Sich mitten in Krisenzeiten selbstständig zu machen, erfordert Mut. Anne und Jens Rettig haben genau das getan: Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie eröffneten sie in Leipzig die Kaffeemanufaktur „oben auf“. In der Sendung „Handwerk spricht“ erzählen die beiden von ihrem steinigen Start, ihrer Leidenschaft fürs Kaffeerösten und den Herausforderungen, die die Inflation heute mit sich bringt.

Ein Start unter erschwerten Bedingungen

Das Paar lernte sich in London kennen – klassisch im Pub. Jens hatte sein Handwerk als Kaffeeröster in Mannheim von der Pike auf gelernt und anschließend in London eine Rösterei mit aufgebaut. Trotz hochkarätiger Angebote entschieden sich beide bewusst für eine Rückkehr nach Deutschland und ließen sich in Leipzig, Annes Heimatregion, nieder.

Doch der Weg in die Selbstständigkeit war zäh. Der deutsche Behördendschungel, Probleme mit den Stadtwerken beim Gasanschluss und eine wenig kooperative Hausverwaltung verzögerten die Eröffnung um Monate.

Zu dem Zeitpunkt, als wir dachten, das Buch sei abgeschlossen, war eigentlich erst das Vorwort geschrieben – und dann geht's richtig los. Und dann kam Corona.

Sechs Wochen nach der Eröffnung im Februar folgte der erste Lockdown. Die frisch gefüllten Kühlschränke mussten geleert und gereinigt werden, die Ware wurde weggeworfen. Weil es keine Vorjahresumsätze gab, fielen die beiden bei den staatlichen Hilfen weitgehend durchs Raster. Ihr paradoxer Vorteil: Durch die anstrengende Gründungsphase waren sie bereits im Krisenmodus, während andere „aus allen Wolken fielen“.

Kaffeerösten als Handwerk – und ein politisches Ärgernis

Die oben-auf-Kaffeemanufaktur deckt nahezu alle Schnittstellen rund um den Kaffee ab: Rösten, Ausschenken, Barista- und Latteart-Kurse, Verkostungen sowie Verkauf und Reparatur von Kaffeemaschinen. Ein Punkt, der Jens besonders umtreibt: Kaffeeröster ist in Deutschland kein geschützter Beruf.

Jeder dürfe Lebensmittel produzieren und verarbeiten – ohne fundierte Ausbildung. Jens hält das für widersprüchlich: Während für viele Handwerke ein Meistertitel verlangt werde, sei der Stellenwert von Lebensmitteln gering. Einen Zwang zum Meistertitel fordert er nicht zwingend, wohl aber mehr Wertschätzung für die duale Ausbildung, die deutschen Handwerkern weltweit einen hervorragenden Ruf verschaffe.

Kaffee auf Augenhöhe: Direkter Kontakt zu den Farmen

Für ihre Bohnen setzen Anne und Jens auf langfristige Partnerschaften. Sie beziehen Kaffee unter anderem aus Mexiko, El Salvador, Indien und Brasilien. Anne bereiste nach dem Kennenlernen vier Monate lang mit dem Rucksack Südamerika – Bolivien, Peru, Kolumbien, Argentinien und Chile –, um sich ein eigenes Bild vom Anbau zu machen.

Die beiden legen Wert auf ethische und qualitative Standards, faire Zusammenarbeit und Biodiversität. Kinderarbeit sei im Kaffeesegment leider verbreitet, weshalb der persönliche Kontakt zu den Bauern so wichtig sei. Statt sich nur auf Siegel zu verlassen, achten sie auf alte, hochwertige Sorten – im Gegensatz zu Produkten, die vor allem wegen Lagerfähigkeit und Größe im Handel landen.

Inflation trifft härter als Corona

Nach der dritten Corona-Welle hatten die beiden ihre Abläufe im Griff – doch dann kam die Inflation. Für Anne und Jens ist sie die gravierendere Krise, weil sie im Gegensatz zu Corona kaum planbar war.

  • Zutaten für die selbst gebackenen Speisen verdoppelten sich im Preis, ebenso der Milchpreis der regionalen Molkerei.
  • Durch die Mindestlohnerhöhung und gestiegene Sozialbeiträge wurde Personal deutlich teurer.
  • Der Vermieter schöpfte bei jeder Runde den maximalen Aufschlag aus.
  • Nahezu alle Kosten stiegen zwischen 30 und 50 Prozent.

Gleichzeitig ist eine deutliche Kaufzurückhaltung spürbar: weniger Kunden, ein niedrigerer Durchschnittsbon und Zurückhaltung beim Kauf hochwertiger Kaffeemaschinen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Eine top ausgebildete Gastro-Kraft wechselte während der Kurzarbeit als alleinerziehende Mutter zum Kinderarzt – wegen geregelter Arbeitszeiten. Viele qualifizierte Gastro-Mitarbeiter kehrten nicht zurück.

Expansion trotz hoher Zinsen

Ihr breites Aufstellungsprofil half den beiden durch die Pandemie – der Verkauf von Bohnen und die Onlinepräsenz federten die Ausfälle ab. Nun wollen sie eine Lücke füllen und in einen zweiten Laden mit Reparaturwerkstatt investieren. Doch die gestiegenen Zinsen erschweren das Vorhaben: Statt eines nahezu kostenlosen Kredits vor zwei Jahren landet man heute mit Bereitstellungszins und Bürgschaftsbank schnell bei rund sieben Prozent. Banken loben zwar den Mut zur Investition, ordnen das Unternehmen aber immer wieder in die Gastronomie-Schiene ein.

Ihr wichtigster Rat an andere Gründer: sich gründlich über Fördermöglichkeiten von Bund und Stadt zu informieren und aktiv Hilfe zu suchen. Mit dem Wirtschaftsdezernat der Stadt Leipzig machten sie sehr gute Erfahrungen.

Mehr Wertschätzung fürs Handwerk

Jens und Anne wünschen sich, dass das Handwerk in ein besseres Licht gerückt wird. Während Studiengänge überfüllt seien, suchten alle qualifizierte Handwerker. Man müsse aktiv an Schulen werben, Handwerker in Klassen schicken und Schüler in Betriebe holen – „weniger in den Hörsaal“.

Die beiden würden gerne ausbilden, im technischen wie im kaufmännischen Bereich, und nutzen das Gespräch für einen offenen Aufruf: Sie suchen Auszubildende. Ihre erste Auszubildende sei ihnen schlicht „zugelaufen“. Frustrierend sei die Bürokratie: Gastronomisch dürfen sie nicht ausbilden, weil beide BWL studiert haben, und zwischen IHK und Handwerkskammer hakt es an den Schnittstellen. So bleibt oft das fehlende Papier die entscheidende Hürde – ein politisches Manko, das die beiden gerne überwunden sähen.