Boris Thomas ist Unternehmer in dritter Generation, gelernter Tischler, Redner und Autor. Sein Familienunternehmen Lattoflex, aus einer 1935 in Bremervörde gegründeten Tischlerei hervorgegangen, hat 1957 den ersten Lattenrost der Welt gebaut. Im Gespräch beim Podcast "Handwerk spricht" erklärt Thomas, warum das Thema Vertrauen für Unternehmen, Handwerk und Gesellschaft heute so entscheidend ist – und wo Deutschland dringend an Demut gewinnen muss.
Vom Tischlergesellen zum Lebensmentor
Thomas beschreibt seinen Weg als lange Entwicklung: von der händisch geprägten Tischlerei über ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens in Karlsruhe bis zur Übernahme der Geschäftsleitung vor über 30 Jahren. Aus der Tischlerei ist längst ein Industriebetrieb mit weltweitem Vertrieb geworden, der heute keine Möbel mehr baut, sondern "Betten gegen Rückenschmerzen". Er selbst blieb der letzte im Unternehmen ausgebildete Tischler.
Parallel interessierte er sich früh für Fragen der Persönlichkeitsentwicklung, absolvierte Coaching-Ausbildungen und begann vor rund 20 Jahren mit Vorträgen. Sein erstes Buch entstand aus der Beschäftigung mit dem Thema Krise – aus der Erfahrung, wie sein Unternehmen wiederholt durch Höhen und Tiefen gegangen ist. Sein neues Buch trägt den Titel "Trust" und widmet sich dem Vertrauen.
Ein massiver Vertrauensverlust auf allen Ebenen
Thomas beobachtet einen tiefgreifenden Vertrauensverlust – in die Gesellschaft, in Unternehmen, in Beziehungen und in uns selbst. Als langjähriges Mitglied der IHK-Vollversammlung und Vorsitzender der Bremervörder Wirtschaftsgilde hat er täglich mit Unternehmern zu tun und stellt fest: So viel Misstrauen in die Zukunft habe er selten erlebt.
Begonnen habe es mit der Coronazeit, verstärkt durch Inflation und Kriege. Unternehmer, die früher Krisen als vorübergehend abtaten, seien heute tief verunsichert. Diese Verzagtheit sei besonders problematisch, weil gerade Unternehmer aufgerufen seien, mutig voranzugehen. Zur Illustration erzählt er von einem Planungsmeeting, in dem ein Verkaufsleiter scherzhaft Tarotkarten und eine Glaskugel mitbrachte – ein Sinnbild dafür, dass sich das kommende Jahr kaum noch planen lässt.
Mehr Demut im internationalen Vergleich
Als weltweit reisender Unternehmer – der erfolgreichste Exportmarkt von Lattoflex ist derzeit China – warnt Thomas vor einer "Denksackgasse". Europa erliege der Illusion, die Welt drehe sich um Deutschland. Andere Staaten hängten uns strukturell und steuerpolitisch ab, während wir jahrelang unsere Hausaufgaben nicht gemacht hätten.
Sein Beispiel: In südchinesischen Schnellzügen gebe es durchgängigen 5G-Empfang auch tief unter der Erde, während in deutschen Tunneln bis heute Funklöcher herrschten. Ausreiseprozesse in Hongkong seien vollständig digitalisiert.
Wenn Du in Deutschland anrufst und Hilfe brauchst für dein Land, kriegst Du erst mal einen Vortrag. Wenn Du in China anrufst, kriegst Du den Flughafen.
Thomas betont, dies sei kein Vorwurf, sondern ein Aufruf zu mehr Demut: weniger Selbstherrlichkeit, mehr Zuhören, die eigenen Aufgaben erledigen. Neben "Trust" sei "Demut" für ihn der zweitwichtigste Begriff.
Vertrauen als Konto – und die Kommunikationslücke des Handwerks
Vertrauen sei wie ein Konto, so Thomas: Man zahlt ein, doch es kann schnell leer sein – eine falsche Bemerkung oder ein unfreundlicher Mitarbeiter genügen. Zentrale Grundlage sei Kommunikation, und genau hier sieht er im Handwerk noch Potenzial. Viele Handwerksbetriebe leisteten Herausragendes, doch kaum jemand wisse davon.
- Vertrauen ist eine Entscheidung, die man treffen kann – oder eben nicht.
- Handwerk steht für jahrhundertealte Werte, die es selbstbewusst kommunizieren sollte.
- Kommunikativ dürfe das Handwerk unternehmerischer werden und seine Geschichten erzählen.
Er erinnert an seinen Großvater, den Innungsmeister Karl Thomas, der scherzte, Handwerker sängen gemeinsam das "Lied der Solidarität", hätten die Melodie aber vergessen, sobald sie den Raum verlassen.
Führung in der Krise: Nähe statt Rückzug
Auch im Innenverhältnis schlage die gesellschaftliche Verunsicherung durch. Mitarbeiter fragten sich nach ihrer Zukunft. Thomas rät zu Klartext und einer klaren Vision. Sein Grundsatz: Läuft es gut, dürfe eine Führungskraft sich ruhig im Büro aufhalten. Läuft es schlecht, müsse sie sichtbar werden und Nähe zeigen.
In der Coronazeit verlor Lattoflex binnen 14 Tagen 80 Prozent des Umsatzes und rutschte in Kurzarbeit. Statt sich zu verschanzen, veranstaltete das Unternehmen Webinare und sendete aus der stillstehenden Fertigung – die Botschaft an die Händler: "Die Fertigung ist zu, aber wir sind noch da."
Offenheit statt Rollenspiel
Statt vom oft strapazierten Begriff "Authentizität" spricht Thomas lieber von Offenheit. Menschen spürten intuitiv, ob jemand ehrlich sei und keine Mauer aufbaue. Unternehmer zu sein hält er für einen der größten Selbsterfahrungsprozesse überhaupt – vergleichbar nur mit einer Ehe. Grundlagenwissen in Psychologie, ein durchlaufener Coaching-Prozess und ein Mentor an der Seite gäben die Kraft, sich angstfrei zu öffnen.
Technik und Social Media als Mittel zum Zweck
Digitale Kanäle seien ein enormer Booster und eine Riesenchance, Brücken zu Kunden weltweit zu bauen. Doch letztlich brauche es den menschlichen Kontakt. Ein persönliches Gespräch schaffe eine ganz andere Nähe als ein Videocall – und genau das sei die Stärke des Handwerks vor Ort.
Vision als großer Treiber
Ein entscheidender Unterschied zwischen erfolgreichen und stagnierenden Unternehmen sei die Vision. Wer wisse, wo er in zehn oder zwanzig Jahren stehen wolle, könne auch Täler durchschreiten. Thomas' eigener Anspruch: die besten Betten der Welt bauen. Statt zu fragen, wie man das nächste Jahr überlebe, solle man fragen, was zu tun ist, um das große Ziel zu erreichen. Die richtige Frage, so seine Überzeugung, führe zur richtigen Antwort.
Die Unsichtbarkeit des Handwerks
Abschließend zeigt sich Thomas traurig darüber, dass das Handwerk trotz seines wertvollen Beitrags immer unsichtbarer werde. Weder Unternehmertum noch Handwerk seien im Bundestag ausreichend abgebildet – ein Umstand, der Misstrauen nähre. Sein Appell: Handwerker sollten mehr "Influencer" im Wortsinn werden, ihr Können selbstbewusst in die Gesellschaft tragen und stolz auf Qualität und Leistung sein.