hilf ihnen, dass sie das in deinem Sinne schaffen.
Gerade beim Werben um Nachwuchs spiele sich heute das meiste digital ab. Es gehe nicht darum, dass jeder Betrieb vertreten sein muss, sondern darum, dass die Inhalte, Themen und Berufe des Handwerks kommuniziert werden – idealerweise von denen, die es können. Nichts sei schlimmer, als etwas gewollt, aber nicht gekonnt darzustellen, weil das den gegenteiligen Effekt haben könne.
Ein halbe Million und drei Kilometer Kabel: Der Studioaufbau
Wie nah das Handwerk am eigenen Alltag liegt, erlebte Tuna beim Aufbau seines Berliner Studios in der Friedrichstraße. Er bezeichnet die Erfahrung als "brutal" und die Entstehung als "schwierige Geburt". Über eine halbe Million Euro wurden investiert, die Decke des Bürogebäudes musste heruntergenommen werden, sechs Tonnen Material wurden verbaut und über drei Kilometer Kabel verlegt. Selbst während des Gesprächs war ein Elektrikerteam drei Tage im Einsatz, um aus dem laufenden Lernprozess heraus neue Kabel zu ziehen und Dinge zu überarbeiten.
Für ihn seien das komplett neue Learnings gewesen. Was ihn dabei auszeichne, sei die Bereitschaft, immer dazuzulernen und auch hinzufallen. Mit seinem Team habe er die Haltung etabliert, dass Fehler gemacht werden dürfen – solange man daraus lernt und es besser macht.
Am Rande kam ein Detail zur Sprache, das viele überraschen dürfte: Der Ausbildungsberuf im E-Commerce ist dem Handwerk angegliedert. Wo genau die Grenze zwischen Handwerk und anderen Zuordnungen verläuft – etwa beim Bauzeichner, der bei der IHK angesiedelt ist, und dem technischen Zeichner beim Handwerk –, blieb offen. Eine Frage, die der Gastgeber künftig den Vertretern der Verbände stellen möchte.
Zusammenarbeit mit Betrieben: Der Ton macht die Musik
Seine Erfahrungen mit Handwerksbetrieben fielen unterschiedlich aus. Im gewerblichen Bereich habe er nahezu ausschließlich gute und solide Erfahrungen gemacht – möglicherweise, weil im B2B-Umfeld die Anforderungen klar seien und es wenig Überraschungen gebe. Zwar gab es Kleinigkeiten, die nachgebessert werden mussten, doch der Umgang sei klar und direkt gewesen.
Entscheidend sei die offene Kommunikation. Seine Erfahrung: Die meisten Handwerkerinnen und Handwerker könnten gut damit umgehen, wenn man direkt anspricht, was nicht in Ordnung ist – vorausgesetzt, es geschieht auf Augenhöhe und sachlich. Wer hingegen "wischiwaschi" daherkomme, aus einem schlechten Moment heraus Druck aufbaue oder den Auftraggeberstatus heraushängen lasse, schade der Zusammenarbeit ebenso wie ein Betrieb, der seinen Frust auf den Kunden abwälzt.
Als negatives Beispiel schilderte er eine private Situation, in der ein Arbeitgeber aus dem Handwerk einen Mitarbeiter vor seinen Augen zurechtwies – bei einer Dusche, die fünf entscheidende Zentimeter zu weit nach links gebaut worden war, sodass eine Tür nicht mehr aufging. Solche Momente verlangten Professionalität: Fehler eingestehen, sie hinter verschlossenen Türen klären und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Denn meist sei in der Kommunikationskette an einer Stelle etwas schiefgelaufen – ein klassisches Sender-Empfänger-Problem im Innenverhältnis.
Der Rat zum Schluss
Auf die Frage nach einem Tipp für die Zuschauer bringt Tuna es auf eine schlichte Formel: "Schuster, bleib bei deinen Leisten. Wo du nicht zu Hause bist, hol dir die Richtigen an Bord."
Zur Rolle des Handwerks in der Gesellschaft ist seine Haltung klar: Es müsse medial deutlich mehr stattfinden – aus informatorischer Sicht wie auch politisch. Ähnlich wie bei der Polizei, deren Bild oft auf die Uniform reduziert werde, gehe im Handwerk zu viel Wertschätzung verloren. Es brauche mehr Menschen und mehr Power in Produktionen, um die Zunft und die Menschen, die darin arbeiten, sichtbarer und politisch stärker zu machen.
- Nicht jeder Betrieb muss vor die Kamera – aber wer es kann, sollte gefördert werden.
- Das Handwerk braucht eine eigene mediale Stimme statt sich auf fremde Medien zu verlassen.
- Nachwuchsgewinnung spielt sich heute überwiegend digital ab.
- Offene, direkte Kommunikation auf Augenhöhe ist der Schlüssel zu guter Zusammenarbeit.
- Fehler eingestehen und gemeinsam lösen – statt Schuldzuweisungen vor Publikum.