Das Handwerk sucht händeringend Nachwuchs – doch die Sprache zwischen Betrieben und jungen Menschen scheint häufig nicht mehr dieselbe zu sein. Andreas Krebs, 49 Jahre alt und Geschäftsführer einer Gerüstbaufirma, hat sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Brücke zu bauen. Im Gespräch für den Podcast Handwerk spricht erzählt er, was ihn antreibt, warum er ausgerechnet über Umwege zum Gerüstbau kam und wie er heute Schülerinnen und Schüler für einen Beruf im Handwerk gewinnt.

Ein Weg über Umwege: vom Maurer zum Gerüstbauer

Krebs' eigener Werdegang zeigt, dass der gerade Weg nicht immer der richtige ist. Mit 15 oder 16 Jahren begann er eine Maurerausbildung – auf Wunsch der Familie, in der es bereits zwei Maurer gab. Doch er fand den Beruf schlicht "blöd" und war entsprechend kein guter Maurer. "Wenn man etwas nicht gerne macht, dann ist man in der Regel auch nicht besonders gut darin", sagt er heute.

Die Wende kam während der Ausbildung, als er gelegentlich Gerüste bauen durfte. Das fand er großartig. Er bewarb sich in einer Gerüstbaufirma, absolvierte eine Umschulung und wurde Gerüstbauer – zu einer Zeit, als der Beruf gerade erst zum anerkannten Ausbildungsberuf wurde. Bereut hat er diesen Schritt nie: "Es war wirklich der beste und schönste Schritt in meinem Leben. Und dieser Beruf passt halt zu mir."

Nähe statt Hierarchie: Werte im Handwerksbetrieb

Für Krebs geht es im Handwerk nicht allein ums Geld – auch wenn er die aktuelle Ausbildungsvergütung entlang der Tariflöhne durchaus als attraktiv bewertet. Wichtiger sei die Wertschätzung und der eigene Platz im Leben. Genau hier sieht er die Stärke des Handwerks:

Wir sind eine große Familie. Und ich glaube, das kann keine andere Branche abbilden.

In kleineren Betrieben bis etwa 15 oder 20 Mitarbeitenden sei die Nähe zu den Menschen noch selbstverständlich. Krebs kennt jeden seiner Mitarbeiter persönlich, interessiert sich für deren Familien und begegnet ihnen auch außerhalb der Arbeit auf Augenhöhe. In großen Konzernen mit mehreren Führungsebenen gingen solche Werte dagegen leicht verloren.

Vorurteile im Gerüstbau – und warum sie überholt sind

Gerüstbau gilt vielen als gefährlich und körperlich schwer. Krebs entkräftet beide Vorurteile mit Verweis auf die Entwicklung der Branche. Materialien seien leichter geworden, Querschnitte und Gewichte deutlich reduziert. Technologien wie Bauaufzüge und Transportbühnen erleichterten die Arbeit erheblich. Wo er in den 1990er Jahren Material noch mit langen Armen in die Höhe reichen musste, übernimmt heute die Maschine.

Gerade wegen der verbesserten Arbeitsbedingungen sieht er auch Platz für Frauen im Gerüstbau. Er würde gerne eine Frauenkolonne aufbauen und diese Entwicklung aktiv fördern – ein offener Aufruf an alle interessierten Frauen, sich bei ihm zu melden, auch für ein Praktikum.

Sicherheit, Planung und Verantwortung auf der Baustelle

Als Sachverständiger kennt Krebs auch die Schattenseiten der Branche. Improvisation auf der Baustelle sei heute weder sicher noch wirtschaftlich. Wo früher nach dem Prinzip "lade von allem etwas auf und komm erst wieder, wenn's fertig ist" gearbeitet wurde, setzt sein Betrieb heute auf gründliche Arbeitsvorbereitung durch drei Bauleiter, die jede Baustelle vorab aufmessen. Denn die Ressource Mensch sei die teuerste – wer improvisiert, brauche schnell 30 Prozent mehr Zeit.

