Das Handwerk steht vor großen Herausforderungen: Ein wachsender Fachkräftemangel, hartnäckige Vorurteile und die Frage, wer künftig Verantwortung übernimmt – im Betrieb wie im Ehrenamt. Über all diese Themen sprach Carola Zarth, seit 2019 Präsidentin der Handwerkskammer Berlin und seit rund zwei Jahren Mitglied im geschäftsführenden Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, im Podcast Handwerk spricht. Ihr Anliegen ist klar: Das Handwerk muss wieder sichtbarer werden – und wieder Menschen für sich begeistern.

Ohne Nachwuchs stirbt das Handwerk

Für Zarth ist die Sache eindeutig: „Wenn wir die jungen Menschen nicht haben, dann stirbt das Handwerk aus." Gerade jetzt, wo in den kommenden fünf bis zehn Jahren viele Beschäftigte in den Ruhestand gehen, brauche es dringend junge Menschen und eine Gesellschaft, die sich dem Handwerk wieder öffnet.

Doch dabei fehle es dem Handwerk selbst mitunter an Selbstbewusstsein. Man habe verlernt, den eigenen Stolz nach außen zu tragen, so Zarth. Statt der positiven Seiten würden oft die belastenden Punkte in den Vordergrund gestellt. Dabei gelte, wie eine gemeinsame Bekannte einmal formulierte: „Ans Handwerk kann man sein Herz verlieren." Genau diese Strahlkraft müsse wieder stärker sichtbar werden.

Gegen Vorurteile aus vergangenen Jahrzehnten

Ein zentrales Problem sind für Zarth Vorurteile, die sich über Generationen hinweg verfestigt haben. Wenn ihr entgegengehalten werde, im Handwerk werde schlecht bezahlt und die Arbeit sei schmutzig und schwer, hakt sie inzwischen offensiv nach.

Aus welcher Erfahrungswelt und vor allem aus welchem Jahrzehnt beziehen Sie denn eigentlich Ihre Informationen? Können Sie mal überprüfen, ob die Lebenswirklichkeit und Ihre Vorstellungen noch übereinstimmen?

Überzeugungsarbeit müsse dabei auf allen Ebenen geleistet werden – bei Eltern, Großeltern, Lehrkräften und den jungen Menschen selbst. Denn es seien häufig gerade die Älteren, die veraltete Bilder weitertragen.

Von der Grundschule bis zum Talentecheck

In Berlin setzt die Handwerkskammer deshalb auf mehrere Projekte, die früh ansetzen. Seit zehn Jahren gibt es die Berliner Schulpaten, die sich an Grundschulkinder der vierten bis sechsten Klasse richten. An rund 30 Grundschulen sind Unternehmerinnen, Unternehmer und Angestellte unterwegs – nicht nur aus dem Handwerk, sondern etwa auch ein Hotelmanager oder ein BVG-Fahrer, die den Kindern ihre Berufswelt zeigen. Getragen wird das Projekt unter anderem von der Senatsverwaltung für Bildung, der GASAG und der Berliner Volksbank.

Zarth berichtet von einer erschreckenden Beobachtung: Gerade in Brennpunktgebieten hätten viele Kinder kaum noch eine Vorstellung von der Arbeitswelt, weil im familiären Umfeld oft niemand mehr in vielfältigen Berufen arbeite. Umso wichtiger sei es, ihnen Perspektiven aufzuzeigen – im Handwerk ebenso wie in anderen Bereichen, etwa in den ehrenswerten Pflegeberufen.

Ein weiterer Baustein ist der gemeinsam von IHK und Handwerkskammer getragene Talentecheck, den künftig alle neunten Klassen verpflichtend durchlaufen. Am Ende erhalten die Jugendlichen eine Auswertung, in welche Richtung ihre Talente gehen – ob eher praktisch-handwerklich oder in eine andere Richtung. Für unversorgte Jugendliche kämpfte Berlin zudem um die Wiedereinführung eines elften Pflichtschuljahres, das Praktikumsplätze schaffen und Orientierung bieten soll.

Türen ins Gymnasium öffnen

Ein besonderes Anliegen ist Zarth die Berufsorientierung an Gymnasien. Viele Schulleitungen sähen dies bislang nicht als ihren Bildungsauftrag – für Zarth angesichts des „Akademisierungswahns" und zahlreicher Studienabbrecher unverständlich. Mit der neuen Bildungssenatorin öffneten sich nun erstmals die Türen zu den Gymnasien.

Auch Universitäten kritisiert sie deutlich: Wenn Studierende ihr Fach abbrechen wollten, werde ihnen fast ausschließlich zu einem anderen Studium geraten – für sie „verwerflich", weil man so mit Lebenswegen junger Menschen spiele. Dabei böten gerade die Klimaberufe enorme Chancen. Am Ende gehe es nie um den Titel, betont Zarth, sondern um Leistung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Das Ehrenamt als Spiegel des Fachkräftemangels

Ähnliche Probleme wie im Betrieb zeigen sich im Ehrenamt. Zarth plädiert dafür, jungen Menschen bewusst Raum zu geben und rechtzeitig loszulassen. Ihr eigener Vorgänger, der mit Mitte 30 Präsident wurde, habe nach 16 Jahren selbst erkannt: „Mir gehen die Ideen aus." Vorbilder für den Nachwuchs seien entscheidend.

Als besonders unterschätzt sieht sie die ehrenamtliche Prüfertätigkeit. Vielen sei nicht bewusst, dass in den Gesellen- und Meisterprüfungsausschüssen Unternehmerinnen, Unternehmer und Beschäftigte aus den Betrieben sitzen. Die häufige Frage anderer Betriebe – „Was bringt mir das?" – ärgert sie:

Wir reden hier über unseren Nachwuchs. Da kann ich nicht einzig und allein darüber nachdenken, ob es mir für meinen Betrieb etwas bringt.

Zugleich sieht sie darin einen Kommunikationsansatz: Das Ehrenamt biete Vernetzung, Einblicke in die Denkweise junger Menschen und persönliche Weiterentwicklung. Ihre eigene Laufbahn begann 1991 mit der Gründung der Unternehmerfrau im Handwerk in Berlin – eine Position wie die heutige hätte sie sich damals nie vorstellen können.

Vorbilder sein und das Handwicht leben

Zum Abschluss gibt Zarth den Handwerkerinnen und Handwerkern einen klaren Rat mit: Vorbild zu sein. Nicht im Sinne früherer Zeiten, sondern indem man Handwerk „wirklich lebt, liebt und durchlebt" – und damit andere ansteckt.

Die Stellung des Handwerks in der Gesellschaft müsse sich dringend verändern. Denn wenn das Handwerk „leise stirbt", betreffe das nicht nur die Branche, sondern alle: von den Gesundheits- und Lebensmittelhandwerken über die tägliche Versorgung bis zum Bauen und zum Klimaschutz. Es sei ein Problem der ganzen Gesellschaft – und daran müsse man jeden Tag arbeiten.

  • Ohne Nachwuchs droht dem Handwerk das Aussterben.
  • Vorurteile aus vergangenen Jahrzehnten müssen aktiv widerlegt werden.
  • Berufsorientierung soll von der Grundschule bis ins Gymnasium reichen.
  • Das Ehrenamt braucht junge Menschen – und muss seine Vorteile besser kommunizieren.
  • Ein starkes Handwerk ist eine Frage für die gesamte Gesellschaft.