Ein zentrales Thema ist die Haftung bei der Gerüstnutzung. Krebs stellt klar: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Der Gerüstbauer ist zur Abnahme durch eine befähigte Person verpflichtet, doch jeder Nutzer – nicht nur der erste – muss zusätzlich eine Augenscheinnahme durchführen. Denn:

Das perfekte Gerüst für den Dachdecker ist vielleicht das komplett falsche Gerüst für den Maler.

In der Praxis werde häufig zuerst das Gerüst bestellt und erst danach geplant – mit der Folge, dass sich das Gerüst als falsch bestellt herausstellt. Krebs schult inzwischen auch seine Kunden, damit sie wissen, was sie von einem Gerüst erwarten dürfen. Die Berliner Gewerbeaufsicht kontrolliere mittlerweile deutlich strenger, mit einer Fünf-Prozent-Kontrollquote und der Möglichkeit von Sanktionen bis zum Baustopp.

Nachwuchs gewinnen: Schulpate und "Unternehmen mit Klasse"

Beim Fachkräftemangel setzt Krebs auf Gelassenheit und Nachwuchsarbeit. Statt jeden Auftrag um jeden Preis anzunehmen, backe man notfalls ein Brötchen weniger – schließlich wolle man auch im nächsten Jahr noch Arbeit haben. Die eigentliche Aufgabe sieht er darin, junge Menschen zu begeistern.

Seit 2018 engagiert er sich als Berliner Schulpate, einem vom Senat unterstützten Projekt der Handwerkskammer. Bei Schulbesuchen im Speed-Dating-Format erzählt er Jugendlichen von seinem Beruf, gefolgt von Betriebsbesuchen, bei denen die Klassen selbst ein kleines Gerüst aufbauen dürfen. Vor zwei Jahren startete er zudem das Projekt "Unternehmen mit Klasse", für das er den Ausbildungspreis 2024 erhielt. Dabei übernimmt er die Patenschaft für eine siebte Klasse und begleitet sie bis zur zehnten.

Krebs hat beobachtet, dass viele Schüler das Abitur nicht aus eigenem Antrieb machen, sondern aus Angst vor dem, was nach der Schule kommt: "Schule ist zwar blöd, aber das ist kontrolliert blöd." Seine Aufgabe sieht er darin, die Hemmung abzubauen und Visionen zu pflanzen – ohne den Nachwuchs zwingend für den Gerüstbau zu werben. Mit 1.600 Kontakten in seinem Telefonbuch vermittelt er Praktikumsplätze in ganz unterschiedlichen Gewerken.

  • Nähe und Wertschätzung sind im Handwerk oft wichtiger als das Gehalt allein.
  • Moderne Materialien und Technik haben den Gerüstbau körperlich deutlich erleichtert.
  • Jeder Nutzer eines Gerüsts trägt Verantwortung – Unwissenheit schützt nicht vor Haftung.
  • Nachwuchsförderung gelingt über den direkten Kontakt zu Schülern und den Abbau von Ängsten.

Sein Rat: losgehen statt stehenbleiben

Als persönlichen Tipp gibt Krebs mit: "Das Schlimmste, was man tun kann, ist, nichts zu tun." Man müsse Wege gehen, sich ausprobieren, Grenzen infrage stellen und sich selbst fordern. Einem 16-Jährigen, der sagt, er könne etwas nicht, entgegnet er: "Woher willst du heute mit 16 Jahren wissen, was du alles kannst?"

Für die Positionierung des Handwerks in der Gesellschaft ist Krebs selbstkritisch: Man habe die Akquise lange stiefmütterlich behandelt und den Anschluss verloren. Doch in den letzten fünf Jahren seien viele wach geworden. Kammern und Innungen könnten begleiten – doch die Branche müsse sich vor allem selbst darstellen. Sein Wunsch für die Zukunft: einmal als Handwerker "mit Blaulicht durch die Stadt" fahren – ein Sinnbild für die Wertschätzung, die das Handwerk seiner Meinung nach verdient.